Nnterhaltungsbtalt des Dorwärts Nr. 184. Sonntag, den 21. September. 1902 (Nolbdruck verboten.! 12] Die Skadk. Roman von Nicolaus Krauß. Der Schuster fuhr herum. Ach. der Herr Adjutant!... Hast Du gegen ihn etwas einzuwenden?... Höh?" Ich?.,. Keine Spur!... Ich geh' ihm höchstens aus dem'Weg, weil er mir zuviel nach Fleischerladen riecht... Aber gegen die ganze Sorte Hab ich was! Die sind schuld, daß wir die Großköpf' nicht vom Stadthaus wegbringen. Entweder bleiben sie bei der Gemeiudewahl ganz und gar zu Hause, oder sie stimmen für die Volksverderber...." Das sagt Wohl Euer Kommandant, der Brezelbäck?" Der sagt es auch!" Sagt es auch!... Jetzt kannst d'hören, was i ch über ihn sag... Sein Vater ist von draußen herkommen und hat eine Egrische g'heiratet. Von wo er abstammt, weiß kein Mensch ... Und Dein Herrgott?... Schulden hat er! Kaum die Ziegel g'hören ihm mehr au f seinem Haus! Und wenn er sein Geschäft verstund', würd' er net mit Brezeln hausieren lassen... Hast mich verstanden?" Es redet halt jeder, wie er eS versteht..." So!... Ich bedank mich!... Also ein Tummhut ist der Funken-Schustcr? I Warum sagst d' denn net gleich Äff'?... Traust Dich epper net?" Der Schuster hob die Faust. Ich werd' Euch sagen, was Ihr seid I... Unter der ganzenBande" ist nicht ein tüchtiger Kerl!... In den Wirts- Häusern'nimschinipfen und gegen die Geistlichen Hetzen, das trefft ihr... wie wenn jeder drauf g'studiert hätt'. Aber sonst?... Schau Dir nur einmal Deine Brüderln an! Es sitzen ja ein paar da, ganz in Deiner Näh'... Da hast den versoffenen Zinngießer.. Funk, laß mich in Ruh!" knurrte der Lange. Seine Finger umkrallten den Pleschcl. Ach was I... Außer muß's!... Der geht in den Schäuken rum, rauft und schlägt die Zinnkrüg' zusammen, damit er wieder was zu thun hat..." Der Zinngießer stand auf den Füßen und holte aus. Im nächsten Augenblick wußte das schwere Geschirr auf den runden Kopf des Schusters niederköschern. 's Waberl schrie auf. Aber zum Schlag kam es nicht. Der Wirt stand mit einem Schritt hinter dem Wütenden und drehte ihm mit einem Griff die Halbe aus der Hand. Er sah ihn an und dann nach der Thür. Es ist das ziveite Mal, daß d' mit einem Pleschel zu- schlagen willst... Geh!... In acht Tagen kannst Dich wieder einmal anschauen lassen... Früher kriegst nichts eing'schänkt!..." Der Lange sperrte sich. Wie Du willst... Gottlieb!..." Aus dem Zapfranm kam in Sprüngen der stämmige Oberpfälzer und stellte sich neben seinen Herrn. Meinst d' wirklich, ich werd' von Dir noch Geld nehmen, wenn ich Dich hinausschmeiß'... Geh', sag' ich!" Unter eisigem Schweigen der Gäste verzog sich der Lange. Seiner wagte für ihn Partei zu nehmen, da der Wirt gegen ihn war. Nur derAdjutant" zahlte und folgte ihm, um ihn zu trösten und der Partei nicht verloren gehen zu lassen. Es war eine Stimme. Jetzt kam der Schuster dran. Der Wirt machte ein ganz ernstes Gesicht, aber seine Stimme klang nicht rauh. Du weißt, ich mag Dich... Das Schimpfen steht Dir schön und ist Deine Natur... Aber allz'viel..." Hast recht, Christof!... Hast recht!... Es ist ja auch gleich zehne. Die Meine ist ein recht bissiges Ding, aber um zehn g'hört jeder rechtschaffene Bürger ins Bett. Morgen früh ist die Nacht um!... Ich werd' gleich zahlen... Vier Halbe... macht sechsunddreißig Kreuzer... Da ist's Geld I..." Er ttank aus, nahm seine Mütze, die vor ihm auf dem Tisch lag, und erhob sich. Gute Nacht, meine Herren, alle miteinander!...