Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 215.

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Dienstag, den 4. November.

Nachdruck verboten.

Der Unkenteich.

Roman von Gertrud Franke Schiebelbein. " Fräulein Kornelie!" rief Richard. Es erschütterte ihn fast. Sie war ihm also wirklich gut. Und er hatte sie verkannt, Steif und fremd neben ihr hingelebt, sie gekränkt, verschmäht! Wie mußte sie ihn lieben, daß selbst der Makel, der auf ihm lag, sein Gebundensein an eine Frau, die ihr im tiefsten Herzensgrunde verächtlich sein mußte, ihr Gefühl nicht ertötet hatte!

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Das Gäßchen erweiterte sich. Der prächtige, freie, mit Gartenanlagen geschmückte Platz, an dessen Ende das Gym­nasium lag, breitete sich vor ihnen aus.

Er mußte rechts abbiegen, um zum Reul zu kommen. " Fräulein Kornelie," sagte er," Sie ahnen's nicht, welche Wohlthat Sie mir erwiesen haben. An Freunden hat ja ein Mensch in meiner Lage nicht gerade Ueberfluß. Nie vergess' ich's Ihnen." Damit ging er schnell hinweg. Die Strengen blauen Augen hatten sich gefeuchtet. Das that in der Seele weh.

ihm

Langsam schlenderte er nach Hause. Es war ihm, als hätte er's schon halb überstanden.

Er schloß die Wohnungsthür auf und ging ins Zimmer. Alles war sauber, der Tisch gedeckt, im Ofen brannte das Feuer. Nur Lene war nicht da.

Sie hatte wohl noch in der Kammer mit dem Kleinen zu thun. Oder das Essen war noch nicht fertig, obgleich fie sonst immer so pünktlich war.

Er setzte sich in die Sofaecke, schloß die Augen und begann zu träumen, während er auf ihr Kommen wartete.

Aber alles blieb still. Er hörte keinen Laut. Vielleicht hatte sie noch einen eiligen Gang gehabt.

Er rief laut ihren Namen. Niemand antwortete.

Jetzt wurde er unruhig. Er sprang auf und durchsuchte die kleine Wohnung. In der Küche auf dem Herde stand das fertige Essen, sorgfältig zugedeckt, noch heiß und appetitlich duftend. Von Lene, von dem Kinde keine Spur.

Er ging wieder ins Wohnzimmer zurück, von einer plötz­Er ging wieder ins Wohnzimmer zurück, von einer plötz­lichen Furcht, einem schnell aufspringenden Argwohn gepact.

Was bedeutete das?

Mißtrauisch, mit wachsender Erregung blickte er umher nach irgend etwas, das über dies rätselhafte Verschwinden Lenes Aufklärung geben könne. Und jetzt fiel ihm auf, daß nur ein Gedeck auf dem Tische stand. Auch fehlte auf ihrem Nähtisch die Handarbeit. Des Kindes Spielzeug, der Hund von Gummi und der wollene Hampelmann, lagen nicht auf ihrem Plazz. Alles sah so aufgeräumt aus, so feiertäglich ernst und falt das warme Leben, die holde, traute Unordnung, die fleine, spielende Hände schaffen, war verschwunden. Sie war fort ohne Zweifel. Wohin? Ausgegangen? Oder-?

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Er konnte es nicht ausdenken nicht glauben. In wilder Haft begann er herumzusuchen. Irgend ein Zeichen mußte sie doch hinterlassen haben, sie, die so sorgsam an alles dachte. Und richtig auf seinem Schreibtisch Mappe aufschlug lieben Mann."

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1902

seine Lene. Sein Weib. Fort? Aus dem Hause?- Sie hatte ihn verlassen?

Er versuchte mit qualvoller Anstrengung den Gedanken zu Ende zu denken. Aber die Begriffe zerflatterten ihm nach allen Richtungen. Bei einer Bewegung, die er machte, raschelte das Papier in seinen Händen. Ach ja, der Brief! Darin fland es ja. Und wieder nahm er ihn vor die Augen und las: Liebster Mann!

