Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 140.

60)

Dienstag, den 22. Jult.

( Nachdrud verboten.)

Der Manksmann.

Roman von Hall Caine . Autoristerte Ueberlegung

III.

1902

Booten zurück kamen. Als der ganze Fang an Bord gebracht war, tnieten die Männer in gewohnter Weise auf dem Deck nieder, das Gesicht in der Müze verbergend; gleich darauf sprangen sie mit einem lauten Schrei( vielleicht einem Fluch) in die Höhe, drehten das Schiff nach dem Wind, hißten die Raasegel und fuhren nach Hause. Der dunkle Nordwest hatte sich inzwischen stark verfinstert und die Wellen gingen hoch. Zum Frühstück, Jungen!" rief jett Pete, der den Kopf aus der Kajütenluke hervorstreckte, und alle bis auf den Mann am Steuer gingen hinunter. Hier stand ein Topf voll der überzähligen Fische, und ein jeder seine Warp Heringe.*) Der nächtliche Fischzug war ungemein ergiebig gewesen. Einige Boote waren bis zum Rande gefüllt und alle hatten mehr als genug.

"

Wir werden ein leidliches Geschäft machen, wenn wir guten Absatz finden," sagte Bete.

"

Am nächsten Tage schrie der Ausrufer: Große Ver­sammlung der Fischer, im Zickzac zu Beel, früh morgens, nach Ankunft der Boote Protest gegen die Hafensteuer." Das tommt wie gerufen," dachte Pete und preßte die Hand von außen auf seine Brusttasche. Um fünf ühr nach mittags ging er zum Hafen hinunter, wo seine Rickey" am Quai lag, und rief dem Schiffsführer zu: Nehmt heut nacht einen überzähligen Mann mit, Mr. Kemish;" dann sprang er aufs Deck und half das Boot in die Bucht hinaus bringen. Wenn wir nur erst wieder zu Hause wären," meinte Man mußte es mit Stangen längs des Quais hinschieben, der Schiffer, und in demselben Augenblid traf eine mächtige denn der Wasserstand war niedrig und kein Wellenbrecher vor- Boge mit der Gewalt eines Schmiedehammers die Luvseite handen. Es war erst der Anfang der Heringszeit, aber die des Bootes, und der Kloben am Topp des Mastbaumes fing Fischerei schon in vollem Gange. Fünfhundert Boote aus an zu fingen. allen Teilen der: Infel zogen auf den Fang aus. Der Wir wollen heute morgen in Peel anlaufen, Leute," Heringsgrund lag an dem Südwestende der Insel. Ehe fagte" Pete mit gedämpfter Stimme, weil er den Mund voll Betes Boot ihn erreichte, hatte die ganze Flotte sich zu­sammengeschart wie ein Flug Seevögel; die Sonne stand" Peel?" sagte der Schiffer und ließ die Unterlippe hängen. " Der Hafen dort ist ja nicht einmal gut genug für' ne frische Brise, geschweige für einen Nordwest." " Ich will zur Fischerversammlung gehen," sagte Pete

schon tief am Himmel. Sie ging an jenem Abend sehr zornig und rot hinter den Bergen von Mourne unter; gegen Nordwest war der Himmel dunkel und drohend, die runde Linie des Horizonts undeutlich und gebrochen es gab aber wenig Wind und das Wasser lag ruhig.

Beilegen und los," rief Pete und sie segelten nach dem Teil der Flotte, der dem Lande zunächst lag, gegenüber der Schulter des Calf mit seinen zwei ineinander fließenden Lichtern. Das Boot wurde mit dem Bug gegen Wind und Flut gebracht, das Netz vom Steuerbord ausgeworfen und der Bug der Linie der schwimmenden Mollags zugewendet; Boot und Net fingen an, zusammen weiter zu treiben.

Man tischte das Abendessen auf und arbeitete an der Pumpe; die Lichter wurden aufgezogen und das kleine Boot ausgeschickt, um mit einem flackernden Licht die bösen Geister ringsum zu verscheuchen; dann sank die Nacht herab, eine finstere Nacht ohne Mond, ohne Sterne, welche die Insel berbarg, so nahe sie war, selbst die sonst weithin sichtbaren Felsen Henne und Küchlein". Der Mann, der die erſte, einstündige Wache hatte, trat ans Steuer; die übrigen gingen

hinunter.

Betes Schlafstelle war unter dem Kompaßhäuschen, wo eine Lampe brannte, deren Licht auf einen schon mit der Marke versehenen Briefumschlag fiel, den er von Zeit zu Zeit aus der Tasche zog, um die Aufschrift zu lesen. Sie

Lautete:

13 Kap'tän Pietr Quilliam

Ulmenhaus. Ramsey I. O. Man.

hatte.

furzweg.

