Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 73.
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Dienstag, den 15. April.
( Nachdruck verboten.)
Auf der lekten Schäre. Roman von Gustav af Geijerstam. Märta wollte Niels zeigen- ja, wenn es notwendig war, wollte sie Niels zeigen, daß sie einen andern Bräutigam haben tcnnte, bis er zurückam.
Ihre ganze junge Seele war in Aufruhr, und sie war zuweilen so verzweifelt, daß sie sich vor sich selbst schämte. Aber nicht um die Welt hätte sie irgend einen Menschen ahnen lassen, wie es eigentlich in ihr aussah. Sie stellte sich vergnügt, sie scherzte mit der Jugend, war, so viel sie konnte, draußen und zeigte sich überhaupt überall, wo Menschen zu fammentamen. Aber nie fiel es ihr ein, daß sie das that, um möglicherweise einen Schimmer von Niels zu erhaschen, und nie glaubte fie, daß es wirklich und wahrhaftig not wendig sein würde das, daß sie sich einen andern Bräutigam verschaffen mußte, um zu zeigen, daß sie sich selbst helfen konnte.
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denken als an Niels, bis er wieder kam. Und dann wollte sie ihn herzen und füffen, wie sie es nie gethan. Alles, fum was er bat, würde sie ihm geben. Alles, alles, alles! O Gott im Himmel, er brauchte nicht einmal zu bitten.
Ohne daß sie daran dachte, begannen ihre Lippen sich zu regen, so wie wenn sie in der Kirche saß. Es war nicht zum Gebet, es war nicht zum Gefang. Es war eher etwas, das einer Beschwörung glich. In dieser Stunde that Märta ein Gelöbnis, so wie Seeleute es thun, wenn sie in höchster Lebensgefahr sind. Sie gelobte, daß wenn Niels sich nur umwendete und ihr einen Blick schenkte, sie jeden Sonntag zur Kirche gehen wollte, bis er heimkam. Sie gelobte es, und ihre Lippen bewegten sich und sprachen heiße, brennende Worte.
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Märta stand aufrecht am Strande und fah dem Delphin" nach, der langfam fortglitt. Sie wollte nichts, sie dachte nichts, fie fah nur eines. Sie hatte Niels erblickt. Er stand gegen die Brüftung gelehnt und starrte hinaus aufs Wasser. Aber er drehte sich nicht um, kein einziges Mal sah er zurück.
Erst am Morgen, als fie auf der Brücke neben Vaters Da durchzuckte Märta eine Erinnerung, sie hatte fagen Seeschuppen stand und den„ Delphin " sich zur Abfahrt hören, daß, wer sich auf eine lange Fahrt begiebt und sich rüsten sah, wurde es ihr in feiner ganzen Wirklichkeit fein einziges Mal unwendet und die Heimat ansieht, niemals Klar, daß das Geschehene geschehen und nicht mehr zu zurückkehrt. Der Gedanke strich durch ihre Seele und verändern war. Wohl hatte sie gehört, daß Niels es sich über schwand, wie er gekommen. Er erweckte feine Angst, ſetzte legt hatte und an des Vaters Statt reisen würde. Man sich überhaupt noch nicht in ihr fest. Jetzt war sie aushatte auf dem Tanzplatz davon gezischelt, und man wollte schließlich von einem einzigen Gefühl beherrscht; alles war wissen, daß es Wahrheit war. Aber nie hatte Märta glauben unwiderruflich vorbei, und sie konnte es nicht faffen. tönnen, daß es wirklich geschehen würde. Da kam das Boot. Sie blieb stehen, bis das Boot so weit gefommen war, Darin faßen Olausson, Mutter Beda und Niels. Sie waren daß sie nichts mehr unterscheiden konnte, als die Bewegung so nahe, daß Märta fie gut hätte anrufen können. Der alte der Geftalten an Bord, den Bootrand, der in das Olausson faß am Ruder und Niels auf dem Achterbrett Wasser schnitt, und die weißen Segel, die in der Sonne beim Steuer. Er saß mit dem Rücken zum Land und er sah nicht um, wie es Sitte und Branch ist, wenn Fischer eine Lange Fahrt unternehmen, Aber plöglich mußte Märta an die Gefahr denken, daß jemand sie sähe, daß Mutter Beda sich umwendete und entdeckte, daß sie da stand, um Niels nachzusehen.
