Mwierhaltttttgsblatt des vorwärts
Nr. 210.
Dienstag, den 23. Oktober.
1902
Nachdruck verboten. m Der Onkcnteicb» Roman von Gertrud Franke-Schievelbcin. Da lag das schöne junge Geschöpf in nackter Unschuld, den rechten Fusz m beiden Händen, sehr erstaunt über das seltsame Spielzeug, das es eben entdeckt hatte, und imnier weiter vor sich hinplaudernd. Als seine Allutter sich über den Wagen beugte, stieß es einen hellen Jauchzer aus. Seine schwarzen Augen, rund und blank und groß geöffnet, daß die seinen Lider ganz ver- schwanden, blitzten sie an wie ein paar Sterne. Die runde Brust reckte sich, das Köpfchen hob sich ihr entgegen, die Hände ließen den rosigen, hochgewölbten Fuß fahren, und alles bäumte sich und strampelte und wollte empor und seine jungen, schwellenden Kräfte bethätigen. Da nahm ihn Lene in ihre Arme und schwenkte ihn über ihreni Kopf, und er lachte, daß die beiden Unterzähnchen, die erst ein paar Tage da waren, in dem weitgeöffneten Mäulchen blitzten. Dann zog sie ihm das rote Schlafkittelchen aus und brachte es unter unsäglichen Mühen zu stände, das zappelnde Kerlchen in sein Kleid zu stecken. Als sie damit fertig war. wußte sie auf einmal nichts mehr von dem großen Lebensjammer. Wie könnte eine Welt zu ewigem Leiden verflucht sein, wo so ein uuernießliches Glück gedeiht? Rur die Verzweiflung sieht in grausamen und zwecklosen Qualen den Sinn des Lebens, sieht die Generationen kommen und untergehen und den Erdboden düngen mit ihrer Asche— um nichts! Nein, dachte Lene und drückte das Kind an ihre Brust, du lehrst mich, daß das Leben kein bloßes, blindes, grausames Drunter und Drüber ist von Zufälligkeiten. Du. die lachende, lebendige Folge unsrer Schuld, daS süße, geliebte Werkzeug unsrer Strafe! „Leben ist Leiden, Kind,— Leiden ist Erläuterung," sagte sie laut und nickte ihm zu. Und er griff jauchzend nach dem hellen Tropfen, der ihr über die Wange rann. Als Richard mittags kann konnte sie ihm die Nachricht so ruhig, gefaßt und zuredend mitteilen, daß auch er sie besser aufnahm, als sie gedacht hatte. 6r zuckte nur die Achseln. Na, dann hilft's nichts. Den Brief las er sehr langsam und nachdenklich und schien etwas wie Trost zu saugen aus dem herzlichen Ton der alten Frau. Dann beauftragte er Lene, seine Uniform, die wohl- verpackt lag, herauszunehmen, zu lüften und nachzusehen, ob alles blank und in Ordnung wäre. Sie sah ihn ganz erstaunt an. „Uebermorgen ist doch Königs Geburtstag," antwortete er auf die stumme Frage ungeduldig. „Ach so, und da bist Du eingeladen?" Er fuhr nervös auf. „Eingeladen? Dummes Zeug! Man geht eben zu der Feier. Keiner vom Gymnasium fehlt!" rief er erbittert. Sie sah ihn angstvoll an, wollte etwas sagen und wagte es nicht. Er merkte ihr Zaudern, ihr Bedenken, und in seiner stets gereizten, stets auf Beleidigung gefaßten Stimmung er- regte es ihn heftig. „Soll ich mich vielleicht ganz in dieser verfluchten Baracke vergraben? Niemals mehr unter meinesgleichen gehen? Ver- langst Du das vielleicht?" rief er, mit dröhnenden Schritten i'üi und her laufend. „Nein, nein— ach, lieber Mann— ich dachte nur—" Es lag ihr wie eine Last auf der Brust. Wenn ihn einer schief ansah, in seiner Verfassung! Sie hätte ihm so gern jede Demütigung erspart. „Was dachtest Du?" fragte er, hart vor ihr stehen bleibend. ..Daß ich mich feige verkriechen sollte, nicht wahr? Daß ich ihnen Gelegenheit geben sollte, mich zu verreißen? Nein, ich gehe! Alle» zum Trotz geh' ich! Und wer es wagen sollte— l"
