Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 211.
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Mittwoch, den 29. Oktober.
Nachdruck verboten.
Der Unkenteich.
Noman von Gertrud Franke Schiebel bein. So sacht fam Richard das Denken wieder. Der Wille, die Kraft stellte sich ein.
Ja, sein Leben hatte er nu glücklich verpfuscht. Zweiunddreißig Jahre! Und voll glühender Thatkraft! Ausgestattet mit allen Geisteswerkzeugen, Großes zu erreichen, bom
besten Willen erfüllt!
Was hatte er zu erwarten?
Wenn's gut ging, setzten sie ihn in irgend ein Provinznest, knöpften ihm einen Teil seines Gehaltes ab, stellten ihn
unter die strengste Kontrolle seiner Vorgesetzten.
Keinen Schritt durfte er thun über die engen Grenzen seiner Vorschriften hinaus, keinen freien Gedanken aussprechen. Denn er blieb eben verdächtig, ein gefährlicher Patron, der gemaßregelt war wegen unfittlichen Lebenswandels.
Und das waren noch seine besten Aussichten. Was dann, wenn sie ihn absetzten?
Mit Stundengeben, mit Artikelschreiben eine Familie er
halten? Und wer würde ihm seine Kinder anvertrauen? Es gab ja genug Leute mit fleckenlosem Namen, die sich dazu drängten.
Das alles sagte er sich unumwunden. Zum erstenmal wagte er's, der Zukunft dreist ins Gesicht zu sehen.
Und laut, mit einem harten Lächeln sagte er vor sich hin: Bankrott!"
"
-
Sein Wagnis war mißlungen. So klug er's anzufangen gemeint, indem er sich hier draußen im Reul vergrub mit seinem Geheimnis einmal kommt doch die Stunde, da es hinausgeht in die Welt und die schlummernden Furien wedt. Lene! durchfuhr es ihn auf einmal. Er wußte, fie wartete. Vielleicht schon in tausend
Mengsten. Denn er hatte sich fortgestohlen, ohne ihr Adieu zu
sagen.
Aber es trieb ihn nicht heim. Es trieb ihn fort von ihr, weiter in die Dede der Felder.
Da schimmerte es tief am Horizont der flachen, ebenen Landschaft in stumpfem Bleiglanz. Wie ein gebrochenes Riesenauge starrte es empor zum grauen Himmel.
Der Unfenteich.
Und nun schwamm auf einmal ein dumpfes, verworrenes Tönen durch die schwere Luft. Dunkle, drohende, klagende, Hoffnungslose Laute. Glockengeläut.
Sie wogten auf und ab. Sie klangen bald von da, bald von dort. Ueberall waren sie. Von unsichtbaren, in Nebel gehüllten Türmen schwebten sie über das Land.
Heil! Heil! bedeutete es für die Leute in der Stadt dem großen liikenteich, wie Bodenstein gesagt hatte.
Für ihn, den Ausgestoßenen, hieß es: Wehe! Wehe! Vae victis!
Ihm wars, als schlügen die schlammigen Fluten über ihm zusammen. Herrgott! So weit war's schon?
Er fühlte, wie es ihn hinabzerren wollte in den zähen Morast des Bodens. Eine gewaltige Anstrengung: Schwimmen! Empor! Licht! Luft!
Der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirn. Die Kniee zitterten unter ihm. Heißhunger, Mattigkeit zum Umsinken.
Er mußte nun doch nach Hause. Eine tiefe Schnsucht, fich auszustrecken, alles zu verschlafen.
Endlich hate er die Roßberger Chaussee erreicht. Er fühlte festen Boden unter den Füßen, schritt strammer aus.
Seine Gedanken frochen vor ihm her zu Lene. Wie Fliegen im Herbst, matt, klein, schwarz, gleichgültig. Ja, gleichgültig oder nein: schlimmer.
Das Unglück, das ihn getroffen hatte, machte ihn hart und ungerecht gegen fremdes Leid- selbst gegen das Leid des geliebten Weibes.
Und er fühlte, das war das Furchtbarste daran: das Gefühl, das jahrelang sein heiligstes, tiefstes gewesen, war ihm besudelt imd zertreten.
Was er jetzt für Lene empfand, das war ein grauenvolles, wüstes Gemisch von Haß und Liebe, Verachtung und Bewunderung, von widerwilliger Verehrung vor ihrem stillen,
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geduldigen Ertragen und dem wilden, rachsüchtigen Verlangen, die unschuldig- schuldige Ursache seines Unglücks zur Verantwortung zu ziehen, zu strafen.
