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Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 205. mch
11]
Gin
Dienstag, den 21. Oktober. 9 is ism
Nachdruck verboten.
Der Unkenteich.
Roman von Gertrud Franke Schiebelbein. Volkmar lachte auf.„ Entschuldigen Sie, Rober. Wenn Sie so weit ausholen! Ich hab' keinen Augenblick Zeit. Was giebt's denn eigentlich?" Gus 196
" Ich will mich nicht aufdrängen," sagte Rober, noch immer beleidigt. Die schlaffe Gestalt war wie aufgeblasen von dem Gefühl, in seinen besten freundschaftlichsten Absichten zurückgewiesen zu sein.
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1902
tisch her, durch Ihre überſtürzte Heirat. Ohne Verlobung, ohne alles. Wir fielen ja förmlich aus den Wolfen! Zweitens: Sie stellten Ihre Frau keinem Ihrer Kollegen, nicht einmal dem Direktor vor. Vielleicht waren wir Ihnen oder unsre Damen als Umgang nicht gut genug"
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Sund. Gesellschaften dazu langts nicht" ,, nein," lachte Richard.„ Aber der Stnippel liegt beim
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„ Drittens," zählte Rober unbeirrt weiter,„ bergraben Sie sich da draußen im Untenreul wie aus der Welt! Sie vermeiden unsre gemütlichen Kneipabende, die Vereinsfizungen, die philosophischen Versammlungen und viertens: Sie verstecken Ihre Frau. Kein Mensch hat ste jemals mit Augen gesehen. Beinah, als ob Sie Grund- na, Richard htelt ihn fest. Mein Gott, so schießen Sie doch fahren Sie nur nicht auf! Ich meine es freundschaftlich, endlich los, Rober!" sagte er mit gezwungener Jovialität. wahrhaftig. Und da möcht ich Ihnen dringend ratenWas haben Sie denn Welterschütterndes? Jd bin ja gelassen Sie mich mal ganz offen sein Herrgott, wenn die spannt wie' n Luchs."] Dame vielleicht schon ein bißchen ältlich ich weiß ja nicht man mutmaßt so allerlei oder vielleicht nicht den großstädtischen Firnis hat sie ist ja wohl vom Lande?- das ist ja alles Nebensache. Sie dürfen sich nicht genieren, sich mit ihr zu zeigen. Sie müssen heraus! Wenn Sie wüßten, was für Gerüchte, für Blasphemien in der Stadt umgehen -die Folge Ihrer unklugen Zurückgezogenheit Sie würden Sie Ihre Frau in die Welt, die Gesellschaft einführen, daß Ste
Rober schüttelte halb entrüstet, halb besiegt den Kopf. Seine langgeschlitten, immer thränenden Augen blickten vor wurfsvoll auf den Kollegen.
Sie sollten die Sache nicht so von der spaßhaften Seite nehmen, Voltmar."
Die Sache? Welche Sache?"
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" Sie lassen mich ja nicht zu Worfe kommen. Es handelt nicht einen Augenblick zögern, sie zu zerstreuen. Dadurch, daß sich um
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Ihre Frau." Meine Frau?"
Richard fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte. Einen Augenblick war's ihm, als wirble die Welt in tollen Drehungen um ihn herum. Das lange, gelbe, salbungsvolle Gesicht vor ihm verzog sich zu einer scheußlichen, drohenden Fraße. Aber mir ein paar Herzschläge lang. Dann hatte er sich gefaßt.
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Er lachte. Was geht Sie meine Frau an?" " Hm mich ja nicht gerade. Wenn ich auch gestehen muß, daß es uns allen hier vom Gymnasium fchon aus Standesrücksichten nicht gleichgültig sein kann" Rober!" sagte Volfmar tonlos, aber so fest und drohend, daß der lange Mensch ängstlich einen Schritt zurückwich, jetzt mal ohne Umschweife: was meinen Sie?"
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Ich meine," stotterte Rober, daß allerlei geredet wird über Ihre Frau. Meine Frau hat's gestern auf dem Markt von ihrer Grünframthändlerin gehört"
„ Eine lautere. Duelle!" murmelte Volkmar, dem Schauer auf Schauer über den Rücken rann. Er versuchte mit zitternden Lippen zu lächeln. Und solchen Klatsch erzählen Sie mir wieder? Und glauben ihn vielleicht gar?" Lauernd hingen seine Blicke an dem Munde Robers.