Mit düster glühenden Augen blickte er vor sich hin, als jähe er seinen Feinden ins Gesicht. Alle Muskeln seines kräftigen, sehnigen Körpers spannten sich wie zum Kampf. „Aber es ist ja noch nichts erfolgt," sagte er dann er- leichtert.„Noch bin ich in Amt und Würden." Ruhig ging er am nächsten Tage ins Gymnasium. Auf dem Flur hörte er Rober und Bittrich, die auch zur Reserve gehörten, von den: Fest sprechen. „Da geht wieder'n Batzen drauf für Sekt," prahlte Bittrich. Und Rober, der von aufdringlicher Liebenswürdig- keit gegen Volkmar war, seit er's ihm abgeschlagen hatte, bei seinem Sobn Gevatter zu stehen, rief ihn an:„Sie kommen doch morgen auch?" „Natürlich," meinte Richard ruhig. In der Pause ließ ihn der Direktor zu sich bitten. Was bedeutet das? dachte Richard. Ein nagendes bohrendes Gefühl in der Herzgegend. Eine Unruhe in allen Gliedern. „Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Direktor!" Urban saß steif und zugeknöpft auf seinem Stuhl, der an einen Thronsessel erinnerte. Tie scharfen, grauen Augen streiften flüchtig den Eingetretenen. Dann gingen sie an den Wänden entlang. Er hatte die Fingerspitzen der kurzen. fleischigen Hand gegeneiiiandergestcmmt, die Ellbogen auf die Lehne gestützt. „Jawohl, Herr— äh— Doktor Volkmar. Ich wünschte Sie— äh— zu sprechen." Er tippte die Fingerspitzen gegeneinander und sah zu Boden. „Im Fall Sie nämlich beabsichtigen sollten, an der Ge- burtstagsfeier Seiner Majestät des Königs teilzunehmen—** Er machte eine Pause. „Das beabsichtige ich allerdings," sagte Richard fest. Urban blickte, den Kopf jäh erhebend, mit einer Miene der Ueberraschung auf. .„Das hätte ich in der That nicht erwartet.— Ich glaubte, es müsse Ihnen peinlich..." „Niemand kann es mir verwehren!" rief Richard auf- brausend. „Erlauben Sie," sagte der Direktor kühl.„Sie könnten sich doch in dem Punkt geirrt haben. Ich habe Sic extra zu dem Zweck kommen lassen, um Ihnen zu sagen, daß mir Ihre Be- tciligung an dem Fest— nicht augenehm wäre." Richard stand eine Weile, ohne ein Glied zu rühren, ohne einen Atemzug thun zu können. Er fühlte sein Herz still stehen. Ein giftiger Haß gegen den Machthaber, der ihm voll Seelen- ruhe eine tödliche Kränkung ins Gesicht schleuderte, kochte in ihm auf. O, die Wollust, herausschreien zu dürfen, was ihm die Brust sprengen wollte, diesem bornierten, von Hochmut ge- schwolleueu Autokraten seine ganze Verachtung zu zeigen! Urban sprach weiter, trocken, kalt, vernünftig. Schon in Volkmars eignem Interesse riet er ihm, von der Absicht ab- zustehen. Es konnten allerhand unliebsame Zwischenfälle.— Und auch im Interesse der Schule und der Kollegenschaft... Richard verbeugte sich schweigend und wandte sich zum Gehen. „In Ihrer Sache," meinte Urban dann,„ist leider noch nichts geschehen. Sie müssen sich gedulden." Er machte eine entlassende Handbewegung und schnitt da- mit eine Frage ab, die Richard auf den Lippen lag. Wie schlafwandelnd schritt er durch den langen Korridor, zwischen den Schülern hindurch, seiner Klasse zu.� Da trat Rober händereibend, mit bekniffenem Lächeln an ihn heran. „Ach, übrigens— verzeihen Sie, Kollege— wegen der Plätze— ich hatte mich schon mit Venkard und Bittrich ver- abredet—" Richard Volkmar ging vorüber, ohne zu antworten. „So eine Unvcrschärntheit," klagte Robcr nachher den Kollegen.„Statt dankbar zu sein, daß man ihn nicht fallen läßt, kommt er einem so!" 1- Der Festtag kam. Ein Novembertag, ganz in schmutzige Farben gehüllt. Am Morgen frostiger Nebel, der düster brütend über dem Reul lag und auch noch mittags ein trübeH Halbdunkel erzeugte.