Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 3.
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Sonntag, den 5. Januar.
( Nachdruck verboten.)
Foma Gordjejew.
Noman von Magim Gorki. Deutsch von Klara Brauner. Endlich kam die Hebamme eilig von oben und rief ihm mit dünner, freudiger Stimme zu:
"
Gratuliere Dir zum Sohn, Ignat Matwjeitsch!" Lügst Du nicht?" fragte er tonlos.
Was fällt Dir denn ein, Väterchen?"
Iguat seufzte aus der Tiefe seiner mächtigen Brust auf, stürzte auf die Kniee und murmelte mit zitternder Stimme, indem er die Hände fest an die Brust drückte:
" Ich danke Dir, Gott ! Du hast also nicht gewollt, daß mein Geschlecht aufhören soll! Meine Sünden werden vor Dir einen Fürbitter finden. Ich danke Dir, Gott . ach!" Und gleich nachdem er sich erhoben hatte, begann er laut zu kommandieren:
" He! Es soll jemand hinfahren und den Popen holen! Sagt, daß Jgnat Matwjeitsch ihn zu sich bittet, er möchte für die Wöchnerin beten!"
Ein Dienstmädchen kam und sagte aufgeregt zu ihm: " Ignat Matwjeitsch! Natalja Dominijchna ruft Sie... ihr ist schlecht!"
" 1
„ Schlecht ist ihr? Wird schon gut werden!" brüllte er mit freudig leuchtenden Augen. Sag, ich komm' gleich! sag, daß sie ein Prachtweib ist. Ich werd' nur ein Geschenk holen, dann kommi' ich! Wartet! Bereitet für den Popen einen Imbiß vor... laßt den Gevatter Majakin holen!"
Seine redenhafte Gestalt schien noch gewachsen zu sein, und er stürmte vor Freude berauscht sinnlos durch das Zimmer; er lächelte, rieb sich die Hände, warf den Heiligenbildern gerührte Blicke zu und bekreuzte sich, mit der Hand weit ausholend... Endlich ging er zu seiner Frau.
Dort fiel ihm vor allem ein kleines, rotes Körperchen in die Augen, das die Hebamme in einem Trog wusch. Als Ignat es fah, stellte er sich auf die Fußspißen, legte die Hand auf den Rücken und näherte sich, indem er vorsichtig auftrat und auf eine komische Weise die Lippen vorschob. Und das Körperchen wand sich und zappelte im Wasser, nackt, kraftlos und rührend in seiner Hilflosigkeit.
" Du, faß ihn vorsichtig an, er hat ja noch keine Knochen," fagte Iguat bittend und halblaut zur Hebamme. Sie lachte, indem sie ihren zahnlosen Mund aufmachte, und warf geschickt das Kind von einer Hand auf die andre.
„ Geh doch zu Deiner Frau!"
Er näherte sich gehorsam dem Bette und fragte im Gehen:
„ Nun, wie ist's, Natalja?"
Dann schob er den Vorhang fort, der das Bett im Schatten ließ.
" Ich werd's nicht überleben!" hörte er eine leise, heisere Stimme.
1902
die Hebamme; sie hielt das weinende Kind hoch in der Luft und sagte etwas sehr eindringlich, doch er hörte nichts, und konnte seine Augen von dem furchtbaren Gesicht seiner Frau nicht losreißen. Ihre Lippen bewegten sich und er hörte leise Worte, verstand sie aber nicht. Er saß am Rande des Bettes und sprach mit tonloser, schüchterner Stimme:
,, Dent nur, er kann ja nicht ohne Dich sein... er ist ja ein Säugling! Mach Dein Herz stark: jag diesen Gedanken von Dir! Jag ihn fort!"
Er sprach und wußte, daß es unnüß war. Thränen stiegen in ihm auf, und in seiner Brust bildete sich etwas, das schwer wie Stein und kalt wie Eis war.
Verzeih... mir... leb wohl! Gieb acht, gieb acht daß Du nicht trinkst!" flüsterte Natalja lautlos. Der Geistliche fam, bedeckte ihr das Gesicht und begann seufzend leise flehende Worte über ihr zu sprechen:
,, Allmächtiger, alles erhaltender Gott, der jedes Leiden heilt... heile auch Deine heute niedergekommene Sklavin Natalja und richte sie von dem Lager auf, auf dem sie liegt, wenn wir auch nach den Worten des Propheten David ,, in Unzucht gezeugt werden und vor Deinem Antlige alle unrein find".
Die Stimme des Alten zitterte, sein mageres Gesicht war streng und seine Kleider rochen nach Weihrauch.
