Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 198.
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Freitag, den 10. Oktober.
Nachdruck verboten.
Der Ankenteich.
Roman von Gertrud Franke Schiebelbein. Der Frühling war im„ Unkenreul" eingekehrt. Im jungen, grünleuchtenden Grase, unter dem zarten Schatten der blühenden Kirsch- und Pflaumenbäume wucherten die großen goldenen Sterne der Butterblumen und verhauchien ihren Duft.
Unter den fast mannshohen Weißdornhecken, die die fleinen, in Obst- und Gemüsegärten eingebetteten Häuser um gaben, war alles blau von Veilchen.
Es geschah nicht oft, daß sich Leute in den Reul verirrten, die nicht von Rechts wegen dahin gehörten. Dazu lag der schmale Weg zu abseits und weltverloren. Die Landstraße, die auf die zur Stadt gehörigen Wiesen und Felder führte, und von da aus weiter nach Roßberg, ging ein ganz Stück oberhalb des Reul ab.
Hierher, in diesen Schlupfwinkel, hatte Richard Volkmar sein Glück gerettet. Hier durfte er's genießen, wie man so ein Glück genießt: mit Zittern und Bangen, in ewiger Sorge um einen neugierigen Blick, eine vorzeitige Entdeckung.
1902
Wollt auch den Herrschafte schön gute Abend wünsche! Gute Abend, meine Herrschafte! Wieschen", ein zartes fleines Mädchen mit blonden 3öpfen, große, flare, scheue Augen zu den Fremden emporschlagend, klammerte sich an des Vaters Rock,„ Wieschen die Herrschafte werden verzeihen nu, so gieb doch!- ein kleines Veilchensträußchen wollte Wieschen sich erlaube, den Herrschafte--"
Da hatte Lene sich schon zu dem Geschöpfchen hinabge. beugt, es umschlungen und gefüßt.
Ihr war das Herz so überquellend voll. Das Heimweh nach der Drosselburg saß noch drinnen und drückte. Alles so fremd und vor ihr so viel Schweres und dies Haus, das ihre Heimat werden sollte so gar trübselig, verwahrlost, flein , verwittert.
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Aber doch Menschen drin, die ihr freundlich entgegenfamen. Und dies Kind, dies blasse, rührende Kind im geflickten, verblaßten Kleidchen, das war ihr wie ein Engel, der ihr Trost und fröhliche Verheißung brachte für ihr neues Leben.
Es hatte die scheuen, unschuldigen, anklagenden Augen seines Vaters, des getretenen, durchs Leben gestoßenen, mit fümmerlicher Kraft in den wilden, niederreißenden Wirbel des Daseinskampfes geworfenen Menschen.
Lene konnte es nicht genug ansehn. Sie sagte ihm gute So traurig das alte Häuschen mit seinem jeltjam arm- Worte. Sie freute sich, daß es endlich lächelte, nur aus Geseligen Portal, mit den wackeligen grünen Fensterläden und fälligkeit, und schen mit dem Kopfe nickte, als sie sagte, daß einer Art von Veranda im Schweizerstil sich auch ausnahm, es recht oft zu ihr hinaufkommen sollte. Lene atmete doch auf, als sie's erreicht hatte. War's doch eine Der Kutscher hatte inzwischen mit Frau Steigenbergs Stätte, wo sie ihr Haupt hinlegen konnte, wo sie vor Späher- Hilfe Lenens schwere Wäschetruhe blicken sicher war. Die paar Leute, armes Volt, das im Neulsteins vom Wagen herabgehoben. Nun gab's ein Poltern einen Unterschlupf gefunden hatte, machten ihr nicht bange. Die hatten genug mit sich selber zu thun. im harten Radern und Sichabschinden ums tägliche bißchen Brot.
Als die Reise überstanden und die jungen Eheleute in ihrem kleinen Heim angekommen waren, fanden sie die ganze Hausgenossenschaft im Flur versammelt.
Im Vordergrund stand die Witwe Steigenberg, die glück liche Besizerin der Baracke ein athletisch gebautes Weib mit männlicher Stimme, breitschulterig, von Wind und Wetter gebräunt. Sie ernährte nach dem Tode ihres schwindsüchtigen Mannes fich und ihre beiden Söhne durch Gemüsebau und einen kleinen Grünkramhandel.
Man sah ihr's an: die nahm den Kampf mit dem Leben auf wie ein Mann.
vom agere alchetrube- ein Geſchenk Bodenund Fluchen und Stampfen in dem engen Flur. Das Ungetüm wollte sich nicht regieren lassen. Und die schmale, wackelige Treppe hinauf, die auf halber Höhe eine jähe Biegung machte, schien sich's nun gar nicht tragen zu lassen.
