Wnterhallungsblatt des Horwärts

Nr. 229.

Dienstag, den 25. November.

1902

(Nachdruck verboten.)

V)

f rau Pilatus. Von Oscar Madsen. Autorisierte Uebersetzung von Ida Anders.

Der Untersuchungsrichter setzte sich mit einem Ruck im Nett auf und starrte seine kleine Frau erstaunt an. Ja, das ist ganz richtig. So was wird erzählt, oder steht da geschrieben... Aber wie kommst Du darauf? Du glaubst doch im Leben nicht, daß ich jemals einen Unschuldigen etwas zu Leide gethan habe?" Nein, Oswald, das glaube ich wirklich nicht. Den Ge- danken wage ich nicht einmal zu denken. Das wäre ach, so grausam, so häßlich ich könnte Dich zum Beispiel nie mehr mehr küssen, wenn ich das glaubte. Aber doch das muß nun einmal schrecklich sein: in der Weise das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen in Händen zu haben." Der Assessor legte sich im Bett zurück und zog die Decke herauf. Natürlich kennt man seine Verantwortung," sagte er in ziemlich kurzem, fast höhnischem Ton. Was nun den, den Du heute festnahmst, betrifft," sichr sie hartnäckig fort.«Bist Du da Deiner Sache ganz sicher?" Vollkommen!" Der Ton des Untersuchungsrichters war äußerst be- stimmt. Na, Gott sei Dank!" Frau Krog beugte sich über ihren Mann und gab ihm den Gute Nachtkuß.Dann ist ja alles gut. Dann habe ich ja nur um Verzeihung zu bitten für all den Unsinn, mit dem ich kleiner Dummkopf gekommen bin." Gute Nacht, mein süßestes Weib." Gute Nacht, mein teurer Freund." Und die Lampe wurde ausgelöscht. VIII. Genau um dieselbe Zeit lag der Bankbeamte Winther und warf sich hin und her auf den: eisernen Bettgestell mit der steinharten Matratze. Die Lampe unter der Decke brannte mit einem schwachen Schein, und sie wurde vor Tagesanbruch nicht ausgelöscht, hatte ihm der Schließer anvertraut, als er seinen letzten Be- such in der Zelle gemacht und zu dem Gefangenen höflich gute Nacht gesagt hatte. Winther hatte nicht erst zu fragen gebraucht, warum man mit der Beleuchtung so splendid umging. Die verschiedenen Bestimmungen des Arrestreglements sprachen im ganzen ge- nommen mit merkwürdiger Deutlichkeit für sich selbst. Zeile für Zeile hatte er sie verfolgt, sich bei jedem neuen Moment gefragt: Wozu nun diese Bestimmung? und war gleich arauf im stände, sich selbst eine befriedigende Auskunft zu geben. Der Bankbeamte Winther war Weltmann und ge- wöhnt, sich nach seiner jeweiligen Umgebung zu richten. So- dann besaß er die Ruhe und Selbstzufriedenheit des guten Kopfes und des guten Gewissens. Und er gewöhnte sich schnell an die neuen wenig gemütlichen Verhältnisse ein unange­nehmer Uebergang, den man eben mitnehmen mußte nach­dem sich seine erste Verwunderung gelegt hatte. Diese war freilich nicht gering gewesen. Inhaftiert war er, darüber ließ sich nicht disputieren. Assessor Krog wollte sich seine Person für ein oder zwei Tage sichern. Aber deshalb war er ja noch kein Verbrecher! Man würde ihn natürlich mit einer gewissen Rücksicht behandeln. Daß er obschon nurbeschuldigt" und verhaftet dem­selben Anstaltsreglement unterworfen war wie der erste beste überführte Einbrecher, daß fiel ihm keinen Augenblick ein. Erst als er in der Wachtstube des Arrestgebäudes stand, begannen diese seine naiven Illusionen zu schwinden. Zwei, drei höfliche Beamte nahmen sich seiner an, ruhig aber äußerst bestimmt. Ihren Hut und Ihren Stock behalten wir hier," sagte derjenige von ihnen, der den höchsten Rang einnahm.Wacht- Meister" war sein Titel, wie Winther später erfuhr. Der Bankbeamte suchte einen zwanglosen munteren Ton

