Unterhaltungsblati des Jorwürts Nr. 163. Donnerstag, den 22. August. 1901 (Nachdruil verboten.» 100) K V b e i k: Roman in drei Büchern von Emile Zola . Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Rosenzweig. Ehe Ragu schlafen ging, zündete er seine Pfeife an und gab in großen Umrissen ein Bild seiner Irrfahrten als wandern der Arbeiter, der sich, träge und genußsüchtig, gegen die Arbeit empörte. Er war eine der verdorbenen Früchte des Lohn sklaventums, der Sklave, dessen höchster Traum es ist, den Herrn von seinem beneideten Platze herunterzustoßen, bloß um diesen Platz selber einzunehmen und seinerseits die Kameraden auszusaugen. Für ihn gab es kein andres Glück, als ein großes Vermögen zu besitzen und in Genuß und Wohlleben zu schwelgen auf Kosten des Elends Tausender von armen Menschen. Und aufbrausend von Natur, dabei feige dem Herrn gegen über, ein gewissenloser Arbeiter, ein Trunkenbold, der zu keiner ausdauernden Thätigkeit fähig war, war er von Werk- statt, von Land zu Land gewandert, überall bald davon gejagt, manchmal selber in plötzlicher sinnloser Aufwallung davongehend. Niemals hatte er einen Pfennig beiseite legen können, überall war er beim Elend zu Gaste gewesen, jedes > neue Jahr hatte ihn tiefer sinken gesehen. Und als das Alter kam, war es wirklich ein Wunder, daß er nicht vor Hunger und Erschöpfung irgendwo im Straßengraben verendete. Bis an sein sechzigstes Jahr arbeitete er', konnte er, sich noch da und dort leichtere Beschäftigungen verschaffen. Dann kam er in ein Spital, mußte es nach einiger Zeit verlassen und wurde bald darauf in ein andres gebracht. Fünfzehn Jahre lebte er nun schon so zähe weiter, ohne recht zu wissen wie, sein Dasein vom Zufall des Tages fristend. Jetzt bettelte er, fand da und dort in einem Hause ein Stück Brot zum Essen, ein Bund Stroh zum Schlafen. Bei alledem hatte sich nichts in ihm geändert, weder die verbissene Wut gegen alle, die es besser hatten, noch die gierige Sehnsucht, ein Herr zu sein und im Genuß zu leben. „Aber," sagte Bonnäire, die zahllosen Fragen unter- drückend, die sich zu seinen Lippen drängten,„alle diese Länder müssen ja in Aufruhr sein. Hier ist es freilich sehr schnell gegangen, und wir haben einen Vorsprung vor den andren, wie ich weiß. Gleichwohl ist die ganze Welt in Vor- wärtsbewcgung begriffen, nicht wahr?" „O ja," erwiderte Ragu in seiner geringschätzigen Weise, „sie schlagen sich herum, und bauen überall die Gesellschaft neu auf, was aber doch nicht hinderte, daß ich nichts zu essen hatte." In Deutschland , in England, und besonders in Amerika hatte er große Streiks, furchtbare Empörungen mitgemacht. In allen Ländern, in die ihn seine Trägheit und Unbeständig- keit verschlagen hatten. war er Zeuge gewaltsamer Ereignisse gewesen. Die letzten Königreiche stürzten, Republiken entstanden an ihrer Statt, Bündnisse zwischen benachbarten Völkern begannen die Grenzen verschwinden zu lassen. Es war wie die Umwälzung im Frühling, wenn das Eis zer- bricht und unter den warmen Strahlen der Sonne in wenigen Tagen alles sprießt und aufblüht. Unverkennbar be- fand sich die ganze Menschheit im Zustande der Evolution, war endlich am Werke, das Reich des Glücks zu be- gründen. Aber er. der schleckte Arbeiter, der stets unzufriedene, genußgierige Mensch, hatte nur gelitten unter diesen Katastrophen, die ihm. wie er mit verbissenem Grimm sagte, bloß Hiebe und Wunden eingetragen hatten, ohne daß er je auch nur Gelegenheit gefunden hätte, den Keller eines Reichen zu plündern, um sich einmal nach Herzenslust volltnnken zu können. Heute, wo er ein alter Landstreicher, ein alter Bettler war, gab er keinen Pfifferling für ihr Reich des Friedens und der Gerechtigkeit I Damit bekam er seine zwanzig Jahre nicht wieder, damit konnte er nicht in einem Palast wohnen, mit Sklaven zu seinen Befehlen, und dort in Jubel und Freuden bis ans Ende seiner Tage leben, wie die Könige, von denen die Bücher erzählen. Und er sprach mit grimmigem Spott von all der dummen Mensch- heit, die sich's so sauer werden ließ, ihren Urenkeln, den Bürgern des nächsten Jahrhunderts, ein schöneres Haus zu bauen, dessen sich die heute Lebenden nur in ihren Träumen erfreuen können. „Diese Träume haben lange Zeit das Glück der Menschen ausgemacht," erwiderte Bonnaire ruhig.„Aber was Du sagst, ist nicht mehr wahr, heute steht das neue Haus fast vollständig fertig, und es ist sehr schön, sehr hell und fröhlich; ich werde es Dir morgen zeigen, und Du sollst sehen, ob es nicht ein Vergnügen ist, darin zu wohnen." Er erklärte ihm sodann, daß er ihn morgen an einem der vier großen Arbeitsfeste teilnehmen lassen werde, die am ersten Tage einer jeden Jahreszeit Beauclair mit Freude und Jubel erfirllten. Jedes dieser Feste hatte seine eignen, der Jahres- zeit angemessenen Belusttgungen. Und das von morgen, das Fest des Sommers, schmückte sich mit allen Blumen und Früchten der Erde, mit dem überquellenden Reichtum der Natur, mit der Pracht des tiefblauen, weitgespannten Himmels, an welchem die machtvolle Junisonne strahlte. Ragn war in seine düstere Unruhe zurückversunken, in die geheime Furcht, in Beauclair den alten Traum vom socialen Glück verwirklicht zu sehen. Sollte er wirklich, nachdem er unter qualvollen Kämpfen so viele Länder durchstreift hatte, die in den Wehen derGeburt der künstigen Gesellschaftsordnung lagen, sollte er wirklich diese Gesellschaftsordnung hier fast vollständig auf- gerichtet sehn, in dieser Stadt, in seiner Heimat, die er infolge einer wahnsinnigen Mordthat hatte fliehen müffen? Dieses so gierig überall gesuchte Glück, es war hier, bei ihm zu Hause, während seiner Abwesenheit geschaffen worden, und er war nur zurückgekehrt, um zu sehen, wie glücklich die andren waren, während es für ihn keine Freude mehr in diesem Leben geben konnte. Der Gedanke, daß er so durch eigene Schuld sein ganzes Dasein hoffnungslos verwüstet hatte, drückte ihn vollends nieder, und er trank schweigend, in finsteres Brüten verloren, die Flasche Wein aus, die sein Wirt vor ihn hingestellt hatte. Als dann Bonnaire sich er- hob, um ihn in sein Schlafzimmer zu führen, folgte er ihm schweren, müden Schrittes. Das Zimmer war sauber und freundlich, das Bett weiß und duftend, und der armselige Bettler fühlte diese brüderliche, freigebige, reichliche Gastfreundschaft wie eine schwere Last auf sich ruhen. „Also schlaf wohl, Alter. Auf morgen früh I" „Ja, auf morgen früh, wenn diese ganze verrückte Welt nicht während der Nacht zusammengestürzt ist." Bonnaire konnte jedoch, nachdem er sich ebenfalls zu Bett begeben hatte, nicht gleich einschlafen. Der Gedanke, mit welchen Absichten Ragu zurückgekehrt sein mochte, ließ ihm keine Ruhe und machte sein Herz beklommen. Zehnmal war er auf dem Sprunge gewesen, ihn direkt zu befragen, und hatte es wieder unterlassen, aus Furcht, einen gefährlichen Ausbruch herbeizuführen. Es war doch wohl das beste, abzuwarten und dann nach den Umständen zu handeln. Er fürchtete irgend eine gewaltsame Scene, fürchtete, daß dieser herab- gekommene Landstreicher, von Elend und Entbehrung toll ge- macht, seine Heimat nur wieder aufgesucht hatte, um einen schrecklichen Skandal hervorzurufen, um Lucas und Josine zu beschimpfen, um vielleicht gar sein Verbrechen zu wiederholen! Er nahm sich daher fest vor. ihm morgen nicht einen Augen- blick von der Seite zu»veichen, ihn überall selber hinzu- führen, damit er niemals allein sei. Indem er übrigens be- schloß, ihm alles zu zeigen, verfolgte er zugleich eine kluge Taktik; er hoffte, ihn durch den Anblick so großen Reichtums, so gewaltiger Macht zu lähmen, ihm das Bewußt- sein einzuflößen, wie wirkungslos und nutzlos dagegen die wütende Auflehnung eines Einzelnen sei. Und mit dem Ent- schluß zu diesem letzten Kampfe für die Harmonie, den Frieden und das Glück aller schlief Bonnaire endlich ein. Am nächsten Morgen um sechs Uhr ertönten Trompeten- fanfaren und sandten ihren lauten, fröhlichen Ruf über die Dächer von Beauclair, um das Fest der Arbeit an- zukündigen. Die Sonne stand schon, ein strahlendes, kraft- volles Gestirn, hoch an der herrlich blauen, unernießlich weiten Wölbung des Junihimmels. Fenster öffneten sich, Grüße flogen über die Bäume hinweg von Haus zu Haus, die Volksseele der neuen Stadt erwachte fröhlich zum festlichen Tage. Und die Trompeten schmetterten immerzu und erweckten von Gatten zu Gatten lustiges Gelächter und helle Kinderstimmen. Bonnaire fand, als er bei Ragu eintrat, diesen schon
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18 (22.8.1901) 163
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