Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 197.
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Donnerstag, den 9. Oktober.
Nachdruck verboten.
Der Unkenteich.
Roman von Gertrud Franke- Schicvclbein. Und siehst Du, Lene," fuhr Richard fort," da draußen fauchen wir unter! Wir gehen für ein Weilchen wie aus der Welt. Es wird eine Art Martyrium für uns sein, Lene. Aber eines Tages, wenn das Alter des Kindes nicht mehr so nachweisbar ist, gehen wir zurück unter die Menschen. Das hab ich mir alles wohlweislich überlegt."
Sie nickte, still und verständig, wie es ihre Art war. All die wilden, fremden, quälenden Gefühle, die sie während des Wartens im Amtshause überfallen hatten wie eine Krankheit, wichen hier im heimischen Walde wieder von ihr. Sie ging ruhig und fest neben ihm.
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ebox thot# 1902
scheint vom Ballast der Alltagswelt. Ein Höhentag auf Bargeshöhe.
Ein wunderliches Nest, die Drosselburg.
Alles alt, das Haus, die Geräte, die Menschen, die Tiere. Aber alles urgefund, wohlerhalten, tüchtig, brauchbar, in seiner Art ein Original.
Der„ berrückte" Bodenstein an der Spitze. Ein Mensch, lang und sein, zäh und flapperig, aber mit dem Feuer ewiger Jugendlichkeit.
Seine Frau war das drolligste, rundeste, herzigste Waldweibchen, das seine Eigenart ungestört nach allen Richtungen da oben hatte auswachsen können. Von unerschöpflicher Heiterkeit, flink und beweglich wie ein Eichfäßchen, wißig, ohne zu verlegen, gastfrei bis zur Verschwendung. Die kleine Hochzeitstafel bewies es.
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Jochen servierte anfänglich in weißen Baumwollhandschuhen, stumm und feierlich. Je öfter er aber der Küche mit der alten Achuste", der Köchin, Und eine starke Freudigkeit fam über ihn, eine helle, auf Frollans" Wohl getrunken, desto vollkommener Hohe Freude, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und sicher emancipierte er sich von der unbequemen Rolle. Beim durch die Klippen zu steuern. Vertrau mir nur, Lene," sagte Fisch entledigte er sich schon der weißen Handschuhe. er herzlich. Beim Braten warf er ab und zu eine seiner trockenen Aus der Ferne stahl sich jetzt das dumpfe Rollen eines Bemerkungen ins Gespräch. Gespräch. Und zuletzt schnackte Wagens. Sie gingen im dicken Nebel tastend und sicher bergan. treuherzig mit, wie er's scit dreißig Jahren in diesem Ein paar Schritte vor ihnen war alles wie weggelöscht, ein Haushalt gewöhnt war. Er gehörte ja ebensogut zur„ FaYeeres, totes, weißes Nichts, aus dem sacht Baum an Baum milie", wie Frollan und Frollans neuer Ehemann. auftauchte, triefend, schwarz und rissig oder grünbewachsene Felsblöcke, Unterholz, Strauchwerk mit roten und blaubehauchten Früchten, zusammengerollte braune Farnwedel, abgeblühte Blumenschäfte.
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Die Luft wurde scharf und schneidend hier oben in der Brockennähe.
Richard war wie in eine andre Welt versetzt.
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Das war alles so gefund, einfach, vernünftig. Hina Der alte Reichsfreiherr, der seinen Diener wie einen Menschen behandelte; die vornehme kleine Frau, die ihrem Fräulein die Hochzeit ausrichtete, als wär's ihre Tochter! Und nun die Lene selbst! Die schwarze" Lene! Er konnte die Augen nicht von ihr lassen. In ihrem Sie hörten das Schnauben der Pferde. Der Hengst schwarzseidenen Kleide erschien sie so blaß und fein. Das Gewieherte hell und fröhlich. Die eisenbeschlagenen Hufe ficht so durchsichtig einfach, so wahr und flar- durch einen flapperten scharf auf dem Boden, und auf einmal tauchten leisen Leidenszug vertieft. Ein Hauch darüber, wie auf der die beiden braunen Pferdeköpfe, die glänzenden Leiber hinter reifen Frucht. ihnen auf.
Nicht lange, so flang das Rollen deutlicher.
Heda!" rief Richard, zur Seite tretend. „ Heda! Alle Teufel!" schrie der Oberförster, die Gäule parierend. Hab' ich Euch?"