Mit Drehen und Passen, mit genauer Raumberechnung 1nd Volkmars energischem Zupaden gelang es endlich, die gefährliche Klippe zu umschiffen.
Keuchend, fich den Schweiß wischend, standen die beiden Träger endlich oben im Zimmer vor ihrer Last.
,, Sterbe derf hier obe aber feins," meinte der Kutscher, mit grimmigem Humor das Trinkgeld in die Westentasche schiebend.„ Oder wenigstens fe Großes nit. De Sarg friegt mer net um des verfluchtige Eck num."
„ Werd scho feens sterbe!" lachte die Steigenbergen. Sie sollte in der jungen Wirtschaft die Aufwartung beeffas ne! Junge Leit! De wolle erst anfange zu lebe!- fergen. Gelle ja, Frau Doktorn?" as " Ich mach Ihne alles, Frau Doktorn!" sagte sie, nachdem fie sich und ihre beiden verlegenen Rangen, den„ Großen" und den„ Otto", präsentiert hatte. Ne Köchin friege Se hier naus doch nit. Und' 3 Gemies solle Se och billig habe. Und merscht's Obst! Sehn Se mal de Baim alles die feinste Sorte. Nu, wir wärn uns schon vertrage, gelle ja?"
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Lene reichte ihr herzlich die Hand. Sie war wirklich erfreut und gerührt. Ja, Frau Steigenberg, wir werden schon gut miteinander fertig werden."
Die Buben hatten sich schon wieder hinter dem breiten Rücken ihrer Mutter verkrochen. Aber diese schubste sie ohne Gnade zurück in den Vordergrund.
„ Ei, Du dummer Bursch, was schenierst denn Dich so! Gieb der gnädige Frau ne Hand! Un wenn Se mal' n Gang habe, Frau Doktorn so derfe Ses bloß sageda spring die schon. Gelle, Otto?"
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Lene versprach ihnen von dem Hochzeitskuchen, den sie mitgebracht hatte.
Im Hintergrunde, als sie der mit einem blakenden Lämpchen erhellten Treppe zuschritten, regte sich noch etwas. Es war der Schuster, der die linke Hälfte des Erdgeschosses bewohnte, ein kleines, fümmerliches, gebücktes Männchen mit großer Hafennase eine Nase, die kriegerisch und unternehmend in die Welt hineinragte, während die sanften, flagenden Augen des schwächlichen Kerlchens und sein schüchternes, unbeschreiblich freundliches Lächeln immer um Verzeihung zu bitten schienen für sein Vorhandensein.
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Dienernd und die Hände reibend, kam er ein wenig aus der Zimmerthür hervor,
Und damit streifte ihr Blick tarierend die Gestalt der jungen Frau. Sie hatte im ersten Augenblick Bescheid gewußt. Darin kannte sie sich aus.
Es stellte sich heraus, daß sie Ordnung gemacht hatte, fo gut es gehen wollte. Ein Feuer an jedem Herde, die Defen geheizt, alle Lampen im stande. Sogar Thee, etwas Back werk, ein paar Flaschen Bier waren besorgt.
Lene verteilte den Hochzeitskuchen, mit dem die alte Bodenstein ihr die Taschen vollgestopft hatte, unter die Hausgenossen. Dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück und schloß die Thür ab.
Und nun ergriff sie Besitz von ihrem Heim.
Es war ja noch wüst und kahl. Kein Vorhang, keine Dede, fein weicher Teppich, der die abgetretenen Dielen verhüllte. Alles eng und klein, die Decke so niedrig, daß Richard mit ausgestreckter Hand die durchtretenden Balken erreichen fonnte. Aber die Wände frisch getüncht und die neuen blanken Möbel!
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Das gab Arbeit für die Lene. Das Unwohnliche wohnlich machen, leise, unaufhörlich, unmerklich die fahlen, ärmlichen Räume in ein behagliches Nest verwandeln, in dem's ihrem Liebsten wohl sein sollte, das getraute sie sich wohl. Das ergriff sie im ersten Augenblick als ihre Aufgabe.
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In ihrer schlichten, flaren Natur steckte das Gefühl der Ordnung, der Zweckmäßigkeit, des Ebenmaßes. Und ihr ganzes Schaffen ging unbewußt darauf hin, alles um sich her nach diesen inneren Gefeßen einzurichten.
Sie hatte sich in Richards Arm gehängt, und er führte fie durch alle Räume und zeigte ihr die Möbel, die er ge