Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 212.

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Donnerstag, den 30. Oktober.

Nachdruck verboten.

Der Unkenteich.

Noman von Gertrud Franke Schiebelbein. Vor Lenes Ohren brauste das Blut wie Sturmgeheul. Dann wurde es seltsam still und leer in ihrem Kopf. Weißer Nebel, weißes Nichts. Nur ein dämmernder, sich allmählich losringender Gedanke.

" Siehst Du, siehst Du?" Ein herzzerreißendes Lächeln zuckte um ihre weißen Lippen. Das hab' ich ja gleich gesagt. Aber Du Du wolltest es nicht glauben. Und, siehst Du, wenn ich nun stürbe

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Dummes Zeug!" brauste er auf. Die Reue hatte ihn schon gepadt. Die alte Liebe regte sich.

" Oder," murmelte fie, auf ihr Ziel losgehend wie Winkelried auf den Lanzenwald, den er sich in die Brust drückte, oder Du würdest auf eine andre Weise wieder frei."

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,, Bene!" schrie er gequält, wir beide gehören nun' mal zusammen! Wir haben das Verbrechen begangen, Leben zu erweden. Deshalb müssen wir, wie zwei zusammen­geschmiedete Totschläger, bis ans Ende auf unsrer Galeere miteinander aushalten."

,, Nicht wahr, in der Stadt haben sie eine Meinung von mir?" fragte sie leise.

schlechte Er dachte daran, daß sie sie für eine Verworfene hielten. Das Weib fommt in diesen Dingen immer schlechter fort," sagte er achselzuckend.

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Sie machten's vielleicht glimpflicher mit Dir, wenn ich nicht da wär," flüsterte sie faum verständlich. Die Stimme war ihr wie gestorben in der Brust.

Nun ja, dem Manne verzeiht man eher," rief er un. geduldig. Aber nun ist's genug. Nun komm' endlich über die Sache fort!"

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,, Gut," sagte sie mit festem, starkem Ton.

Sie waren zu Hause und gingen still und arbeitsam nebeneinander hin wie sonst. Richard bereitete sich auf den nächsten Schultag vor und las in seinen Fachzeitschriften. Lene versorgte Mann und Kind, that die Wirtschaftsarbeit und nähte für den Kleinen ein neues Kittelchen. Alles jah harm­Los, alltäglich und friedlich aus. Die junge Frau schien un­verändert ruhig und ernst wie immer. Aber sie selbst kannte sich nicht mehr. Sie war sich wie eine Fremde mit ihren neuen, fremden Gedanken.

Sie wußte jetzt, was Verzweiflung ist.

Es war bei ihr fein wildes, rasendes Aufbegehren, fein Schreien und Toben und Hadern. Das lag nicht in ihrer Natur, die immer Maß und Ziel hielt. Es war die schlimmste Form der Verzweiflung, die klar bewußte, ohne Illusion, ohne den Hoffmungsfunken: Du täuschest Dich, es fann ja noch gut werden. Die Art, die die großen Entschlüsse gebiert, die Sträfte erwedt und reift, von denen man selber keine Ahnung hat, Kräfte, vor denen einem graust, wenn fie aus dunkler Tiefe aufsteigen und Leben gewinnen, und die bebende Seele ausfüllen.

Der Gedanke, der ab und zu in Lene aufgetaucht war wie eine Wahnidee, die vor der Rückkehr der Vernunft sich Spurlos verflüchtigt, er trat auf einmal als Allesbeherrscher, als Forderung auf, vor der es fein Zurückweichen gab.

Er faß in ihrer Seele wie ein Dorn. Bei allem, was sie anfaßte, was sie begann, stach sie sich blutig an ihm. Sie wollte lesen, um ihn auf eine Weile loszuwerden. Aber als fie nun endlich still saß, wurde es schlimmer als zuvor. Und bann kam die Nacht, die stille, schwarze, endlose Nacht.

Richard, von der Anstrengung des langen Marsches über­müdet, schlief, kaum daß er in den Kissen lag. Von der gegenüberliegenden Wand tönten seine kräftigen, regelmäßigen Atemzüge.

Dicht neben ihrem Bett stand der Wagen des Kleinen. Unhörbar hob und fenkte sich die zarte Brust. Sie mußte sich tief zu ihm hinabbeugen; dann streifte sein süßer Hauch ihr Gesicht. Eine feine Wärme stieg von ihm auf, und sie trank die Lebensregungen des geliebten Geschöpfes in sich hinein wie einen Seelenbaljam. Wenn sie das nicht gehabt hätte, fie wäre gestorben in den Qualen dieser Nacht.

1902

Ganz still, wie abgeschieden, die Hände auf der Brust gefaltet, lang ausgestreckt, daß ihre Füße die Bettwand berührten, lag fie Stunde um Stunde.

