Anterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 219. Sonntag, den 9. November. 1902
Nachdruck Verbote». 261 Der Qnhentclcb. Noman von Gertrud Franke-Schievelbein. Auf einmal aber, fast unmittelbar nachdeni Richard dem Doktor eingestanden hatte, daß Lene ihn verlassen habe, schlug die Stimmung um. Alle wetteiferten in Freundlichkeit und Zuvorkommenheit. Es war. als verspürten sie das Bewußt- sein einer Schuld und den Wunsch, ihm Genugthuung zu geben. Selbst ein paar alte Herren, denen er mit feinen modernen Ideen ein Greuel war, die das Hell der Welt im Griechischen und Lateinischen sahen und ins helle Leben blinzelten wie Eulen ins Tageslicht, selbst die schenkten ihm auf einmal eine gewisse gönnerhaste, frostige Beachtung. ßr traute erst seinen eignen Sinnen nicht. Zufall! dachte er. Aber da kamen Schulz und Bittrich mit ihrem Stecken- Pferde„Verbreitung des Deutschtums". Venkard wollte ihn für die Comeniusgesellschast kapern. Rober bat ihn, für kurze Zeit an seiner Stelle den Schriftführerposten beim Deutschen Schulverein zu übernehmen. Horstmann hatte es wieder inst den Volksbibliotheken vor. Und so überstürzten sich die Dinge. Alle diese Zeichen aber deuteten darauf hin, daß er wieder zu Gnaden angenommen, gewissermaßen rehabilitiert werden sollte innerhalb der Kollegenschast. Es schien, als wenn die vollen Ströme des Idealismus und der Humanität, die so heiß in diesen Menschen pulsierten und sich in alle Weiten zu ergießen strebten, nun auch den nahen Weg zu ihm gestmden hätten. Sie sprachen alle zu ihm, schonend, init diskreter Beileids- miene, wie zu einem, den ein schweres Unglück getroffen hat. für das er durch Teilnahme und Achtung seiner Mitmenschen entschädigt werden soll. Selbst der Direttor benahm sich, obwohl noch immer ernst und zurückhaltend, doch so liebenswürdig, als es sein hölzernes Wesen nur zuließ. Die größte Ucberraschung aber erlebte Richard Volkmar am nächsten Sonntag. Eine Einladung zu der alljährlich bei Horstmann stattfindenden Tanzgesellschaft! Er— zum tbö dansant! Wie Ironie, wie grimmiger Hohn erschien es ihm im ersten Moment. Zwar war er alljährlich dort gewesen. Keiner der Kollegen durste fehlen. Aber jetzt, in seiner Lage I Ein Mensch, über dem die Disciplinaruntersuchung schwebt I Und tanzen I Sofort wollte er abschreiben, höflich dankend sich mit einer durchsichttgen Lüge entschuldigen. Aber er schob es noch hinaus. Bis zum Abend, dachte er, so lange hat's noch Zeit. Am Nachmittag aber kam die zweite Ueberraschung. Es klingelte. Und als Richard öffnete, standen Bittrich und Rober vor ihm. Richard errötete vor Verlegenheit. Die Armseligkeit seines Heims I Und Bittrich. der Protz, der vom erheirateten Gelde den großen Herrn spielte, dem keine Pracht prunkend und keine Kostbarkeit teuer genug war! Daneben der lange, dürre, armselige Rober, der mit sichtbar ttcfer Genugthuung feststellte, daß fein mit Kindern überfi'illtes, durch eine kränkliche, arbeitbelastete Frau schlechtgeführtes Hails denn doch noch ein ganz Teil komfortabler war, als Kollege Volkmars Baracke. Doch gaben sie sich äußerlich die unbefangenste, jovialste Miene. „Wollten doch mal nach dem Martin sehn," meinte Rober.„Man hat doch sozusagen die moralische Ver- pflichhmg—" „Na. und natürlich— selbstredend in erster Linie, nach dem Herrn Kollegen und barmherzigen Samariter," trompetete Bittrich mit einem besonderen Aufwand von Liebens- Würdigkeit. „Jawohl, selbstverständlich." beeilte sich Rober hinzuzufügen. »Bei dem schönen Wetter—"