Wie war das möglich? War er denn eine Wetterfahne, daß er mit dem Winde ging?
Komute selbst er seine Seele nicht verschließen vor dem giftigen Peſthauch der üblen Nachrede, die das Weib verdammte, als die Verführerin, die Verworfene? seine Leidenschaft, seine aus Trotz und Verzweiflung aufEr wußte doch genau, daß sie sein Opfer war. Daß nur flammende, alle Vernunft, verzehrende Sinnlichkeit sie nach langem Kampfe mit fortgerissen hatte.
Und doch! Warum war sie so sündhaft schön gewesen!
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Er lachte vor sich hin.„ Haha!" murmelte er." Frei? Unabhängig? Ist nicht jeder einzelne mur ein Atom, ein winziger Bruchteil des großen Ganzen, das Menschheit heißt?" Nun, so wenig ein Blutkörperchen, eine Zelle. allein sich frei halten kann von der Krankheit des Leibes, so wenig widersteht der einzelne den Völferkrankheiten, den von Hirn zu Hirn sich fortfressenden Massenbegriffen.
denken wollen wie die Masse. Er hatte gegen den Strom schwimmen, er hatte anders denken wollen wie die Masse. Zur Freiheit hatte er die Jugend erziehen wollen. Welche Thorheit!
Der Bodenstein, der seine Bäume pflanzte für die Menschen der Zukunft, der that recht. Das war etwas. Aber er? Ein Leben hatte er bloß. Und das hatte er verpfuscht durch eine Dummheit.
" Ich will den Glauben an meine Mission und an die Güte der Menschennatur nicht aufgeben, bis ich nicht wund und vernichtet am Boden liege," hatte er zu Lene gesagt. Die Güte der Menschennatur" war für ihn ein Ammen märchen geworden.
"
*
Da war's ihm, als hörte er Schritte.
Stück Weges war ihm von Gebüsch verdeckt. Auf einmal,
Die Straße machte einen starken Bogen. Das nächste
feine zehn Schritte entfernt, stand ein Weib vor ihm: Lene.
Sie hatte das Kind auf dem Arm. Beide waren ohne Mantel, ohne Hut. Nur ein großes, schwarzes Tuch hatte sie um den Kopf geschlungen und auch des Kleinen Kopf und Körperchen fest darin eingewickelt. So war sie fortgelaufen, die Küchenschürze noch über dem dunklen Hauskleide.
Er erfannte sie im ersten Augenblick kaum. Schwarz und düster wie eine Nonne stand sie vor ihm auf dem weißen Nebelgrunde, unte dem grauen Himmel. Die Schatten des Tuches ließen ihr Gesicht unheimlich starr erscheinen. In ihren Augen stand noch die wilde, verzweifelte Todesangst, die sie um ihn gelitten.
Als sie ihn so plötzlich vor sich sah, schien es einen Moment, als wolle sie mit einem Jubelschrei auf ihn zustürzen. Aber sie blieb unbeweglich, stumm, in ihrer düsteren Entschlossenheit auf dem Flecke stehen und ließ ihn herankommen.
" Was thust Du hier, Lene?"
"
„ Ich suchte Dich," murmelte sie kaum verständlich. warst Du?"
Am Unfenteich."
Wo
Sie gingen schweigend weiter. Das Kind streckte seine Arme nach ihm aus, jauchzte und stammelte. Er zwang sich zu ein paar mechanischen Liebfosungen. Lene sah mit seltsamem Lächeln zu. Endlich wehrte sie dem Kinde.
„ Laß doch!" sagte er.
„ Es stört Dich ja bloß," meinte fie, und alle Bitterkeit verletzten Mutterſtolzes lag in den Worten.
Dann schwiegen sie wieder und gingen vorwärte. „ Das Essen ist seit drei Stunden fertig," murmelte sie. „ Ach was, Essen!"
,, Seit drei Stunden warte ich.
Und male mir das
Furchtbarste aus" Wie erstickt brach sie ab.
sch konnte nicht nach Haus, Lene." Hast Du denn gar kein Fünfchen Liebe mehr für mich?" stürzte es ihr von den Lippen.
"
Dummes Zeug!"
" Ich will ja alles ertragen! Mir macht's ja nichts, wenn Du Dein Amt verlierst, wenn wir nur zusammen