Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 203.
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Freitag, den 17. Oktober.
Nachdruck verboten.
Der Ankenteich.
Roman von Gertrud Frante Schiebelbein.
Ganz sacht und allmählich gings bergauf mit Lene Volfmar. Eine Zeitlang hatte Doktor Meinhold noch ein bedenkliches Geficht gemacht. Sie hatte sich zu früh aus dem Bett gewagt. Die Sorge um ihre Wirtschaft, in der die Steigenberg init gutem Willen, aber doch ein bischen vandalisch hauste der Wunsch, Richard die gewohnte Behaglichkeit nicht zu lange entbehren zu lassen, hatte sie über ihre Sträfte getäuscht.
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Nun mußte sie sich lange schonen. Die Steigenberg wurde unentbehrlich. Und da sie das wußte wer sollte die franke Frau denn pflegen? und überhaupt an Dreiftigkeit nicht zu furz gekommen war, wurde sie für Richard Volfmar allmählich eine Ursache steten, heimlichen Aergers.
Und das schlimmste war: er durfte sich's nicht merken Tassen, wie ihr lautes, lärmendes Wesen und ihre wichtig thuerische Geschwäßigkeit ihm auf die Nerven fiel. Er mußte fie höflich behandeln. Sie wußte zu viel. Ihr Wohlwollen war ihnen notwendig.
Richard Volfmar fnirschte manchmal mit den Zähnen. wenn er daran dachte, daß ihre ganze Zukunft wie an einem Haar an einem zufälligen Worte hing.
Als es mit Lene besser stand, war die Sorge wieder in den Vordergrund getreten. Ein solches Ereignis zog seine Kreise. Fast ein Wunder wär's, wenn's nicht durchfickerte bis in die für ihn maßgebenden Gesellschaftsklassen.
Zum Glüd war Doktor Meinhold ein junger Anfänger, dessen Praris sich einstweilen noch auf die Vorstadt beschränkte. Die bescheidenen Verhältnisse Volfmars hatten ihn wohl zuerst ein wenig in Erstaunen gesetzt. Aber da er ein etwas phlegmatischer Herr war, für seine Jugend ungemein forpulent und sich um Dinge, die ihn nichts angingen, nicht gern den Kopf zerbrach, so sagte er sich: pah! Armer Schulmeister! Was geht's Dich an?
Richard, der sich gern mit ihm unterhielt, hatte die Bitte oft auf der Zunge gehabt: Sprechen Sie nicht über uns! Wie beruhigend wäre das für ihn gewesen! Aber zugleich ein Eingeständnis der Unregelmäßigkeit seiner Lage.
Das durfte nicht sein. Im Gegenteil: durch seine Ruhe und Sicherheit mußte er bei dem Arzte jeden etwa aufsteigenden Verdacht im Keime ersticken.
Und doch waren sie, seit das Kind da war, einen guten Schritt weitergekommen.
Wir geben's für ein angenommenes aus, Lene," hatte er ihr gesagt, wenn mal ein unberufener Frager fommen follte."
Da hatte sie ihn mit einem großen, vorwurfsvollen Blick angesehen. Ich soll mein Kind verleugnen?" Und leidenschaftlich hatte sie's an ihre Brust gedrückt.
Er hatte ihr zugeredet, daß es notwendig sei, und wie immer hatte sie genickt und geschwiegen.
Was half's denn, in jedem einzelnen Falle klagen und sich empören! Sie hatten ja ihre Ehe auf einer Züge aufgebaut. Nun mußten sie die Folgen tragen.
Ach und was fragte Lene im Grunde nach der ganzen Welt jetzt, wo ihr Leben ausgefüllt war von dem einen un ermeßlichen Glück!
Sie hatte nie geahnt, daß fie folcher Liebe, solcher Seligfeit fähig sei. Stundenlang fonnte sie an seinem Bettchen sigen und feinen Schlaf belauschen. So zart und gebrechlich, sc nur zum Anschauen und Bewundern ihr geschenkt schien es ihr, daß bei dem geringsten Anlaß die tödlichste Angst sie überfiel, das zarte Leben könne plötzlich erlöschen.
Und doch war's ein strammes Bürschchen, von festem Fleisch und kräftigen Gliedern. Und zusehends, von Woche zu Woche, ja beinahe von Tag zu Tag, entwickelte sich's runder und rosiger. Die stumpfträumenden Augen gingen schon Lenens Gestalt nach, wenn sie sich im Zimmer bewegte. Und eines Tages hatte es sie angelacht.