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Glauben?" sagte der, wiedermal aufquellend wie ein nasser Schwamm im Gefühl seiner Moralität glauben? Mieber Freund, wenn ich das hirnverbrannte, himmelschreiende Gewäsch nicht für eine Ausgeburt niederträchtiger Bosheit hielte, würde ich mich für zu gut halten, auch noch ein Wort an Sie zu verlieren. Dann wär's aus. Sie kennen mich ja." Er vergrub die Rechte in den Ausschnitt seiner abgetragenen trotz ihres Alters noch nicht bezahlten Weste und hob den Stopf mit einent wunderbaren Gemisch von Wohl wollen und Vorwurf.
Es läutete, und Rober brach hastig ab. Denken Sie dran!" mahnte er, Richard die lange, blutlose Hand hinstreckend. Sie sind ein junger Hizkopf. Aber ich kenne die Welt."
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Und nun sollte Richard fünf Stunden lang unterrichten! Noch nie war ihm ein Vormittag so lang geworden. Die Jungen wunderten sich über seine Berstreutheit, sein heftiges Aufbrausen und dann wieder über die stumpfe Gleichgültigkeit, mit der er die stümpernde Ovidübersetzung seines schwarzen Schafes", des Siegfried Wolf , über sich ercafes", be gehen ließ. Eins war ihm aber klar geworden während dieſes qualvollen Martyriums: Lene durfte nichts erfahren. Ihre Unbefangenheit sollte nicht gestört werden. Doch sah er ein, daß Rober nicht unrecht hatte. Er mußte sich mit ihr zeigen. Ihre ruhige, Flare, feste Persönlichkeit, der echt weibliche Reiz ihrer Erscheinung würde die tollen Vorstellungen, die sich über sie gebildet hatten, leicht zerstreuen.
Die beste Gelegenheit, sie zwanglos bei seinen Kollegen einzuführen, würde das nahe Schülerfest sein.
Als er ihr davon sagte, war sie sehr erstaunt. Aber sie willigte nach einigen Bedenken ein. Der Kleine sollte so lange unter der Obhut der Steigenberg bleiben, die eine ganz verrückte Zärtlichkeit für das Kerlchen gefaßt hatte.
Der Festtag kam, so blau und golden, mit so rötlich warmen Sonnenstrahlen, so bunter, leuchtender Laubpracht, mit einem so süßen, halb lachenden, halb wehmutsvollen Bauber, wie nur ein Septembertag haben kann.
Richard Volkmars Herz flopfte in heftiger Beklemmung, ., Glauben? Nein. Aber daß ich Ihnen davon Mitals er mit Lene den Weg nach dem Festplatz einschlug. Von teilung mache- trotzdem es eine äußerst peinliche und undant Beit zu Zeit warf er verftohten prüfende Blicke auf ihr Gesicht, bare Aufgabe für mich ist- schien mir nicht bloß als auf ihre ganze Gestalt. Freundschafts -, nein, als sittliche Pflicht geboten." Richard zuckte die Achseln.„ Ich " Ich ich bin Ihnen ja ja gewiß! Aber
sehr dankbar für den guten Willen
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Wahrlich, er konnte Ehre einlegen mit seiner Frau! Sie verstand die weibliche Stunst, sich gut zu fleiden. Selbst in dem schlichtesten Hausanzug sah sie nett und zierlich Lassen Sie die Leute doch reden. Was will man dagegen is. Sie gab auch etwas auf ihre hübsche Erscheinung, schon machen? Man ist wehrlos gegen das Gift der Verleumdung."| aus Selbstachtung und Ordnungsliebe. Rober legte ihm gewichtig die Hand auf die Schulter. Die Harmonie, die stille, sichere Ruhe und Einfachheit, die Dnein, Stollege, erlauben Sie! Man kann schon dagegen. ihr ganzes Wesen beherrschte, strömte wohlthuend von ihr aus. Und wenn Sie mir eine Bemerkung nicht übeldenten wollen: Und so fest und gelassen, ohne Bangen und Schüchternheit Sie haben den Klatsch ja förmlich herausgefordert!" ging fie an feinem Arm. Unter dem fleinen fleidsamen
„ Oho!" lachte Richard. Ihm wurde wieder ein Frauenhütchen war ihr brünettes Gesicht wohl blasser als sonst. wenig leichter ums Herz. Die Erklärung Robers, daß Aber in ihren Augen stand ein stilles, tapferes Selbster das Geschwätz nicht glaube, hatte ihm Mut gebewußtsein.
macht. Niemand traute ihm eine solche Handlung zu, ein so Gottlob! dachte er, daß sie nichts ahnt von den verrückten tollfühnes Wagnis, mit dem er seine ganze Existenz in Vorstellungen, die über sie umlaufen! Frage stellte.
Und dann wieder: Was werden fie alle für Augen
Erstens," zählte Rober an seinen dürren Fingern pedan- machen!