anzuschlagen, er lieferte Hut und Stock ab, indem er bemerkte: Mit Vergnügen! Augenblicklich will ich ja nicht spazieren gehen." Der Wachtmeister blickte ihn ernsthaft an und zog die Brauen ein wenig zusammen. Sie nehmen die Sache leicht, junger Herr. Wir wollen hoffen, daß die gute Laune anhält." Sodann setzte er die, übrigens sehr gelinde, Visitation fort. Sie müssen Ihr Taschenmesser abliefern und was Sie sonst an Schneide-Jnstrumenten bei sich haben. Haben Sie eine Uhr? Gut, geben Sie mir die auch Papier, Porte­feuille, Bleistift, Geld all das verwahren wir hier. Sie dürfen bis zu zwei Mark bei sich behalten. Bekommen Sie die Erlaubnis, sich Extra-Verpflegung zu beschaffen, so können Sie sich vom Schließer noch zwei Mark holen lassen, wenn die ersten verbraucht sind. Na, nun haben Sie wohl nichts mehr ab- zuliefern?" Winther sah zu, während seine verschiedenen Sachen numeriert, registriert und bei seite gelegt wurden. Ja, nun sind Sie fertig hier," sagte der ernsthafte Wacht- meister mit einem leichten, nicht unfreundlichen Nicken. Dem Beamten, der den Gefangenen weiter begleiten sollte, reichte er einen Schein mit verschiedenen Buchstaben und Zahlen. Die Zelle ist oben in Ordnung. Der Arrestant hat Nunimer 29. Hier ist ein Kommißbrot." Die Zelle?" fragte Winther verblüfft.Soll ich in die Zelle?" Natürlich," antwortete der Wachtmeister kurz.Haben Sie einen Salon erwartet?" Das gerade nicht. Aber ich meinte ich bin doch kein Arrestant!" Thut nichts! Gehen Sie jetzt, Schwänenmoos I" Der Schließer, der diesen Poetisch klingenden Namen trug, gab dem Gefangenen einen Wink. Und Winther folgte, indem er verwundert auf das Viertel Kommißbrot starrte, daß ihm der Wachtmeister zum Abschied in die Hand gesteckt hatte. Erst ging er eine Treppe hinauf, dann wieder eine Treppe hinab. Hin und wieder öffnete der Schließer eine Zwischen- thür mit einem Schlüssel seines großen klirrenden Bundes. Winther überkam ein immer stärkeres Gefühl, daß er recht gut vor der Außenwelt versteckt wurde. Endlich standen sie in einem breiten gewölbten Keller- gange. Die Luft hier unten war feucht und rauh. In den gelb getünchten Wänden saß zwei, drei Ellen von einander entfernt. Eisenthür bei Eisenthür, ein gut Stück über dem Fußboden angebracht und besonders schmal wie eine Art Ofenthür kamen sie Winther vor. Ueber jeder von ihnen stand Detention Nr...." und dann eine römische Zahl. Ich soll doch wohl nicht," begann der Verhaftete, während ein kaltes Angstgefühl ihm den Rücken durchschauertc. Jh Gott bewahre. Nein!" Schwanenmoos setzte ein beruhigendes Lächeln auf.Die Dententionen brauchen wir meist für Vagabunden und Trunkenbolde. Nein, Sie sollen nur ins Sttlrzbad, ehe Sie in die Zelle kommen. Wir müssen ja auf die hübschen neuen Bctttücher Rücksicht nehmen wissen Sie." Winther atmete auf und folgte seinem Führer den Gang weiter hinauf. Schwanenmoos dämpfte die Stimme und sagte:Darf ich fragen aber verzeihen Sie, daß ich so frei bin, aber man sieht ja wohl, daß der Herr zu den besseren Ständen ge- hört haben Sie etwas zu essen bekommen? Ich hörte, daß der Herr lange im Verhör gewesen sind." Ich bin schrecklich hungrig," sagte Winther,und durstig." Dann wäre es vielleicht nicht so uneben, wenn ich dem Herrn ein bißchen Butterbrot bei dem Marketender bestelle, während Sie im Bad sind. Eigentlich ist unsre Essenszeit ja vorüber, aber ich denke, es läßt sich machen." Dafür danke ich Ihnen sehr so sechs bis acht Stück. Dann sparen wir das Kommißbrot hier für bessere Zeiten. Und dann um Gottes willen eine Bayrische!" Ja, so fein sind wir hier nun nicht. Aber Schiffsbier können Sie bekommen." Meinetwegen. Aber wenn es geht ein Paar Flaschen. Ein andrer Schließer kam dazu, ein sauertöpfisch auS»