Nr. 177. Watt des Donnerstag, den 11. September. 1902 (Nachdruck nerbureiu 5] Die Sketdk. Roman von Nicolaus Krauß. Vor, hinter, neben Lene tappte, sprang und lief es. Besaunte grüßten, eilten voraus oder fielen zurückbleibend wieder in ihren langsam würdigen Bürgerschritt. Allüberall Geschwätz, Geschrei und Lachen. Eine Schar bloßfüßiger Buben raste, wie die wilde Jagd, dem Walde zu. Dem Kleinen gab's einen Riß. Er blieb stehen und blickte mit zwinkernden Augen den Glücklichen nach. Im nächsten Augenblick schritt er wieder fein sittsam vor seiner stostfrau einher. „Gott g'seg'n's!... Der richtige blaue Montag!... Alle Schuster sind auskommen...„Und wenn ich alle Jahr meine Hosen nur einmal anzieh', ins Schützcnlager muß ich!" Hab' ich unlängst einen sagen hören.... Der Unsrige ist auch dabei. Haben Sie ihn g'sch'n, Herr Nitschelwitzer?" Der angehende Lehrer begnügte sich mit einem kurzen Nicken. So ein Schuster! Von der Sorte gab es in Eger hunderte. „... Und seine zwei großen Buben! Die hauen schon ordentlich drauf I... Und die Mutter fährt auf die Markt'... Lene mußte abbrechen. Den ganzen Weg entlang standen die Ausflügler, schrieen Hoch und Vivat und schauten nach dem Flusse, an dessen Ufer die Wellen klatschend schlugen. Die Eger herauf arbeiteten sich drei vollbesetzte, an einander gekoppelte Kähne; im Bug des vordersten stand ein Hornist der Feuer- wehr und blies nnt vollen Backen andächtig ein Lied. Die am Ufer stutzten, dann hatten viele es sofort heraus: Es war das Lciblicd des Brezelbäck. Und allsogleich fielen sie ein in den Gesang derer in den Kähnen: „Und war's auch mir ein einzig Wort..' O laß, o laß mich selig Ivandern..." Tie in den Booten erhoben sich, die Kähne schaukelten, der eine schien sich quer legen zu wollen. Lene wurde ängstlich. „Sie werden umkippen I" „Dann schwimnicn sie auf dem See wie— Enten." bnininite Nitschelwitzer in den Bart. Er war ärgerlich. Schuster, Schneider, Bäckcnneistcr!... Er hätte es sich sagen können!... Aber nur vorwärts, damit die Geschichte endlich ein Ende hatte!... Wenn er allein gegangen, wie die andern Studenten, wäre er längst draußen... Die Kahnfahrer legten an und stiegen aus. Na, endlich ging's schneller: Alle wollten hinter dem Hornisten drein... Auf halber Höhe überholte Lene eine kleine, runde Frau. Ihr Gesicht glühte, aber nnt tapferen Schritten stapfte sie aufwärts. Als sie Lene erblickte, ließ sie ihr aufgerafftes Kleid fallen und griff nach der Bekannten, wie um sich zu halten. Erst allmählich kam ihr der Atem. Im Weitergehen stöhnte sie: „Hab's net mehr daheim ausg'halten... Schon seit früh, seit der Schützenmesse... ist er dnrnßen... mein Alter... der Martin... in Uniform.... Und er trinkt zu viel... wenn ich net da bin... Und dann... weiß er wieder... acht Tag net... wem er an- g'hört!... Frau Försterin,'s ist ein Kreuz nüt den Mannsbildern!... Essen Sie auch die Bratwürst gern'..." Lene blickte zu ihrer Semmellieferautin hinab, die sich in ihren Arm gehängt hatte. „Wie ein fettes, sauberes Schwcinchcn I" dachte. sie und verzog den Mund. Mau hörte schon die Musik. In der Lindenallee war der Duft schier betäubend. Und endlich lag es da, umzirrt von grünem Fichtenwald: Siechenhaus. Vor dem hellen, freund- lichen Hause Weiße Tsche und Stühle, dann der Holzpavillon der Schützenkapelle, auf dem Rasen, unter jungen Eschen und Linden, kunstlos zusammengeschlagene Tische und Bänke, Bretterbuden, Buschenschänkcn und Bratwurstbratereien. Der ganze Platz wimmelte von Menschen. Alle tranken, aßen. schrien und schwitzten, Schützen und einfache Bürger. 