1902
Die Ferien kamen. Die Stadt wurde leer. Alle Kollegen machten weite Reisen. Bloß Bolfmars blieben in ihrem Reul sitzen. Aber sie gingen jetzt öfter gemeinsam spazieren, hinaus auf die Felder, oder wagten einmal einen Weg in die Stadt. Es war doch schon besser so. Und sie dachten leichteren Herzens an die kommende Zeit.
Im großen Obstgarten seitlich vom Haufe, hinter der faft mannshohen Weißdornhecke versteckt, hatten sie sich ein Plätzchen eingerichtet, wo Lene mit dem Kinde sich im Freien aufhalten onnte. Oft saß sie dort an den schönen, heißen Tagen, die der Juli brachte, mit einer Handarbeit, den Wagen mit dem Kleinen neben sich. Die Obstbäume gaben tiefen Schatten. In dem dichten Gezweig der Hecke zirpten die jungen Vögel in ihrem Nest, und die Alten flogen aus und ein, ohne sich vor Lene zu fürchten.
Auch Richard hatte Gefallen gefunden an dem Platz. Grün alles ringsum. Und so still. So weltverlassen. Da trug er Bücher und Schreibzeug hinunter und arbeitete. Wer das Familienidyll gesehen hätte, das ein so vollfommenes Glück in sich zu schließen, so sicher und wohlberechtigt schien, der hätte wohl nicht gedacht, daß über diesem Menschenfleeblatt schon die drohenden Wolken heraufzogen, die mit Blizz und Donner, mit Sturm und Schloßen über sie herstürzen und sie aus ihrem Zufluchtsort verjagen wollten.
Sie fühlten sich so sicher hinter der hohen Hecke im grünen Renl. Die Menschen waren zu zählen, die hier vorüberkamen. Das Haus betrat nur, wer hineingehörte. So war's immer gewesen. Sie kannten es nicht anders.
Wieder waren sie eines schönen Nachmittags zu dreien draußen. Schon ließ die Hiße nach. Die Sonnenstrahlen fielen schräger und goldener durch die Zweige. Sie spielten über das schlafende Kind und den dunkeln Kopf der Mutter, die sich darüber gebeugt hatte. Die Arbeit lag ihr im Schoß. Sie schaute und schaute, wie es so ernsthaft schlief, mit der fleinen Falte über den Augen und dem zugespizten, winzigen Mündchen.
Ein wenig Blässe hing ihr noch von dem Ueberstandenen an. Aber schon wurden die schmalen Linien der Wangen wieder runder. Sie hatte sich sehr verschönt. Ihre Züge waren durchgeistigt. In den dunkeln Augen lag so viel geheimnisvolle Tiefe, als wären ihr allerlei Rätsel des Lebens aufgegangen.
Durch das weiche, hohe Gras schritt eine hagere Männergestalt, deren Fußwerk schon ein bißchen klapperig war. Aber desto jugendlicher blickten die blaßgrauen, weißbewimperten Augen.
Um den linken Unterarm trug er einen Florstreifen.
Der alte Herr kam näher mit der Miene eines Menschen, der eine große, freudige Ueberraschung schon im voraus ausfostet. Langsam, Schritt für Schritt, mit listigem Lächeln, schlängelte er sich heran. Ein paar Stachelbeerbüsche berdeckten ihm die Gruppe noch halb und halb. Nur die Köpfe sahen drüber hinweg.
Auf einmal hob sich der Männerkopf, der über ein Buchh geneigt gewesen, mit einem heftigen Ruck empor. Wie in tödlichem Schrecken sprang Richards breite Gestalt auf, maß die fremde Erscheinung beinahe entsetzt.
Nun sah auch Lene auf alles Blut wich aus ihrem Gesicht.
" Ja, Kinder," sagte Bodenstein, sich an ihrer Ueberraschung ergötzend, ich bin's. Bin's wirklich. Hab den alten Eberstein in Dingsda begraben helfen. War ganz in der Nähe, dachte-
Mit
Jezt war er in dem grünen Winkel angekommen. einem Blick übersah er das Familienbild, das schlafende Kind, die beiden stummen Menschen.
Die Ueberraschung war jetzt auf seiner Seite. " Ja, Kinder- was ist denn das?"
Lene warf einen Blick auf Richard. Schon öffnet der die Lippen, um das Vorhandensein des jungen Geschöpfs irgendwie zu erflären vielleicht zu sagen, daß es jemand im Haus gehöre, ihnen nicht.
Da tam auf einmal der große, heilige Mutterstolz über Lene. Ihr Kind verleugnen? Brauchte sie das? Ihr Kind, auf das sie so stolz war, das sie geboren hatte unter Einſegung
Lene wußte nichts und wünschte nichts, als daß sie so in alle Zeiten hin sich in Frieden ihres Kindes freuen dürfe. ihres Lebens?