* Kaum einer versagte ihm den Bescheid. Der Funken- Schuster galt allgemein als der größteSchimpsteufel" der Stadt, aber Feinde hatte er sogut wie keine. Den Beamten machte seine Maulfettigkeit Spaß, den Einheimischen erschien er als echtes Stadttind. Was keiner sich zu sagen getraute, der Schuster hing es an die große Glocke. Die Häupter der herrschenden Partei beobachteten ihn sehr genau. Wenn sie unter sich waren, nannten sie ihn nur dasVentil", aus dessenTönen" man sehr wohl die Stimmung der Bürger­schaft, besonders diejenige der kleinen Gewerbsleute heraus- hören konnte. Die Gäste kamen und gingen. Mit immer gleicher Freundlichkeit und Behendigkeit brachte ihnen's Waberl die Krüge, rückte hier einen Bierfilz, dort einen Stuhl zurecht. trocknete eineBiersuttel" auf und gab zugleich Antwort auf eine Frage, die vom andren Tisch kam. In den vierzehn Tagen, seit sie hier war, hatte sich der in der Schänke herrschende Ton mählich verfeinert. Keiner gestattete sich ihr gegenüber ein grobes Wott. Mancher that sich Zwang an, aber einer überwachte den andern. Auch das Schlagen mit den Fäusten auf die Tischplatte hatte nachgelassen. Sie selbst kannte bald die Eigenheiten der Gäste. Der wollte lieber einenTeich" haben, einem andern schmeckte es nur aus einerhohen" Halben, aus der er in ein Gläschen schänkte, das kaum größer war als ein Finkennapf. Es gab Maß"-Liebhaber und auch schon neumodische Quälgeister, die nur aus einem halben Liter ttanken. Der eine wollte viel Schaum, ein andrer brummte, wenn auf dem Bier mehr als einBusserl" schwamm. Und's Waberl sprang zu. sobald ein aufgestellter Deckel anzeigte, daß der Krug leer und eine frische Füllung erwünscht war. Da hieß es auspassen I Ein Klappern mit dem Deckel gab es hier nicht. Wer es that, wurde einmal verwarnt, beim zweitermal unbannherzig an die Lust gesetzt. Mit dem Glockenschlag elf. den man durch die offenen Fenster vom Rathausturm deutlich hereinhötte, erhoben sich die meisten der Gäste. Auch's Waberl konnte sich zurück- ziehen; der Witt übernahm wieder selbst die Bedienung. Im vorderen Teil der Schänke saß nur da und dott noch ein Gast. Das waren dieStillen"; Leute, die Sorgen und Kummer drückten, und die spät ausgingen, um ungestört ihren Abendtrunk thun zu können. Sie starrten vor sich hin und saßen unbeweglich. Man hörte eine Gasflamme surren, so still war es geivorden. Der alte Schneider war an die Wand gesunken und druselte, der Lehrer Kroh an den Beamtenttsch ausgewandert. An diesem nahm jetzt auch der Wirt Platz. Allsogleich fragte der Landgettchtsrat Wroblensky, ein hoher Fünfziger mit ge- pflegtem, weißen Vollbart und eigentümlich klaren Augen: Sagen Sie mir einmal, Herr Sturm, woher haben Sie die Gewalt über diese Leute?" Sie meinen den Zinngießer?" Der Rat nickte und kraute liebkosend in seinem Batte. Ter lange Lackel hätte Sie doch..." Da war keine Gefahr... Der ist fertig: Er trinkt Schnaps." Und der Schuster?" Ich lasse bei ihm arbeiten... und die ganze Ver- wandtschaft. Er ist sehr geschickt. Sonst würde er wohl mit den Kurgästen kein. Geschäft machen können.... Hm!... Und was das erste anbetrifft, was der Herr Rat gefragt haben... Ich kenne sie alle... sehr genau... Am Bier- tisch erfährt man in Eger alles." Aber das erfahren doch auch die andern Wirte?" Nicht so ganz. Zu nur kommen alle; Hoch und Nieder... Daun , lasse ich mir von ihnen nichts gefallen, weil ich'S nicht nötig habe. Zum Leben reicht's schon, lang'... Drittens, brau' ich mir mein Bier selber. Und mach' die Schänke auf und zu, wann ich will... Daß ich sie selbst bediene, einer, der im Gemeinderat sitzt, schmeichelt ihnen... Und dann haben sie Respekt, weil ich Beamter war...." Sie waren Beamter?" fragte erstaunt ein schon ältlichetz Supplent vom Gymnasium- Mit seinem aufgedunsenen Ge«