5knapp am Wege lagerte eine Schar Studenten, die aus Prag und Wien schon in die Ferien gekommen. Auf bloßer Erde. Das Horn kreiste, dann sangen sie wieder. Ein Wall von Menschen- lcibern umgab sie. Die Bäckersfrau drängte: „Da, auf dem Wege rechts hinüber!... Ich fall' um, wenn ich nichts hineinbekomm'.... Ich muß was essen!... Sehen Sie, da ist schon der Kletterbaum! Um sechs geht's los... Für drei Gulden ist Zeug dran, sagt der Martin... So... Rechts!... Rechts!... Da bleiben»vir! Da sind die Wärst' und's Bier net weit!..." Die geräumige, nach dem Platze hin offene Bretter- bude war nicht stark besetzt. Die Bäckersfrau fiel auf die Bank, riß die Hutbänder auf und nestelte an Mieder und Rock . „Da wären wir! Na, alsdann!!" Sie holte einigemal tief Atem, stand auf und schlug mit Händen und Armen. „Jetzt konunen die Bratwürstl'!... Wie viel Paar soll ich denn mitbringen?..." Ihr Blick ging in die Runde. Lene und Nitschelwitzer schwiegen, das Kleine nickte eifrig. „Seh' schon, was hall recht ist," fuhr die Märtel-Bäckin fort.„Zahlt jeder, was er verzehrt." Jetzt nickte das Kleine nicht mehr. Nach einer Weile kam die Bäckersfrau mit einem Zeitungs- bogen voll Würsten und Brotschnitten zurück. Der halbe Tisch war voll. Die Bratwürste waren zu zweien und dreien mit Holzdrähten aneinander gepflockt. „Greifen Sie zu!" Die Bäckiu kaute schon und hielt eine Brotscheibe unter das Kinn. „Delikat!... A Ge— nuß!... Net lctschig!... Rein herzhaft!... DaS macht der Rost I... Das Schützen- lager ist geraten!... Sie l..." Sie tippte Nitschelwitzer auf den Arm. „Sie Herr... Herr... Wollen S' net a Bier holen? Eins... zivei... drei... vier... Legen Sie's derweil aus, wir rechnen dann ab.. Nitschelwitzer blickte erst auf seine Kostfrau; als diese nickte, ging er. Die Bäckersfrau aß langsam, bedächtig, jeden Bissen kostete sie aus. Das stachelte den Appetit der andern. Nicht ein Wort wurde laut. Das Kleine ließ keinen Blick von dem Wurstvorrat, und wenn wieder ein Paar verschwunden war. seufzte er auf. Die Märtel-Bäckin spülte den letzten Bissen mit einem Trunk hinab, wischte sich den Mund und stand schon auf den Füßen. „So! Und nun muß ich doch nach meinem Mann schauen!... Die Leute wollen morgen wieder frisches Brot und Kipferln.. Adje, Frau Försterin!... Wir sehen uns noch, eh''s Gehen angeht..." Weg war sie. „Sie hat das Bier nicht bezahlt," brummte Nitschel- witzer. „Und wir sind die Bratwürst' schuldig geblieben!... Lassen Sie nur... da kommen wir nicht zu kurz... Hat's geschmeckt, Kleiner?..." „€>, Kostfrau!..." Der Kleine Wuschelte sich an Lene heran, wie ein Kücken an die Bruthenne. „Sie werden sich unisehen wollen," meinte Lene zu Nitschelwitzer.„Gehen Sie nur! Wenn Sie einen von den Unsrigen sehen, schicken Sie ihn her!..." Der Lehramtskandidat erhob sich. Im Gehen schmunzelte er. Die Auslagen für Bier mußte ihm die Kostfrau ersetzen. So kostete ihm die Geschichte nicht einen Kreuzer. Und zu Hause würde es wohl auch noch ein Nachtmahl geben.... Er zog eine Cigarre, die er schon acht Tage in der Tasche herumtrug, hervor und setzte sie in Brand. Lene lehnte sich zurück- Ihr Blick glitt über die Fest- wiese. Da wimmelte es noch ärger als zuvor. Das aß und trank, als hätte es einen bodenlosen Sack statt eines Magens ini Leibe. Zlvischen Tischen und Bänken drängten sich Schützen
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19 (11.9.1902) 177
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