Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 181.

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Die Stadt.

Mittwoch, den 17. September.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Nicolaus Krauß.

Lene war ordentlich in Erregung geraten, ihr Gesicht glühte.

Der alte Herr hob lächelnd den Finger. ,, Sie werden doch nicht auch trommeln wollen, Frau Försterin?"

Lene atmete tief.

,, Nein, Herr Bürgermeister! Ich trink' feinen Säuer­ling. Und dann wär's auch für jeden Schlag schad'. Die heutigen Frauen verschenken ihre Wahlvollmachten und lassen damit machen, was man will. Wer sich prügeln läßt, ver­dient's."

Der Bürgermeister war wieder ernst geworden.

Haben Sie noch nichts vom Brezelbäck gehört?" Lene hatte das Gefühl, als erwarte man von ihr ein Urteil. Nicht ihr eignes allein. Wie die Frauen über den Agitator dächten, schien man wissen zu wollen. Zögernd erwiderte fie:

Man redet Verschiedenes. Ich kenne ihn nicht, weiß nicht einmal, wie er aussieht..

Ein leises Neigen des ehrwürdigen Hauptes, die Bitt­stellerin war in Gnaden entlassen.

Auf dem Marktplatze lief Lene einer aften Bekannten in die Arme. Sie hatte ihr, deren Mann gern etwas Gutes , von Konradsreuth aus manchen Hafen und Rehschlegel in die Küche geliefert. Das magere Frauchen war noch hin­fälliger geworden, nur das rote Mal auf der rechten Wange brannte wie ehedem.

,, Gott , sie kommt schon oben herein!" dachte Lene, da sah sie die schwimmenden Augen der andern. Und um sie auf andre Gedanken zu bringen, fragte sie, spöttisch lächelnd:

" Hat's epper gar schon wieder ein Unglück gegeben, Frau Radi?"

Die gab keine Antwort. Große Thränen rollten ihr über die schmalen Wangen.

Ihr Mund zuckte. Endlich brachte sie hervor: Ich halt's nimmer aus... Frau Försterin!.. Es ist zu schwer!"

Und wieder schlug eine Zähre die andre.

Lene kannte den Kummer der Unglücklichen. Er, ihr Mann, groß und start, ein wahrer Riese, sie schwächlich von Jugend auf, eines jener verhätschelten Wesen, denen jeder Wind einen Schnupfen bringt, ein scharfer Blick, ein grobes, brutales Wort die Ueberlegung raubt. Ihm schlug alles zum Guten aus, während sie mehr und mehr verfümmerte. Sie schien schon so weit zu sein, daß sie ihren Gram hegte. Wenn sie nichts zu flagen, zu jammern, nichts zu be­meinen gehabt hätte, wäre sie noch unglücklicher gewesen, als sie sich jetzt fühlte. Lene wußte, daß da jede Tröstung vergeblich mar. Die andere hörte nur die Bestätigung heraus, daß sie wirklich unglücklich war, bedauerte sich selbst und weinte um so eifriger

Lene that die Frau leid. Aber sie erinnerte sich ihres Vürnehmens und sagte:

Frau Radl, wenn es nicht etwas ganz Eiliges ist... ich hab' wirklich keine Zeit!

Die andre sah erst eine Weile wie verloren vor sich hin; als Lene ausschritt, schloß sie sich ihr an. Mit ungleichmäßigen, bald langsamen, dann wieder schnelleren Schritten haspelte sie neben der noch immer schlanken Försterin einher.

Der Marktplatz war leer. Auf den schwarzen Kling­steinen lag prall die Julisonne und ließ sich grauweiß auf­glänzen.

Eintönig, wie Regentropfen vom Dache, fielen die Worte von den Lippen der Unglücklichen.

Einer Menschenseele muß man doch sein Leid klagen!... Seit wir damals die Schlächterei aufgaben, mag er mich nimmer. Um die Kinder fümmert er sich auch nicht. Immier ist er draußen auf den Feldern.... Ach ja, er

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stammt ja von den Bauern, und es macht ihm Freude, das Herumwirtschaften... aber seine Frau verachtet man doch nicht!... Ich hab' ihm nichts gethan. Das Geschäft hab' ich ihm zugebracht und Geld.... Und jetzt... da ich alt werde

Ihre Thränen tamen wieder stromweise. Plöglich krallte sie ihre Finger in Lenes Aermel. Sie schrie es fast:

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Er hält's mit der Magd!... Sicher weiß ich es! Ich laß mich nicht für' n Narr'n halten!... Ich bin nicht so dumm!.

