Wnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 175. Dienstag den 9 September. 1902 «Nachdruck scrdozen.) 3z Vie Roman von Nicolaus Krauß. Lene war über dasStöcke!" hinaufgekommen, aus dem Gewirr heraus, da sah sie beim Brunnen desRöhrkasten- wastcls" jemand eifrig winken. Sie schaute schärfer hin, es war ein seltsames Gefährt; ein kleiner Kastenwagen, davor ein Esel mit. wie es schien, ungeheuer großem Kopf. Ach, das war ja das Eselfuhrwert des Bauers am Bühl , mit dem sie selbst so oft zur Stadt gefahren! Sie wußte sofort, das das Winken ihr galt, und schon hörte sie auch das Geschrei der Magd: Frau Försterin!... Frau Förstcrin!... So hören S' doch I..." Lenenähertesichmitihrem gewohnten, gleichmäßigen Schritt. Ja, was hast denn mit dem Eserl g'macht, Margareth?" Bald wäre ihr das Lachen ausgekommen. Die Magd brachte ihre Arme und Beine zur Ruhe und schöpfte tief Atem. Ich soll Ihnen doch was sagen, hat der Bauer g'sagt!... Und da Hab' ich Sie g'sehen... Und da Hab' ich müssen so schreien... Ich kann doch nct vom Wagen fort!... Der Esel ist doch noch so jung und dumin l... Und da Hab' ich ihm einen Sack über den Kopf gezogen. Er reißt doch aus mit dem Wagen, wenn ihn die Schusterbuben, die verdammten, zwicken und am Schwanz ziehen... Und ich bin doch heut' mit den ersten Johauni-Eroäpfeln Herinn' l..." Lene that einen Blick in den Wagen. Ja, das würde ihren Burschen schon schmecken: Neue Kartoffel, Salat und Schweinefleisch. Na, und einmal könnte man es ihnen schon geben, sie gingen ja doch bald aus Ferien... Ja." fuhr die Magd fort und wischte sich ein um das andre Mal den Mund mit der Schürze,gut finden sie und schmecken thucn s' wie Mandelkern'... Willst stehen bleiben, du Lump!" Sie gab dem Esel einen Puff, tätschelte ihn aber gleich wieder. Ja, ja, Fra Försterin, ich Hab' schon mein Kreuz!... Na ja, viel sein'r ja net word'u, aber die ersten sein ma halt doch wieder auf'in Markt!... Herrgottsakra, Schinders- Vieh, ich reiß' Dir die Ohrwaschcln aus I... Der Kerl bringt mich rein noch um!..." Sie faßte den Esel am Ohr und beutelte ihn hin und her, wie man einen jungen Dackel schüttelt, der nicht brav gewesen. Der Graue machte keine Einwendungen. Soll ich Ihnen ein Maß! einfassen, Frau Förstcrin?... Sie kriegen schon'n guten Preis, der Bauer hat's extra be- fohlen... Lene nickte und hielt ihren Handkorb hin. Während die Magd die Kartoffeln in das Maß klaubte, plauderte sie: Ja. sagt er, hat er g'sagt, was unser Bauer is: Wenn fein die Konradsreuther Försterin kommt und will Erdäpfel haben, net so teuer anrechnen, wie den Stodterern, und ja gut messen!... So. und da sein noch ein paar drauf I..." Die Knollen rollten in den Korb. Ist's z' viel, wenn ich zwanzig Kreuzer sag'?... Gelt nct?... Na alsdann!..." Die Magd -steckte das Geld unter die Schürze in eine Ledertasche. Weiter brauchen S' nix?... Ja so I Wenn ich über- morgen wiedcrkoninr', bring ich junge Tauben mit... Das ganze Taubenhaus gurrt jetzt... Na, Sie wissen's ja, Sie haben ja selbst in dem Hof schon dient..." Sie hielt die Hand zum Abschied hin. Da sagte Lene: Du wolltest mir ja noch was vom Bauer sagen, Mädel!" Die Magd schlug sich aus den Schenkel. Lcut' und Kinder, jetzt Hütt' ich dös wieder vergessen! D' Hauptsach'!..." Sie dämpfte ihre Stimme, damit die andern Käufer, die sich allmählich anfanden, und die Lehrbuben, die, statt das Frühstück zu holen, von ferne dm Esel begustierten, nichts hören sollten. Unser Franz kommt im Herwest in die Studie. Dös soll ich Jhna sagen, hat der Bauer g'sagt, daß Sie's wissen und sich einrichten können. Er soll za Ihnen in die Kost und ins