gliserten. Da stieg etivas in ihr entpor, was sie nie zubor gefühlt. Es war keine mädchenhafte Bitterteit, es war nicht Schmerz, es war überhaupt nichts, was Menschenzungen mit Worten ausdrücken können. Aber wie von selbst tauchten in ihr die letzten Worte auf, die Niels ihr gejagt. Sie erfüllten fie mit Schrecken und mit einer Art Vorfah, der alle Wildheit der Weibnatur wie Feuer durch ihre Adern jagte. Die Worte lauteten:
,, Geh Du, mit wem Du willst. Ich will nicht." " Ja, ja," sagte Märta laut, ich werde gehen." Und mit langsamen, abgemessenen Schritten ging sie auf einem Umweg heim zur Hütte unten im Dorf, wo die täg lichen Verrichtungen ihrer warteten. UN
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Rajch machie Märta Kehrt und lief. Aber nicht heimwärts. Bloßfüßig und ohne Kopftuch, wie sie ging und stand, schlug fie den Weg zu der äußersten Landspite der Insel ein. Sie lief geradeswegs über den Hügel, wo der Lotsenausguck lag, fümmerte sich nicht darumt, ob jemand sie fah, kam zum Strande hinab, fauerte sich neben einem großen Stein zu fammen und blickte hinaus übers Meer. Erst jetzt fiel es ihr ein, daß sie fich gerade unterhalb des Baues befand, beinahe auf derselben Stelle, wo Niels und sie an jenem ersten Abend gewesen waren, an dem alles in ihnen und um sie Die Tage wurden fürzer und die Nächte dunkler, die froh und licht gewesen. Vielleicht würde er sie sehen, vielleicht Dämmerung fenkte sich zeitig auf die Schären, das Licht des würde er über ein Mädchen lachen, das so einem Burschen Leuchtturmes glommt wie ein Leitstern über dem dunklen nachlief. Märtas Wangen glühten. Eine solche Schande! Baffer, die Matrelen schwammen nahe dem Ufer, und es beEine solche Schande! Aber vielleicht fah er sie gar nicht, viel- ganu gelb zu werden im Laub der kleinen Bäumchen, die im Teicht schaute er überhaupt nicht zum Lande hin. Ach, das wäre Schuhe aufgeführter Mauern wuchsen, oder in der färgnoch schlimmer. Das wäre zehntausendmal schlimmer. Das lichen Erde, die mühselig zwischen den zusammengedrängten wäre das allerschlimmste. Und Märta troch neben dem Stein Häufern gesammelt worden war. Man fühle, daß der Herbst zusammen, und während die Wellen ihre bloßen Füße be herankam. nekten, wartete fie, den Delphin" hinter der Landspite hervortauchen zu sehen, und dabei begannen die Thränen zu fließen, eine um die andre. Sie fielen in Tropfen auf ihre braunen runden Wangen, und in diesem Augenblick war sie so demütig und renevoll, daß, wenn fie Niels hätte erreichen fönnen, sie sich zu seinen Füßen niedergeworfen, ihn unter strömenden Thränen gebeten hätte, ihr zu verzeihen, und versprochen, es nie wieder zu thun.
Und mm tam der Delphin". Sie hörte die Rufe, als die Männer die Segel refften. Groß, fest und wohlgebaut durchschnitt er die Wellen, eine breite Schaumfurche hinter sich laffend, und die weißen Segel blähten sich in Westwind. Denn der Wind hatte umgeschlagen, und der Delphin" mußte sich scharf dagegen halten, um ins Meer hinauszukommen.
Märta war so demütig in diefer Stunde, daß sie meinte, Niels müßte es spüren, wie er da stand, und sich umdrehen und sie erblicken. That er das, wendete er sich um und fchwang die Müße, dann follte alles wieder gut werden, dann wollte fie glücklich fein. Ach, sie würde an nichts andres
Auf der Dampfschiffbrücke, die voll Kisten, Säcken, Tonnen, Brennholz und all den Waren war, welche als Austausch gegen die Fische der Schären gesandt wurden, ging Fille Bumm auf und ab und wartete auf einen Handelsreisenden, dem er versprochen hatte, nach Marstrand zu führen. Fille Bumm war guter Laune, denn der Handelsreisende war ein lustiger Kerl aus Göteborg und segelte nie ohne Cognac buddel und eine gespite Cigarrentasche im Paletot. Dies waren Dinge, auf die Fille Bumm im allgemeinen Wert zu legen pflegte. Aber diesmal war er besonders geneigt, die erwähnten Vorteile nach Gebühr zu schätzen. Am Abend vorher hatte nämlich der Großhändler seine Bekannten im Gafthof frattiert, und Fille Bumm war mit dabei gewesen. Der Großhändler hatte Kartenkunststücke gemacht, Kalle P.") gefungen und einem dankbaren Gratispublikum Theater vorgespielt, und Fille Bumm war recht wackelig auf den Beinen gewesen, als er über den Berg in fein Dachfämmerlein fletterte. Darum ging nun Fille Bumm herum und sehnte
*) Ein belanntes Couplet.