Anterhaltungsblatt des Vorwärts
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. 23.
Sonntag, den 2. Februar.
( Nachdruck verboten.)
Toma Gordjejew.
Roman von Magim Gorki. Deutsch von Klara Brauner
Die Frühjahrsgeschäfte nahmen ein paar Tage in Anspruch, und Fomas empörte Gefühle beruhigten sich. Die Trauer über den Verlust des Menschen stumpfte den Zorn auf die Frau ab, und der Gedanke an die Erreichbarkeit dieser Frau verstärkte ihre Anziehungskraft. Und unmerklich begriff er plötzlich und faßte den Entschluß, zu Sofja Pawlowna hinzugehen und ihr geradeheraus und einfach zu sagen, was er von ihr wollte. Er empfand sogar eine gewisse Freude bei diesen Entschluß und ging dreist zu Medinskaja.
Die Dienerschaft der Medinskaja war seine Besuche gewohnt, und das Mädchen sagte auf seine Frage, ob die gnädige Frau zu Hause sei:" Bitte, in den Salon einzutreten. Die Gnädige ist dort allein."
Er erschrat ein wenig; doch als er seine vom Rod tadellos umspannte stattliche Gestalt und sein gebräuntes, von einem flaumigen schwarzen Bärtchen umrahmtes, ernſtes Geficht mit den großen dunklen Augen im Spiegel erblickte, hob er die Schultern und ging mit sicherem Schritt vorwärts durch den Saal.
Leise, sehr seltsame Saitentöne schwammen ihm entgegen; sie schienen leise und traurig zu lachen, sie beklagten sich über etwas und berührten das Herz so zart, als bäten sie um Gehör und hofften doch nicht, es zu erlangen... Foma hörte Musit nicht gern sie rief stets Traurigkeit in ihm hervor. Selbst wenn die Drehorgel im Gasthaus etwas Trauriges zu spielen begann, fühlte er banges Sehnen in der Brust und bat manchmal, die Orgel abzustellen, oder ging fort, da er fühlte, daß er diese Sprache ohne Worte, doch voll Thränen und Klagen nicht ruhig anhören könnte. Und jetzt blieb er bei der Salonthür unwillkürlich stehen.
1902
zweiten auf einen kleinen Sessel neben sich, wobei ihre Augen freudig lächelten.
" Ich war in der Bucht und habe meine Dampfschiffe angesehen," sagte Foma mit übertriebener Unbefangenheit, indem er den Sessel an die Couchette heranschob.
"
"
Liegt noch viel Schnee auf den Feldern?"
,, So viel Sie wollen. Es taut aber schon tüchtig.. Auf den Straßen ist überall Wasser."
Er blickte sie an und lächelte. Medinskaja schien die Ungezwungenheit seines Betragens und das Neue in seinem Lächeln bemerkt zu haben sie ordnete etwas an ihrem Kleid und rückte von ihm fort. Ihre Augen begegneten sich und Medinskaja senkte den Kopf.
"
Es taut!" sagte sie nachdenklich und betrachtete den Ring an ihrem Kleinen Finger.
" Ja- a.. es sind überall Bäche..." teilte Foma mit, indem er seine Schuhe bewunderte.
" Das ist gut... Der Frühling wird kommen." " Jetzt wird's nicht lange dauern..."
"
leise und schien dem Klange der Worte zu lauschen. Der Frühling wird kommen," wiederholte Medinskaja
lächelnd und rieb sich auf einmal fräftig die Hände. ,, Die Menschen werden sich verlieben," sagte Foma
ich
,, Haben Sie das vor?" fragte Medinskaja trocken. " Ich brauche das nicht... ich bin schon längst fertig... bin fürs ganze Leben verliebt..."
Und Foma rückte näher, indem er breit und verlegen lächelte.do
Sie blickte ihn flüchtig an und begann wieder zu spielen, indem sie auf die Saiten blickte und sinnend sagte:"
"
Der Frühling... Wie gut das ist, daß Sie erst jetzt zu leben beginnen... Das Herz ist voll Kraft... und es ist nichts Finstres drin.. Sofia Pawlowna!" rief Foma leise aus.
Sie hielt ihn mit einer freundlichen Bewegung auf.