Es

ist unsre einzige Rettung. Ich gehe fort und komme nicht wieder. Es muß sein.

den bitteren Entschlaß gefaßt. Wenn es noch einen andern Ich hab' mir's lange überlegt und mit schwerem Herzen Ausweg gegeben hätte, ich hätte ja alles lieber gethan. Ins Elend wär' ich mit Dir gegangen, freudig wie zu einem Feſt. Gedarbt und gehungert hätt' ich mit Dir, Schande getragen wie ein Ehrenkleid gewesen wäre. für Dich wenn Dir damit gedient

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Gegenwart Dich täglich und stündlich an unser Vergehen er­Aber das fonnt' ich nicht länger mit ansehen: daß meine innerte; ja, daß das Kind Dir ein steter Vorwurf war. Nenne es Stolz. Ja. Es ist wohl auch mein Frauenstolz, mein Mutterstolz dabei im Spiele. Wieviel mehr aber meine Liebe! Du hast es gut gemeint. Deine eigne Zukunft hast Du gewagt, um mir und dem Kinde einen geachteten Namen zu geben. Ich danke Dir's auf meinen Knieen. Deinen Namen tragen wir ja nun, der Kleine und ich. Das wird uns gut zu unserm Fortkommen helfen. Denn ich will nun allein für uns beide sorgen und weiß auch schon einen Weg. Du sollst aber nicht fragen und forschen. Niemals, hörst Du, nie werde ich Dir antworten, oder zu Dir zurückkehren. Meine Spur soll follit frei werden, so frei, daß Du Dein Leben von vorn für Dich verlöscht sein, als hätten wir uns nie gekannt. Du anfangen kannst, ohne Rücksicht auf andre, ohne den Ballast der Vergangenheit.

Und wenn ich Dir einen augenblicklichen Schmerz anthue, verzeihe mir! Ich kann, ich darf nicht anders handeln. tuschen und Verdecken. Wir wollten glückliche, zufriedene Leute Wir glaubten unsre Schuld tilgen zu können durch Ver­werden, wie andre trotz alledem. Aber unsrer Ehe fehlte das Beste, das Heiligende: nicht der freie Wille führte uns zusammen, sondern die gemeinsame Schuld. Und darum trug fie ihren Zodeskeim in sich von Anfang an.

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heute auf mich nehme. Vielleicht bringt sie uns den ersehnten Für mich giebt's keine Sühne, als die schwerste, die ich Frieden.

mir, daß ich unser Kind zu einem braven Manne erziehe. Deine Helene."

Und nun lebe wohl! Denke meiner ohne Groll. Vertraue

Wie Richard Volkmar den Nachmittag hingebracht hat, die jener Entdeckung folgenden ersten Stunden das ist ihm hinterher immer ein Rätsel geblieben.

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Den Brief hatte er in einem Anfall rasender Zerstörungs­wut zerknittert und irgendwo hingesteckt. Was wußte er von sich oder von der Welt? Es gab ja nichts weiter als das eine Furchtbare, alles Verschlingende: sein Weib fort!

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als er die Darüber schrumpfte alles, was ihm sonst noch geschehen ein Brief von ihrer Hand: An meinen war, was ihn monatelang gebeinigt und bis an den Rand der Verzweiflung gebracht hatte selbst die drohende Strafe -- das schrumpfte jezt alles zu blassen Schatten ein neben der furchtbaren Realität der Thatsache, die auf einmal mitten in jeinem Leben stand. Wie ein Felsblock herabgestürzt aus Regionen, von denen er nie eine Gefahr erwartet hatte.

Er riß ihn auf, durchflog die ersten Zeilen- las ihn noch einmal langsamer dann Wort für Wort mit ver­jagendem Verstande es blieb immer dasselbe: ein Ab­schied. Auf Nimmerwiedersehen!

Die Kniee brachen unter dem starken Manne zusammen. Er tastete nach einem Stuhl und fiel darauf nieder. Alle Glieder waren ihm gelähmt, starr, leblos.

Eine Weile saß er, vor sich hinstierend, mit halb offenem Munde, verglasten Augen. Das Haar hing ihm wild in die Stirn, die Lippen waren blau. In der Hand hielt er den Brief, festgekrampft, ohne es zu wissen.

Wie ein Mensch, den ein Keulenschlag auf den Kopf Betäubt hat, faß er minutenlang, kaum atmend, ohne Bewußt­fein. Und ganz sacht, dunkel, wie aus weiter Ferne, troch endlich ein Gedanke heran, ein Gedankenbruchstück eine wahnwißige, unglaubliche, unfaßbare Vorstellung: Lene fort

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Während er ganz hingenommen war von kleinen täg­lichen Lebenssorgen, vom Kampf mit äußeren Feinden, ja, mit den Schemen von Dingen, denen seine Einbildung allein erst ein furchtbares Leben gegeben hatte, während dessen hatte sich facht und unmerklich, unbeachtet und doch unaufhaltsam der Felsblock losgelöst, der ihm sein einziges Besitztum, sein bestes, wahres, wirkliches Glück zerschmettert hatte.

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Und jetzt stand er davor ein Mensch, der mit einem Schlage zum Bettler geworden ist. Und wie er sich auch quält, wie er's immer von neuem versucht, sein Unglück zu fassen es ist zu groß. Es ist viel größer als seine Kraft. Fortwälzen, aus dem Wege rücken fann er's nie. Nur nach