Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 187.

1970

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Donnerstag, den 25. September.

( Nachdruck verboten.)

Die Stadt.

Roman von Nicolaus Krauß.

Nehmen Sie Plak!"

Lene deutete auf die leichte Holzbank, die zwischen dem Bett des Kleinen und dem Eßtisch stand, gab schnell jeden der Studenten ein warmes Würstchen und einen Bissen Brot und setzte sich, als die Studenten sich mit Ausnahme des Lehramtskandidaten Vogt in die große Stube verzogen hatten, ihrem Gaste gegenüber.

Der hob sogleich mit seiner schrillen Stimme an, Ton sich mehr und mehr verstärkte:

deren

mein

" Ich mußt' doch einmal nachschauen kommen, wo Karl steckt!... Der ist soweit ja ganz zufrieden, und von den Herren Professoren hab' ich auch keine Klagen gehört Aber ich halt's nicht mehr aus!"

Die letzten Worte schrie er schon.

Lene, deren Nerven noch immer von der Scene zitterten, die sie mit Frau von Bartelmus gehabt, sah den Oberlehrer fragend an.

" Ich fann's nicht mehr aushalten! Ich bin nur ein armer Lehrer und hab' noch vier Kinder zu Hause, und die brauchen auch was. Wenn ich im Herbst dagewesen wär', ich hätt' gleich weniger ausgemacht, so junge Burschen brauchen nicht alle Tage Fleisch zu haben, das hab' ich selbst nicht einmal... Und Sie müssen heruntergehen mit dem Kostgeld!"

Er hatte die Säße in einem Atem hervorgestoßen, in den höchsten Tönen, wie ein Bellen klang es.

Lene sah vor sich auf die Tischplatte und fuhr mit den Fingern der Linken langsam einer Jahreslinie entlang. Plötzlich hob sie das Haupt.

Leckereien giebt es bei mir nicht. Die Burschen sind im besten Wachsen und müssen sich satt efsen können. Schauen Sie Ihren an! Wie er zu mir tam, hätt' ihm der Mond durch die Backen scheinen können! Es ist schon so kein Geld... ich kann nichts nachlassen!..."

Was?... Vierzehn Gulden ist kein Geld?.. Soviel verdienen unsre Sinopfdreher daheim ja kaum in drei Wochen! Und sie müssen davon mit der ganzen Familie Leben!...

"

Er fuchtelte mit den Händen in der Luft.

" Ich verlange ja gar nicht, daß Sie meinem Karl das­selbe geben sollen, wie den andern! Wenn er nur ordentlich Gemüse bekommt und Brot... Die Erdäpfel sind doch nicht fo teuer!..!"

Lene sah dem Lehrer ruhig in die Augen.

Das würde ich nie thun... Der geringer Gehaltene müßte verbittert werden, es würde Streitereien geben. Das will ich nicht, weil ich mein Kosthaus nicht in schlechten Ruf bringen will, und weil die Studenten, wenn sie verfeindet find, einander vom Lernen abhalten... Ich werde Ihnen etwas sagen. Ich habe einen drunter, der bekommt das Seine wie jeder andre. Nur des Mittags geht er mit dem Kosttiegel. Glauben Sie, der gilt für voll?

#

,, Aber ich kann nicht und kann nicht!... Dann müssen wir ausziehen.

"

Lene zuckte die Achseln.

Als der Lehramtskandidat das sah, sagte er ängstlich: ,, Danu mag ich auch nicht weiter studieren, Vater. Der Lehrer warf sich herum, daß die Bank knackte. ,, Wirst Du ruhig sein!... Vor Deiner Kostfrau hau' ich Dir eine herunter, daß Du die Engel singen hörst! So ein Bengel! hat noch nicht einen Streuzer verdient, und..."

"

Lene ckelte es. Was war das für ein Geschrei und Ge­rede! War denn heute wirklich ein Unglückstag? Sie machte Miene aufzustehen.

Dem Oberlehrer brannte das Gesicht und glühten noch die Augen, als er mit einem Male in eine ganz andre Ton art fiel.

Wehmütig meinte er:

1902

" Jeht habe ich sicher geglaubt, ich könnte etwas ab­handeln! Als armer Familienvater ist es ja meine Pflicht.

..