,, Warten Sie, Täubchen! Heute kann ich Ihnen etwas Die Thür war mit langen Fäden bunter Perlen ver- Schönes sagen., Wissen Sie, bei einem Menschen, der hängt, die so aufgereiht waren, daß sie ein phantastisches viel gelebt hat, giebt es Momente, wo er in sein Herz_blickt Pflanzenmuster bildeten; die Fäden bewegten sich und dort unerwartet etwas längst Vergessenes findet. Es lag leife, und in der Luft schienen bleiche Blumenschatten zu jahrelang irgendwo auf dem Grund des Herzens, hat aber fliegen. Diese durchsichtige Scheidewand verbarg das Innere den Duft der Jugend nicht eingebüßt, und wenn die Erdes Salons nicht vor Fomas Augen. Wiedinskaja faß auf innerung es berührt, weht einem der Frühling entgegen.. der Couchette in ihrer Lieblingsecke und spielte Mandoline. Die belebende Frische des Lebensmorgens. Das ist schön, Der große japanische Schirm, der an der Wand befestigt war, aber sehr traurig.
Er
beschattete die kleine Frau im dunkeln Kleide mit der Die Saiten zitterten und weinten unter ihren Fingern, Buntheit seiner Farben. Die hohe Bronzelampe mit und es war Foma, als ob diese Töne und die leise Stimme dem roten Schirm um flutete sie mit dem Schein des der jungen Frau zart und freundlich sein Herz kizelten. Abendrots. Die zarten Töne der feinen Saiten zitterten beharrte aber noch auf seinem Entschluß, lauschte ihren Worten traurig in dem engen Zimmer, das von der weichen, duftigen und dachte, ohne ihren Inhalt zu verstehen: Dämmerung erfüllt war. Jezt ließ die Frau die Mandoline Sprich nur zu! Jegt glaube ich keinem Deiner auf ihren Schoß finken und schien starr auf etwas vor Morte
sich hinzublicken, indem sie die Finger wieder durch die Saiten Dieser Gedanke reizte ihn. Und er bedauerte, daß er gleiten ließ. Foma seufzte auf. Der leise Klang der Musik schwebte um Medinskaja, und ihren Worten nicht so aufmerksam und vertrauend wie früher
ihr Gesicht veränderte sich in einem fort, als senkten sich von irgendwo Schatten darauf herab, die vom Glanz ihrer Augen zergingen.
zuhören konnte. ,, Denken Sie daran, wie man leben muß?" fragte sie. ,, Manchmal denkt man daran... und dann vergißt Ich habe keine Zeit!" sagte Foma und
"
Foma blickte sie an und fand sie so allein weniger man's wieder. schön als in der Anwesenheit andrer, jetzt war ihr Ge- lächelte. Was giebt's da auch zu denken? Das weiß man ficht ernster und älter, in den Augen fehlte der Ausdruck la.. ja man sieht, wie die Menschen leben, man muß ihnen von Freundlichkeit und Sanftheit, und sie blickten gelang. also nachahmen." weilt und müde. Auch ihre Haltung war müde, es schien, ,, Ach, thun Sie das nicht! Es ist schade um Sie. Sie als wolle sie sich erheben und könne es nicht. Foma merkte, sind so gut! Es ist etwas Besonderes in Ihnen... was wie das Gefühl, mit dem er zu ihr gekommen war, in seinem Herzen durch ein andres ersetzt wurde. Er scharrte mit dem Fuß auf dem Boden und hüstelte
Wer ist da?" fragte die Frau, indem sie erschrocken zusammenfuhr. Auch die Saiten erzitterten und gaben einen bangen Laut von sich.
Ich bin es," fagte Foma, indem er die Perlenschnüre mit der Hand auseinanderstrich. " Ah! Wie still Sie sind Ich freue mich, Sie zu sehen... Sehen Sie sich!... Warum waren Sie so lange nicht da?"
,, Sie streckte ihm die eine Hand hin und zeigte mit der!
denn? Ich weiß nicht! Man fühlt das aber. Und mir scheint, es wird Ihnen sehr schwer werden, zu leben. Ich bin überzeugt, Sie werden nicht den gewöhnlichen Weg der Menschen Ihres Kreises gehen... nein! Ihnen kann ein Leben, das ganz dem Profit, der Jagd nach dem Rubel... diesen Geschäften geweiht ist, nicht angenehm sein o nein! Ich weiß, Sie werden etwas andres wollen. ja?"
Sie sprach schnell, mit Unruhe in den Augen. Foma dachte, indem er sie anblickte:
"
Wo will sie damit hinaus?"
Und er antwortete ihr langsam: