Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 33.
Sonntag, den 16. Februar.
( Nachdrud verboten.)
Foma Gordjejew.
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33] Roman von Magim Gorki. Deutsch von Klara Brauner „ Ich werde ihm... den Kopf abbeißen, Närrin!" entgegnete der alte Ljubow. Was kann ich ihm denn thun? Diese Schriftsteller sind nicht dumm und sind darum auch eine Macht, eine Macht sind sie, diese Teufel! Ich bin ja nicht der Gouverneur, und auch er kann ja einem weder die Hand verstauchen noch die Zunge binden. Sie nagen an uns langsam wie die Mäuse, und man vergiftet sie nicht mit Zündhölzern, sondern mit Rubeln... ja, ja! Nun, iver ist es also?"
" Erinnern Sie sich, als ich noch in der Schule war, kam ein Gymnasiast, Jeschow , zu uns? So ein kleiner, schwarzer...".
" Hm! Gewiß, ich habe ihn gesehen! Also der ist es?"
" Ja, der..."
Ich weiß schon.
" So eine Maus! Man konnte schon damals sehen, daß aus ihm nichts Rechtes würde. Er war schon damals allen im Wege. Ein aufgeweckter Knabe! Ich hätte mich damals mit ihm befassen sollen, vielleicht wäre etwas aus ihm ge
worden."
Ljubowi lächelte spöttisch, indem sie den Vater anblickte, und fragte herausfordernd:
" Jst denn der nichts, der in Zeitungen schreibt?" Der Alte antwortete lange nicht, trommelte mit den Fingern auf den Tisch und betrachtete sein Gesicht, das sich im blank geputzten Kupfer des Samowars widerspiegelte. Dann erhob er den Kopf und sagte eindringlich und mit Eifer:
" Das sind keine Menschen, das sind Geschwüre! Das Blut der Russen ist gemischt und verdorben, und von diesem schlechten Blut stammen alle diese Bücher- und Zeitungsschreiber, diese grimmigen Pharifäer. Sie schwären überall auf, und zwar immer mehr. Woher kommt diese Fäulnis des Blutes? Von der langsamen Bewegung. Woher kommten zum Beispiel die Mücken? Vom Sumpf. In stehendem Basser entsteht allerlei Gewürm. In einem untergeordneten Leben ist's ebenso."
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1902
Und in welcher Zeitung steht, daß Dich das Leben langweilt, und daß Du längst hättest heiraten sollen! Deine Interessen werden also nicht verteidigt! Ach, Du! Auch meine Interessen werden nicht verteidigt. Wer weiß, was ich will? Wer außer mir versteht meine Interessen?"
,, Nein, Papa, das alles ist nicht das Richtige, nein! Ich kann Ihnen nichts erwidern, doch ich fühle, daß es nicht so ist!" sagte Ljubowi fast verzweifelnd.
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Das ist doch so!" sprach der Alte bestimmt. Rußland ist voller Wirren, es giebt nichts Festes darin: alles wankt. Alles lebt schief, geht auf einer Seite; es giebt keine Harmonie im Leben... Jeder brüllt auf seine Weise. Und niemand versteht, was der andre benötigt! Alles ist im Nebel, alle atmen den Rebel ein, darum ist das Blut der Menschen faul, daher kommen die Geschwüre. Den Menschen ist viel Freiheit zu denken gegeben, es ist ihnen aber nicht erlaubt, etwas zu thun datum lebt der Mensch nicht, sondern er fault oder stinkt..
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Was soll man also thun?" fragte Ljubowj, indem sie ihre Ellbogen auf den Tisch stützte und sich gegen den Vater neigte. ,, Alles!" schrie der Alte voll Eifer auf.„ Alles soll man thun können! Jeder soll das thun, was er kann! Und darum muß man den Menschen die volle Freiheit geben, die volle Freiheit! Wenn die Zeit schon einmal so ist, daß jeder Grünschnabel glaubt, er fönne alles und sei geschaffen, um über das Leben ganz zu verfügen dann soll man dem Galgenstrid die Freiheit geben! Lebe dich nur aus, du Luder! Lebe nur! Ach! Dann würde eine Komödie folgen: wenn der Mensch fühlt, daß er keine Zügel mehr hat, dann wird er über seine eignen Ohren hinaus wollen und wird wie eine Feder hin und her fliegen. Er wird sich für einen Zauberer halten und wird sich aufzublasen fuchen..."
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Der Alte machte eine Pause und fuhr mit einem sardonischen Lächeln und mit gesenkter Stimme fort:
Er wird einen oder zwei Tage wichtig thun, wird sich nach ,, Er hat aber keine große Fähigkeit, etwas zu schaffen! allen Seiten hin spreizen und wird bald schwach werden, der Arme! Denn sein Juneres ist durchfault... Ha, ha, ha! Das ist nicht richtig. Papa!" sagte Ljubowi weich. ha, ha, ha!- jene würdigen, echten Menschen, die die Da werden die echten Menschen das Täubchen fangen, Wieso ist das nicht richtig?"
B
Die Schriftsteller sind die uneigennütigsten Menschen. wahren Herren über das Leben sein können... die das Das sind edle Naturen! Sie wollen ja nichts für sich, sie Leben nicht mit dem Stock und nicht mit der Feder, sondern streben nur nach Gerechtigkeit. nur nach Wahrheit! Sie mit der Hand und mit der Vernunft regieren werden. Sie werden sagen: Nun, seid Ihr müde, Ihr Herren? Sie Nun, Eure Milz verträgt wohl kein werden sagen: So- o!..." Und der Alte schloß richtiges Feuer? seine Auseinandersetzungen mit erhobener Stimme, in gebieterischem Zon: Nun, Ihr Gesindel, schweigt und muchst nicht! Sonst werden wir Euch von der Erde schütteln, wie Würmer bom Baum! Schweigt, Ihr Täubchen! Ha, ha, ha! Das wird geschehen, Ljuba. Ha, ha, ha!"
sind keine Mücken!" Ljubowj wurde lebhaft, während sie die ihr nahestehenden Menschen lobte; ihr Gesicht flammte und ihre Augen blickten den Vater mit einem Ausdruck an, als bäte fie ihn, ihr zu glauben, da sie nicht im stande sei, ihn zu überzeugen.
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Der Alte war guter Laune. Seine Gesichtsfurchen be wegten sich, er zitterte, sich an seinen Worten berauschend, schloß die Augen und schmaßte mit den Lippen, als tofte er seine Weisheit aus.
Und dann werden diejenigen, die im Wirrwarr die Oberherrschaft gewinnen, das Leben auf ihre Art weise einrichten. Die Sache wird dann nicht aufs Geratewohl vor sich gehen, sondern wie nach Noten! Wir werden das nicht erleben, schade!"
Ach, Du!" unterbrach sie der Alte seufzend. Du hast Dich vollgelesen! Du hast Dich vergiftet. Sag' mir, wer sind fie? Das weiß man nicht! Zum Beispiel Jeschow ... was ist er? Ein Lamm Gottes! Sie streben nur nach Wahrheit,- was soll man dazu sagen? So etwas Bescheidenes! Und wie ist's, wenn die Wahrheit das Allerteuerste ist? Wenn vielleicht jeder schweigend nach ihr sucht? Glaube mir, ein Mensch kann nicht uneigennüßig sein... er wird sich nicht für etwas schlagen, das ihm fremd ist... und wenn er es thut, ist er ein Dummtopf und wird niemand nügen! Der Mensch muß sich selbst verteidigen können... das, was sein eigen ist... dann wird er es zu etwas bringen! Auch etwas! Die Wahrheit! Ich lese fast vierzig Jahre eine und Die Worte des Vaters fielen eins nach dem andern wie dieselbe Zeitung und sehe gut... Da ist mein Gesicht vor Maschen eines großen, festen Netzes auf Ljuba herab; sie dir, und vor mir im Samowar ist auch mein Gesicht, aber ein fielen herab und umstrickten sie, das Mädchen konnte sich daandres... Diese Zeitungen verleihen allem eine Samowar von nicht befreien und schwieg, durch die Rede des Vaters fraße und sehen nicht das wahre Gesicht... Und du glaubst betäubt. Sie blickte ihm angestrengt ins Gesicht und suchte ihnen... Ich weiß aber, daß mein Gesicht im Samowar in seinen Worten nach einer Stüße für sich; sie hörte aus verzerrt wird... Man kann niemand die echte Wahrheit sagen: der Mensch hat eine zu dünne Kehle dafür... sie ist auch niemand bekannt, die echte Wahrheit.
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ihnen etwas heraus, was sie auch in den Büchern gelesen hatte, und was ihr als die echte Wahrheit erschien. Doch das schadenfrohe, triumphierende Lachen des Vaters stach sie ins Papa!" rief Ljuba wehmütig aus. In den Büchern Herz, und diese Furchen, die wie kleine, dunkle Schlangen und Zeitungen werden doch die gemeinsamen Interessen aller über sein Gesicht krochen, flößten ihr Angst vor ihm ein. Sie Menschen verteidigt." fühlte, daß er sie fort von dest, was ihr in ihren Träumen