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Sie waren bis zum Bronnen des Röhrkasten- Wastel gekommen. Die Försterin blickte hinüber. Das steinerne Stadtwahrzeichen machte im mitleidslosen Sonnenlicht einen arg verwitterten Eindruck. Recht müde sah der Wastel aus; als wollte er in die Knie sinken, trotz der eisernen Lanze, auf die er sich stützte.

Lene war es unbehaglich. Wurden denn alle zu Wasch­lappen? Sie wandte sich ihrer Gefährtin zu; herb klang ihre Stimme.

Ich wüßte, was ich thät', wenn mir so was passieren würde!.. In seiner Gegenwart würd' ich ihr die Schande auf den Kopf zusagen; ein paar Ohrfeigen bekäm' sie und Wissen Sie's hinaus müßte sie, sofort und auf der Stell ficher? Haben Sie was g'hört oder g'sehen?"

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Wird wohl sein Er thut ja alles, was sie will... G'sehen hab' ich g'rad nichts.

Lene, deren braune Augen ganz hell geworden waren vor Zorn, funkelte die Frau an:

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Gehen Sie nach Wissen Sie was, Frau Radi?"... Hause! Sie sehen Mücken, sag' ich Ihnen! Das ist alles Einbildung, was Sie daher geredet haben... Gehen Sie nach Hause, schauen Sie auf Ihre Wirtschaft und Ihre Kinder, das andre wird sich schon geben... Adje. ich habe wirklich feine Zeit!..." 200 sin

Die Andere haschte nach ihrer Hand.

,, Sie haben mich wirklich getröstet, Frau Försterin,

Gehen Sie nur nach Haus'! Zu danken giebt's da

ich..." nichts!"

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Sie sah ihr nach, wie sie den Markt hinabeilte und dachte: Jezt hat das einen Mann, gesunde Kinder und Geld und ver­bittert sich so das Leben. Da ist's wie beim Matthäus mit dem Eis. Find' er fein's, fo macht er ein's

Lene überschritt die Bahnhofstraße. Die hatte sich schön herausgemacht in den letzten Jahren. Von Konradsreuth her waren sie immer auf einer andren Seite, bei der Aktien­brauerei vorbei und durch den einen Rathausbogen nach der Stadt gekommen. Sie erinnerte sich: Hier waren früher bis zum Bahnhof hinauf Gärten, und wieder Gärten, kleine Häuser, denen man von der Straße aus aufs Dach steigen fonnte, wüste Schuttabladepläße gewesen. Jetzt erschien die breite Straße fast geschlossen, Neben- und Querstraßen hatte man angelegt, auch sie waren zum Teil schon ausgebaut. Und überall hohe Häuser mit hellen Fenstern und großen Läden, deren Schaufenster gefüllt waren mit allen möglichen Waren. Die Straße hinauf rumpelte rumpelte ein krebsroter Sprengwagen. hinten ging ein alter Mann und schleuderte den Schlauch nach rechts und links, daß die Tropfen bis auf beide Trottoirs flogen.

Endlich hatte Lene das Haus gefunden, in dem der Professor wohnte. Sie stieg die zwei Treppen hinauf und flingelte. Ein kaum den Kinderschuhen entwachsenes Dienst­mädchen öffnete und fragte, nachdem sie die Fremde gemustert, was sie wünsche.

Den Herrn Professor Jacob sprechen. Nicht vorher auch die Frau Professor! Nein, nur den Herrn.

Ja, der sei augenblicklich in seinem Studierzimmer und wolle da nicht gern gestört werden. Aber sie werde gehen und fragen.

Nach einer Weile kam das Mädchen zurück und öffnete weit die Glasthür, welche den Korridor abschloß. Der Herr Professor lassen bitten."

"

Lene fand den fleinen, bebrillten Mann am Schreibtisch. Er hatte augenscheinlich Hefte korrigiert. In dem karg möblierten Zimmer, dessen zwei offene Fenster nach einem