" Behüte das von ihr geborene Kindlein vor allemt Bösen.. vor jeder Schlechtigkeit... vor jedem Sturm... vor den bösen Geistern des Tages und der Nacht..."
Ignat hörte dem Gebet zu und weinte schweigend. Seine großen, warmen Thränen tropften auf den bloßen Arm seiner Frau. Doch ihr Armi fühlte wohl nicht, wie die Thränen darauf fielen: er blieb unbeweglich, und seine Haut erbebte nicht unter der Berührung der Thränen. Nachdem Natalja das Gebet angehört hatte, verlor sie das Bewußt sein und starb am nächsten Tag, ohne zu jemand noch ein Wort gesagt zu haben- sie starb ebenso schweigsam, wie sie gelebt hatte.
Nachdem Ignat seiner Frau ein prunkvolles Begräbnis hatte zu teil werden lassen, taufte er seinen Sohn, den er Foma nannte, und gab ihn mit schwerem Herzen in das Haus des Taufpaten, seines alten Freundes Majakin, dessen Frau auch vor kurzem niedergekommen war.
Der Tod seiner Frau machte in Ignats dichtem, dunkeln Bart viele Haare grau, doch in dem finsteren Leuchten seiner Augen erschien ein neuer Ausdruck von etwas Weichem, Hellem und Freundlichem.
3weites Kapitel.
Majakin wohnte in einem geräumigen, zweistöckigen Hause mit einem großen Vorgarten, in dem mächtige, alte Lindenbäumte ihr reiches Geäft ausbreiteten. Die dichten Zweige bedeckten die Fenster des Hauses wie mit dichten, dunkeln Spizen, und die Sonne drang mit Mühe in zerfleinen Zimmer hinein, splitterten Strahlen in die
die mit vielerlei Möbel und großen Koffern angefüllt Ignat schwieg und blickte starr in das Gesicht der Frau, waren, fo daß im Hause immer ein trauriges, das in das weiße Kissen vergraben war, auf dem die dunkeln strenges Halbdunkel herrschte. Die Familie war fromm Haarsträhnen sich wie tote Schlangen abhoben. Gelb, leblos, der Geruch von Wachs, Weihrauch und Lampenöl erfüllte die mit schwarzen Flecken um die riesengroßen, weit offenen Augen erschien es ihm fremd. Auch den Blick dieser furchtbaren Augen, der unbeweglich irgendwohin in die Ferne durch die Mauer hindurch gerichtet war, kannte Ignat nicht. Sein Herz, das von einer bangen Vorahnung zusammengepreßt wurde, hielt sein freudiges Schlagen auf.
" Das macht nichts... gar nichts.. gar nichts... das ist immer so!" sprach er leise und beugte sich, um seine Frau zu küssen. Doch sie stöhnte ihm ins Gesicht hinein:
" Ich werd's nicht überleben!"
Ihre Lippen waren grau und kalt, und als er sie mit seinen Lippen berührte, begriff er, daß der Tod schon in ihr war.
O, mein Gott!" flüsterte er erschrocken, indem er fühlte, wie die Angst seine Stehle zusammenkrampfte und ihn nicht atmen ließ.
„ Natascha! Was soll denn mit ihm werden? Er muß ja die Brust haben! Was ist denn mit Dir?
Er schrie seine Frau fast an. Um ihn herum trippelte
Zimmer, Bußseufzer und Worte von Gebeten schwebten in der Luft. Die rituellen Gebräuche wurden genau und mit Freude erfüllt, die ganze unverbrauchte Seelenfraft der Hausbewohner löste sich darin aus. In der dämmerigen, schwülen und beklemmenden Atmosphäre der Zimmer bewegten sich lautlos, mit steten Büßermienen, dunkel gefleidete weibliche Gestalten mit weichen Pantoffeln an den Füßen.
Die Familie des Jakow Tarassowitsch Majakin bestand aus ihm, feiner Frau, seiner Tochter und aus fünf weiblichen Verwandten, von denen die jüngste vierunddreißig Jahre alt war. Sie waren alle gleich fromm, ohne Individualität und voll Ergebenheit gegen die Wirtin des Hauses, Antonina Iwanowna, eine große, magere Frau mit einem dunkeln Gesicht und strengen, grauen Augen, die herrschsüchtig und flug glänzten. Majakin hatte noch einen Sohn Taraß, doch dessen Name wurde im Hause nie er wähnt, die Bekannten wußten aber, daß Jakow sich von seinem Sohn losgesagt hatte, seit der neunzehn jährige Taraß zum Studium nach Moskau gefahren