Er zivinkerte mit den Augen. Als aber Lene ungerührt blieb, sagte er plöglich wieder in seinem Schreiton:

"

Sei es!... Aber...

Lene erhob sich.

"

Einen Augenblick noch. Kostfrau!... Was Sie mir als Taschengeld für meinen Karl anrechneten, ist mir auch zu hoch. Der Sohn eines armen Vaters braucht nicht alles mit­zumachen!"

"

Er hat nichts mitgemacht! Wenn ich das abzieh', was er für die Schule gebraucht hat, hab' ich ihm im Monat viel­leicht einen Gulden gegeben. Jeder verständige Vater wird sich sagen müssen, daß das nicht zu viel ist. So ein großer Bursch will doch auch einen Kreuzer Geld in der Tasche haben, will sich einmal eine Menagerie, einen Cirkus oder sonst was ansehen. Wenn er erst einmal draußen auf einem Dorfe sitt, hat das von selbst ein Ende." auch

Ich hab' auch nichts gesehen und war zwölf Jahre Soldat, ehe ich Aushilfslehrer und dann Lehrer wurde..." Die Frau sah ihn spöttisch an.

" Ich glaub's!"

Jetzt wurde er ganz verwirrt. Lene wandte sich dem Ofen zu.

" Ich muß kochen: In einer halben Stunde wollen meine Studenten Mittag essen."

Er kam ihr nach, schob die Hände in die Hosentaschen und schnüffelte.

"

Rindfleisch!... Mit Weizenknödeln... was?... Und eine gute Brüh'?... Wenn es reicht und nicht mehr als dreißig Kreuzer fosten würde, möchte ich mithalten."

Die Frau hob eine große Blechschüssel vom Nagel, um die Knödel anzumachen".

Es langt, und kosten soll es gar nichts.... Wenn es Ihnen nur schmeckt."

-

aufgeregt?"

Am Abend fragte Lene den Lehramtskandidaten: Ihr Vater öfter so... " Ist Vogt wurde verlegen. Dann sagte er aufrichtig: ,, Er schreit, so lang ich weiß. Auch mit der Mutter. Bis sie ganz still ist und kein Wort mehr sagt.... Er brauchte nicht so genau zu sein. Er ist doch Oberlehrer und Kantor, und die Mutter hat ein Wirtschaftel mitgebracht. Es ist verpachtet, und der Pächter hält vier Kühe.... Im andern Kosthaus hat er's auch so gemacht. Da ist der Kostherr grob geworden, und ich hab' ausziehen müssen."

Lene nickte.

Im stillen sagte sie sich: So... so! Also der richtige Hungerleider, der vor Hunger sterben will, und wenn er den ganzen Mund voll Brot hat.

"

In den nächsten Tagen ging es in dem Kosthaus der Frau Gruber ein und aus wie in einem Taubenschlag. Es war nicht viel mehr zu thun, der Tag, an dem die Zeugnisse verteilt werden sollten, nahte. Diejenigen Professoren, die au der Matura beteiligt waren, famen gar nicht mehr in die andern Klassen. Die Studenten besuchten einander in den verschiedenen Kosthäusern, man redete über den und jenen, stellte Listen auf, wieviel Vorzugsschüler es geben würde und wieviel Durchgefallene", riet hin und her, wie man wohl selbst rauskommen" würde. Jeder hielt von den Anwesenden nur das Beste und sagte es laut und in der Hoffnung, im nächsten Augenblick dasselbe über sich zu hören.

Einige tamen auch, weil sie ausziehen wollten und von Lenes Studenten ihr Kosthaus und ihre Kostfrau hatten loben hören. Sie sahen sich überall um und fragten nach der Höhe des Kostgeldes besonders, und mancher erbat sich von einem Mitschüler ein Stückchen Wurst, einen Bissen Butter­brot zum Kosten".

" 1

Der Pfarrer" erzählte, er könnte im nächsten Herbst zwei Gymnasiasten mitbringen, wenn die Kostfrau einver­standen wäre.

Lene jah an den hellen Gesichtern und dem lebhaften Wesen ihrer Studenten, daß sie bei der Zeugnisverteilung nicht für sie zu fürchten brauchte. Nur Frik war schweigsam wie sonst; aber da hatte sie ja Gewißheit. Sie hatte ihm weder etwas von ihrem Besuch bei Professor Jakob, noch von