Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 178.
6]
Die Stadt.
Freitag, den 12. September.
( Nachdruck verboten.)
Roman von Nicolaus Krauß.
Lene war mählich ins Träumen gekommen. Es war doch eine schöne Zeit gewesen, draußen in Konradsreuth , als sie] sich eingelebt hatte in den Wald und die Menschen!... Gruber!... Was war er ihr geworden in den letzten Jahren, nachdem der erste Sturm mit den Waldräubern" sich gelegt hatte?!...
Sie schloß die Augen.
1902
" Ich?... Allein? Ich hab' ja meine Studenten!... „ Das sind doch Fremde! Ich meine es anders... Eine junge Frau hat, wenn das Trauerjahr um ist, doch auch andre Gedanken..."
Lene kam der Zorn. So ein Fettwanst wollte sich mit Gruber in Vergleich stellen. Spöttisch sagte sie: So ein altes Reff wie ich?..."
" Frau Försterin!"
Der Dicke sprang auf.
,, Einen weiß ich, der Sie sofort vom Fleck weg
nimmt
"
Auch ohne Bension?"
Einen Augenblick zögerte er.
,, Auch ohne Pension!..."
"
Hinter der Bretterbude schrie eine grobe Stimme: „ Seff, der Herr Bürgermeister ruft!..."
TOUT
Alles!... Ach, er war ein Mann! in sich geschlossen und ohne Wanken. An dem man sich aufrichten konnte, jederzeit, und der wie Eisen hielt. Freundlich mit jedem, teilnehmend, aber doch wieder Herr für und über sich, selbst der Frau gegenüber. Er hatte fie sehen gem lehrt, und all das Menschenthun war ihr verständlich seine Würde hielt der Stadt- Seff aufrecht. geworden. Er hing am Leben, aber davor stand ihm die Ehre. Er hatte sie stolz gemacht, zielsicher und selbstbewußt. jekt ruft die Pflicht. Jeder Lebenslage deuchte sie sich gewachsen, fie wußte, was
Er mußte alle seine Leibesträfte zusammennehmen, aber
„ Adje, Frau Försterin... Ich frag' wieder an...
Als er fort war, konnte Lene nicht mehr an sich halten. er gethan haben würde. In der Stadt hatte sie viele Männer Mochten sie alle die Köpfe wenden, sie mußte lachen... gesehen, und wenn sie auch ihre Jugend- und Kindererinnerungen Der?... Wie breitbeinig er dahin stieg, als man ihn zurückrief, es gab keinen Vergleich. Seine hellen Augen rief Seine hellen Augen rief der Knecht!... Herrgott, er sollte nur noch einmal mit dem kurzen, geraden Blick, die klaren, von keiner Leiden- kommen.. In die Luft wäre der Gruber mit so einem schaft überwältigten Züge. Fettjack gefahren...
Die Frau spürte am Arme ein Ziehen. Des Kleinen Augen wiesen über den Tisch. Da kam schon eine Hand herüber, breit, groß, quapplig wie ihr Besizer. Lene fannte den angegrauten Mann, einen Stadtbediensteten, so eine Art Fattotum des Bürgermeisters. In der ganzen Stadt lachte man über sein: Ich und der Herr Bürgermeister und der Stadtrat haben beschlossen..." Das war sein Alltägliches. Das andre hörten mur die Franzensbader Kurgäfte, wenn er sie durchs Museum führte: Schen Sie, meine Herrschaften, hier hat einstmals Wallensteins Bett gestanden. Leider Gottes haben es die Käferlein und Mottechen schon längst mit Pug und Stingel zusammengefressen!..."
Der Würdevolle mit dem glatten, roten Gesicht war Lene zuwider. Der aber war heute in bester Stimmung. Wie Del tam es ihm über die Lippen:
Aber, das ist schön, Frau Försterin, daß Sie sich unser altberühmtes Schüßenlager nicht haben entgehen lassen! Ja, unser Schüßencorps! Man sieht doch gleich, daß unser Eger einst reichsunmittelbar gewesen... Ja, Frau Försterin, reichsummittelbar! Das giebt so etwas so etwas.. na, wie soll ich sagen... Ja, wir können auf unsre Vater stadt schon stolz sein."
Er sah Lenes leeres Glas.
thu?
-
Mit einem Saß war das Kleine über den Tisch.
Franz!... Röhler!..."
Der ließ sich nicht halten. Die Kostfrau bog sich vor. Draußen, vor dem Kletterbaum, stand das Annerl mit seiner Großmutter, der alten Frau Berger. Das städtisch herausgeputzte Mädchen und das vornübergebeugte Taglöhnerweib boten einen eigentümlichen Kontraft. Lene rief die Alte an sie tam sofort. „ Endli, daß ma wieder wer Bekanntes trifft!.. Sie hatte schon ihre Geldtasche heraus und grub nach und ein Bier dazu!.. Ein Paar muß ich essen Als sie sich versorgt hatte, plauderte sie: ,, Die Lola ist lang schon heraus... mit der Ascher Sie haben Pferd Fabrikantenfrau, selbstverständlich!... und Wagen. Da sag' ich zum Annerl: Geh'n wir auch.. Und der Herr Scharnagl hat uns versprochen, auch auf unser Zeug Obacht zu geben..."
Kreuzern.
"
"
Unser Pfarrer"?"
"
...
" Ja. A tüchtiger Bursch'. Ich kenn' seine Leut' Aber, Frau Försterin, in ihr fenn' ich mich net mehr aus.. „ In ihr?
., Ach, ja!" Die Alte knurrte ordentlich. Die Hauptmanns. witwe, die gnädige Frau von Bartelmus, meine Tochter, mein'
Darf ich?... Wollen Frau Försterin noch einen Trunk ich. Das arme Annerl, die sieht nichts Gutes!.
"
Lene verneinte.
Dann... wenn Sie erlauben, werde ich mir eins holen."
Als er wiederkam, war er schon viel vertraulicher. Er nahm umständlich Play, um seinen schwarzen Schoßrock zu schonen, hielt das Glas gegen das Licht und guftierte: Nicht übel!" Dann trant er.
Weißen Bier! Zu dem muß man schon Sie sagen! Ein Ge- nuß! Giebt's denu wo so gutes Bier, wie bei uns? So gut und so viel gesund?..."
Er versuchte seine Hand auf Lenes Arm zut legen, hatte aber damit kein Glück. Sofort steckte er die Würde des Stadtbeamten auf.
" Ja, was ich sagen wollte... Ihr Gesuch, Frau Försterin, ist uns zugegangen, und wir find ganz und gar nicht abgeneigt... wie der Herr Bürgermeister ganz richtig bemerkte: Der alte Gruber hat uns so viel Wald er halten... es ist nur billig, ja..."
Er that einen Zug, und abermals schlug seine Stimmung um.
" Ja, der Förster Gruber!... Ein tüchtiger Mann, alle Achtung!"
Er sah Lene in die Augen.
,, Wollen Sie denn für immer allein bleiben?"
Und
sie hat doch ihre Versorgung, die Tabaktrafit, und verdient einen Haufen Geld und braucht keinen Finger frumm zu machen, sie hat doch die Mädeln im Laden!... Denken S' an mich, die will noch einmal heiraten!. Jeden Tag geht sie aus, und die Fabrikantenweiber, die aufgetafelten und dann eine Sünd' und Schand' die Männer, alte und junge- .. Frau ist's... Mir quillt oft der Bissen im Mund... Försterin, ich sag' Ihnen
"
" 1
Aber Frau Berger!..."
Die Musik fezte mit aller Straft ein. Wie im Cirkus , wenn der Nudelbrettschimmel fommt, flang es.
Um den Kletterbaum hatte sich ein Ring gebildet. Schüßen machten die Ordner und drängten die Menge zurück; im Eifer griffen sie oft ins Leere und torkelten. Im Ring gab ein langbärtiger Schüßenhauptmann einem Rudel bloßfüßiger Buben seine Anweisungen.
Eine Hand fährt empor, ein Schlag der türkischen Trommel, die Jungen stürzen nach dem Kletterbaum.
Der Ding ist dick und glatt. Einer nach dem andern will hinauf. Die einen verzweifeln nach den ersten Griffen. Andre wollen in die Hand spucken, da sausen sie schon hinab. Rasselndes Lachen schlägt ihnen entgegen, und beschämt drücken sie sich durch die Reihen. Aber wenige kommen vorwärts; langsam zwar und nach vielen Paujen, aber man merkt doch deutlich die Rude. Der und jener dreht den Kopf, uni uach