Jochen kletterte vom hohen Bock herab, öffnete mit seinem pfiffigen Schmunzeln den Schlag, und sie stiegen in das leichte Wägelchen.
Die bräunliche Haut zu dem nachtdunklen Haar, die weichen, sammetschwarzen Vogelaugen alles von einem fremdartigen, seltsam süßen Reiz.
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Drunten in der Stadt die Mädchen, kokette Püppchen, niedlich und geputzt, fein Zug echt, groß, natürlich. Und alles so gefünftelt, die Verhältnisse, die Redeweise, das ganze Gehabe und Gethue. Es hatte ihn, den mit aller Klassischen Der Weg bog jetzt von der großen Fahrstraße ab und Bildung ausgerüsteten Kulturmenschen, immer wieder zu dem führte steiler bergauf zur Drosselburg. Langsam und bestillen Naturfinde geführt, das seinen Weg so fest, ruhig und dächtig, voll Behagen schnaubend und mit den langen sicher ging, wie ein Kind an der Hand seiner Mutter. Schweifen die Schenkel flatschend, kletterten die Braunen ihrem Stalle zu.
Jezt begann der Nebel unter ihnen zu bleiben. In der Tiefe ballten sich weiße Wolfen. Vor ihnen aber drängten sich immer schärfer, kräftiger, lebensvoller die dunkelgrünen Umrisse der Tannen hervor. Die Luft war klar und dünn, der Himmel von einem zarten, silberigen Blau. Sie blickten auf die Baumwipfel hinab, und Berg an Berg tauchte in schweigender, feierlicher Erhabenheit, in der Ferne zum duftigen Violett erblassend, aus den Nebeln auf.
Und plöglich, bei einer Biegung des Weges, lag der Brocken vor ihnen, so klar, so wunderbar nah, als könnten sie mit einem mächtigen Sprunge sich hinüber schwingen. Die Sonne glißerte in den langen Fensterreihen des Hauses. In den Vertiefungen, zwischen Gestein und Zwergholz, lag noch weißleuchtender Schnee. Aber man fühlte schon, daß der Frühling nicht weit war.
,, Wir sind oben," sagte Richard und drückte sein junges Weib an sich. Sie atmeten tief. Die reine, leichte, falte Höhenluft drang in ihre Brust. Einen Augenblick später hielt der Wagen vor der hochzeitlich mit Tannengewinden geschmückten Drosselburg.
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Da droben verlebten sie einen feltsam stillen, feierlichen Hochzeitstag.
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Wenn er sie ansah, jubelte und stürmte die lange unterdrückte Leidenschaft in ihm auf.
Hochzeit! Sie war nun sein. Er drückte ihr manchmal verstohlen die Hand. Dann fühlte sie das klopfende Blut in seinen Fingern, und ihre blassen Wangen flammten auf.
Sie blieb still und einsilbig, wie einer, dem sein großes Glück schwer wie eine Last auf den Schultern liegt. Jochen hatte sich offenbar schon lange den Kopf zerbrochen. So eine Art Braut hatte er noch nicht gesehen.
Jetzt schien des Rätsels Lösung in seinem Kopfe aufzudämmern. Er stellte die Konfektschale, die er eben herumreichen wollte, auf ihren Untersatz zurück und brummte: Schlag Gott den Deibel dot! Unser Frollan was jetzt Fru Dottern is die wird uns das Heimweh kriegen!"
" Die?" lachte Bodenstein.„ Dummer Kerl! Die macht drei Kreuze hinter der Drosselburg, wenn die mit ihrem neugebackenen Ehemann erst im Untenreul sigt."
Pfui Deibel," sagte Jochen offenherzig,„ bei die Unken, da is es nich schön. Da kommen Sie man stantepede retour, Frollan, wenn Sie't mit's Heimweh kriegen."
Alles lachte über diese treuherzige Einladung, die Jochen so ganz auf eigne Faust machte.
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Hm"," meinte Bodenstein etwas bedenklich, leicht wird Dir's nicht werden, Lene. Hast Dein Lebtag Bergluft geschnappt. Und nu der Sumpfgestant und das Gekrabbel von dem Strötenvolk-" Hoho, Herr Oberförster," lachte Richard, bei uns giebt's
Es war einer von den Tagen, die sich unauslöschlich ins Leben graben. Ein Höhentag, an dem das Gesetz der Erdenschwere aufgehoben und die Seele frei geworden zu sein teine!"