Quartier. Und nächstens wird der Bauer selber einakumma, spätestens am Bincenzisonntag.. Alsdann, ich hab's aus- g'richt!... Adje, Frau Förstcrin!.. Lene wandte sich und schritt auf der andern Seite den Marktplatz hinab, um zum Fleischer zu kommen. Auf den blanken Basaltköpfen wurde das Gehen zum leichten Wiegen. Ein aufprasselndes Geschrei riß die Frau herum. Der ganze weite, im Sonnenglast flimmernde Platz war wie mit einem Schlage verändert. Von oben herab kam's im reißenden Zuge, als ging's einem Strudel zu. Von allen Seiten das Trappeln eilender Füße; Geschrei, Kreischen und Gelächter; das Pfeifen der Lehrbuben und das Schrillen einer Polizisten- pfeife; kopfloses Flüchten und Stürzen; und alles übertönend der Schreckensruf der Magd: Halt's auf l.. Halt's auf I..." Es hielt ihn aber keiner auf, den zornigen Bauerncsch dem einer einen Schuhzweck durch das Fell getrieben. Er raste daher mit seinem Kastenwagen und vorn schlug er aus und hinten und wenn er sich einen neuen Schwung gab, flogen die guten, theneren Johannikartoffeln im weiten Bogen rechts und links. Und zu der tollen Fahrt klang die Begleitung: Schlagt ihn nieder! Das Vieh ist wütig geworden!" Polezei!... Polezeil..." Trommelt den Bürgermeister heraus I" Jessas, mein Gott!" Ich derschieß ihn, wenn ich ein G'wehr Hab I" Herzog von Eger, schau Dein Volk an!" Der Esel hielt gerade auf die Schlucht zu, die sich in- mitten der beiden Hälften desStöckels" aufthat. Kam er heran, dann mochten die zwei Uhrmacher, die da ihre Aus- lagen hatten, keine Freude erleben. Da geschah etwas ganz Unerwartetes. Knapp vor dem Gäßchm wuchs mit einem Mal die Gestalt eines ManneS empor. Ein Blitzen wie von blankem Stahl der Esel, der noch nie etwas mit einem Stadtpolizisten zu thun gehabt, bekam so einen Schrecken, daß er einen Satz nach links niachte und auf das Hinterteil fiel. Er schrie gottsjämmerlich. Eine. Hand griff zu, und der Rummel war zu Ende. Auf dein Marktplatze. Alles, was Hosen trug, war bei der Eseljagd so warm geworden, daß es nicht mehr zum Aushalten war. In den Aemtern dehnte sich die Frühstücks- pause bis zum Mittagessen und in den Wirtshäusern und Liergärten wurden etliche Einier mehr ausgeschänkt als sonst an Werkeltagen. Drüben, vor dem schwarzen Hause mit dem Treppen- giebel war im allgemeinen Wirrwarr ein Milchkorb um­gestoßen worden. Neben dem Gefallenen stand schluchzend und händeringend eine Magd; und immer wieder blickte sie auf das weiße Bächlein, das sachte verrann der reine Schmetten... Lene wäre am liebsten gleich in der Thüre wieder um- gekehrt. So peinlich war es ihr. Im Schlächterladen be- fanden sich nur drei Personen. Die Geschäftsinhabcrin, eine stämmige Frau mit einem roten, energischen Gesichtund zusammen- gezogenen Brauen, hinter ihr am Hackstock ein etwas fetter junger Mann mit dem Beil in der Hand, jedes Winkes seiner Mutter gewärtig. Die alte Frau vor dem Ladentisch hatte bei Lenes Einttitt einen Blick nach rückwärts geworfen und war verstummt. Jetzt hob das Bitten und Flehen von neuem an; erst halblaut, dann immer mehr losbrechend drängte sie: Nur einmal noch l... Ja?... Nur einmal noch, Frau Heß!... Ja?..." Ihr schlaffes Sinn zitterte, und die Augen flackerten; mit beiden Händen griff sie über den Ladentisch hinüber und suchte die Schlächterfrau festzuhalten. Die bog sich etwas zurück, und kalt blieb ihr Antlitz, als sie sagte: Ich hab's schon einmal g'sagt: Es geht nicht und cS geht nicht l..." Die alteKostfrau" rang die Hände, und sofort schössen ihr die Thränen aus den Augen. Um Gottes und Christi willen.... nur einmal noch. Frau Heß I"... Ich weiß ja nicht, lvas ich anfangs