Es war eine Nacht, die sie nie wieder vergaß in ihrem Leben.

Die große That wollte in ihr geboren werden, und sie lag und rang und fämpfte. Und immer wieder versagte ihr die Kraft dazu, und immer aufs neue begannen Kämpfe und Schmerzen, bei denen ihr die Seele aus den Fugen gehen Aber einmal mußte es doch geschehen. So ging es ja nicht weiter mit ihnen.

wollte.

einer Abstrafung nie. Auch ihr würde er es nie verzeihen, daß sie die Ursache seiner Bönitenz geworden war. Das lag in seiner Natur. Jetzt schon da noch nichts entschieden war und er sich oft übermenschlichen Zwang anthat, sie nicht ent­gelten zu lassen, was ihm da draußen im großen Unfenteich geschah schon jetzt lebte er neben ihr in stummem Groll, in unbewußter Feindseligkeit.

Sie sah es klar und deutlich: er verwand die Schande

Wie sollte das erst werden, wenn das Schlimme fam, das er so qualboll gespannt erwartete? Und wenn dann die Not fäme, wenn sie brotlos würden und er mit Lohnarbeit sie alle erhalten sollte? Er ein solcher Mensch! Er, der ganz gewiß ein Reformator geworden wäre in seinem Fach, einer von den großen Menschheitslehrern.

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werden. Alles wurde gut, nahm für ihn ein besseres Gesicht Nein, es mußte sein. Sie durfte ihm keine Fessel an, wenn fie aus seinem Leben verschwände. Ja, vielleicht und das leuchtete auf einmal in ihr auf wie eine Feuers brunst, so daß sie emporfuhr und ferzengerade, mit klopfendem Herzen im Bette saß vielleicht fiel das Urteil günstiger aus, vielleicht nahmen sie ihn zu Gnaden auf, wenn er sie nicht länger als Ballast mitschleppte.

Mit flappernden Zähnen, zitternd vor Frost, saß sie im dünnen Nachthemd aufrecht in der kalten Kammer. Sie merkte es gar nicht, daß sie fror, über dem inneren Frieren, dem falten, starren Entsetzen, das ihr durchs Herz froch.

Immer gewisser wußte sie, was sie zu thun habe. Immer näher rückte ihr der furchtbare Entschluß. Sie horchte auf ihn. Es schien ihr fast Wahnsinn, ihn ernsthaft zu bedenken. Wer ihr das heute früh gesagt hätte, daß sie dazu fähig sei, den hätte sie ausgelacht.

Aber wie sie's auch bedachte, wie sie ihre Lage angriff alles übrige blieb verworren, unausführbar, ein Chaos von Kämpfen, Sorgen, Bitternissen. Dies einzige brachte Klar­beit, Lösung aller irren. Und immer wieder kami sie zu ihm zurück.

Sie fand schon zu leben für sich und das Kind. Wer so lange auf eignen Füßen gestanden hat wie sie, dem ist nicht bange, wo er sein bißchen Brot findet. Die alten Bodensteins, das wußte sie, würden sie mit offenen Armen aufnehmen. Und wenn die einmal nicht mehr waren, so fand sich Nat.

Und Richard war dann frei. Seine Uebereilung, seine furze, thörichte Ehe würde bald genug bergessen werden. Sein Leben, das jetzt so verpfuscht und verfahren vor ihm lag, wurde vielleicht wieder eben und glatt und erfolgreich.

Dann dachte er ihrer freundlich, als einer Toten, die zur rechten Zeit Platz gemacht hatte. Er blieb ihr dankbar. Die schönen Jahre ihre Liebe blieben doch das Beste in seinem Leben! Und als sie das dachte, sich dazu durchgerungen hatte, da war's ihr, als müsse ihr das Herz brechen, als müsse sie laut hinausschreien. Und ob sie auch die beiden Fäuste auf ihre Lippen preßte, ein lauter, röchelnder Wehelaut stieg ihr doch aus der Brust.

Richard ermunterte sich halb. Er murmelte undeutlich etwas in den Bart. Dann warf er sich auf die andre Seite und schlief bald wieder. Aber es war ein unruhiges, traum­reiches Schlafen. Sie hörte ihn seufzen und flüstern, und einmal stöhnte er fief und angstvoll, als presse ihm ein Alp­druck die Brust zusammen.

Da zündete sie leise die kleine Nachtlampe an. Sie sehnte sich unsinnig nach seinem Anblick. Leise erhob sie sich, schlich auf bloßen Füßen zu seinem Bett und, das Lämpchen mit der Sand beschattend, stand sie zitternd vor ihm und trank jeden feiner Züge wie ein Verschmachtender in sich hinein.