So legten sie denn um, ehe der Sturm losbrach, und fuhren mit der Flotte weiter, die wie ein Flug Möwen, Boot rollten mit Macht heran und bespülten die Gefichter der an Boot gereiht, vor dem Winde dahinschoß. Die Wellen Männer, die in ihren geölten Leinwandkitteln vor der Schiffs­luke saßen und die Heringe aus den Negen in den Kielraum schütteten.

Ihre eigentliche Arbeit fing aber erst in Beel an. Es war Flutzeit, und einen Wellenbrecher gab es nicht, die Einfahrt zum Hafen war eng, und vierhundert Boote kamen, Schutz zu suchen und ihre Fracht zu landen. Es war eine Scene voller Auf­egung und Verwirrung. Die Menschen schrieen, fluchten und stießen sich; die Boote drängten und quetschten sich knirschend an einander, um die Einfahrt zum Hafen zu gewinnen; man warf immer neue Taue auf den Quai hinüber, wo schon fünfzig um einen Pfosten gewunden waren, oder suchte Anker­grund längs des Felsenufers am Schloßberg, das steil empor­stieg und wenig Sicherheit bot. Es gelang Pete zwar, ans ufer zu kommen, seine Rickey" mußte aber mit der halben stieg und wenig Sicherheit bot. Flotte wenden und um die Insel herum fahren. Als er ans Band sprang, kam der ratloje Hafenmeister auf ihn zu, der sich bisher vergebens bemüht hatte, durch sein Sprachrohr Befehle in den Wirrwarr zu brüllen. Um des Himmels willen, Kapitän Quilliam," rief er, ,, wenn Sie einen Freund haben, der sich unsrer annehmen kann, so gehen Sie um sieben Uhr zur Versammlung."

"

Er blickte das Schreiben zärtlich, innig, sehnsüchtig an, und doch mit einer gewissen Scheu, als ob es ein verschlossenes Das war so wie so meine Absicht," sagte Pete, er hatte Schatzkästchen wäre und er faum wüßte, was es enthielte. aber erst noch etwas andres zu thun. Es galt den Plan In der matt erleuchteten Kajüte war es ruhig, der Dampf- auszuführen, unt dessentwillen er nach Peel gekommen war, tessel spritzte dann und wann Tropfen heißen Wassers um und das mußte ganz unbemerkt geschehen. Leise und heim­sich herum, das Feuer des Kochherdes brannte immer mehr lich, wie einer, der etwas Verdächtiges thut, sich aber das Herunter, die Männer atmeten schwer in ihren verborgenen Ansehen giebt, als habe er nichts Besonderes vor, durchschlich Schlafftätten und das Meer bespülte das treibende Boot. er die Stadt. Er ging hinter dem alten Gerichtshause vorbei, Was mag sie wohl schreiben- ich wüßt es gern. durch die Schloßstraße auf den Marktplatz und quer über Gott behüte sie!" murmelte er, und dann schlief auch er ein. diesen hinweg bis zu der Reihe von Kaufläden, welche den Zwei Stunden vor dem Fischzug untersuchten sie den Hauptverkehr unterhalten. Grund, indem sie ein paar der Neße einzogen. Da fie reich­lich Heringe vorfanden, wurde mit dem Horn ein Zeichen ge­geben, daß die Probe gut ausgefallen war. Dann fuhren aus dem Umkreis der schwarzen Tiefe rings umher, in der tein Boot zu sehen war, die Lichter andrer Boote still von hinten heran, bis sie sich zusammen in der Dunkelheit wie eine fleine Stadt mitten im Meer ausnahmen.

Als der erste Morgenschein über dem runden Berg borsprung des Calf sichtbar wurde, erwachte die kleine Stadt. Man hörte das Knacken der Gangspille und die Rufe der Leute, wenn die Netze schwer und weiß von Fischen zu den

Bei einer kleinen einfenstrigen Bude, deren Laden noch geschlossen war, während die Thür halb offen stand, blieb er müßig stehen, drehte sich halb auf dem Absat herum und schaute wie aus bloßer Neugier noch einmal zurüd. Drinnen hörte man das Geräusch des Abstempelns; es war das Postamt.

Nachdem er sich abermals verstohlen ringsum gesehen, griff er mit zitternder Hand in die Brusttasche, zog den Brief

*) Wenn die Fischer ihre Heringe abzählen, fügen sie zu jedem Hundert drei Fische, die sie mit dem Namen Warp bezeichnen.