„Stören doch nicht?" fragte Bittrich höflich, da Richard noch immer keine Miene machte, sie zum Nähertreten ein- zuladen. „Nein, aber Sie muffen entschuldigen," sagte Richard. die Thür zum Wohnzimmer öffnend.„Es ist die richttge Boheme bei mir." Die Aufwärterin, die Sonntags nur am Vormittag kam, hatte den Tisch noch nicht abgeräumt. Leere Teller, gebrauchte Messer und Gabeln standen in friedlichem Verein mit dem Kaffeeservice, das eine henkellose Tasse aufwies. Richard stellte alles hastig zusammen. Das„giste Zimmer" war nicht geheizt. Er mußte die Herren bitten, hier Platz zu nehmen. „Genieren Sie sich nicht, Volkmar," lachte Bittrich etwas herablassend.„Herrgott, Junggesellenwirtschast! Kennt man! Bei mir hats noch ganz anders ausgesehen!" „Ja, wahrhaftig, Volkmar," sagte Rod er in seinen feierlich tiefen Grabestönen,„ich bewundere Sie. Ganz gemütliche Bude. Watten Sie man! Nächstens überrumpeln wir Sie mal abends, und dann wird'n solider Skat gedroschen. Was, Vittttch?" Sie waren so großmüttg, die ganze Episode seiner Ehe vollkomni.'n zu ignotteren. Richard bot ihnen Bier und Cigarren an, und bald kräuselten sich die blauen Wölkchen und stiegen sacht einpor zur niedttgen Decke. Es wurde von allerlei geredet, gemütlich und harmlos, als wäre nie ein Schatten zwischen das Einvernehmen der drei Kollegen getreten. Lene und das Kind wurden totgeschwiegen. Aber ihr Bild, das über dein Sofa hing und ihr schlichtes, klares, regelmäßiges Gesicht mit den schwarzen Wildvogelangen, die volle, schlanke Büste ins beste Licht setzte, war fist die neugiettgen Augen der beiden Herren anlockend wie der Zucker snr die Fliegen. Immer wieder stahlen sich schnelle Blicke möglichst un- auffällig nach der Wand. Und einmal, als die Augeupaare sich nach der Exkursion begegneten, blitzten sie auf in ttefem Verständnis. Alle Wetter! verrieten Bittrichs Kennerblicke, Raffegeschöpf Schwerenöter, der Volkmar! Und Rober glühte in ttefer moralischer Entrifftung crnf: Verfluchte Verführettn I Da sieht man's wieder: die Weiber II Von den allgemeineren Stoffen, Politik, Schulangelegenheiten, Büchern, Theater kam man so sacht in das behagliche Fahrwasser des Persönlichen. Robers Neugierde war berüchttgt. Er lauschte und spürte und Höchte und kombinierte. Die geheimste Heimlichkeit eines Hauses war nicht sicher vor ihm. Er sah durch Wände und eichene Bretter und verschloffene Mienen und wußte über die inttmsten Herzeus- und Börsenangelegenheiten der Menschen mehr als diese selbst. Der Unkenteich I dachte Richard sarkastisch. Vor seinen Augen kttbbclte und krabbelte es bei Robers Erzählungen. Es schwamm und ruderte, tauchte ins Moor, verdrängte den Neben» mann, bespritzte ihn mit Gift und Geifer, mißgönnte ihm die armseligste Fliege, den kleinsten Wurm, und saß dabei so zum Platzen aufgeblasen an der Oberfläche und sonnte sich, als wäre der Teich und die Wiese ttngsum, Land med Himmel und Erde seinetwegen allein geschaffen. Und dabei Robers tiefer, gleichmäßiger, wie aus dem Keller heraufkommender Grabeston! Die sittliche Entrüstung bei diesem Prediger in der Wüste! Richard saß dabei und dachte schaudernd: So sind sie auch mit dir verfahren! Bittrich hatte Mühe, zu Worte zu kommen. Neben der Fülle pikanter Familieligcschichtcn kam er mit seinen etwas schlüpfrigen Anekdoten, geistreichen Wortspielen und Prahlereien mit Weibergunst nicht auf. Es war ihm auch nicht weiter drum zu thun. Dafür hatte er ein andres, dankbareres Publikum. Nur als Benkard er- wähnt wurde, erfaßte ihn eine plötzliche Lebhastigkeit. Er hatte bisher verstohlen durch die Nase gegähnt. Jetzt, wie elektnsiett, packte er Volkmars Arm:„Ja. denken Sie, es verlautet, er wolle sich versetzen lassen!" „Versetzen?" fragte Richard ungläubig.„Warum?"