Unterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 232.
8)
Freitag, den 28. November.
( Nachdruck verboten.)
frau Pilatus.
Von Oscar Madsen.
Autorisierte Uebersetzung von Ida Anders. Frau Strog ließ ihre Gabel fallen und starrte ihren Mann Sprachlos an.
„ Hast Du sie wirklich vorgeladen?" „ Natürlich. Es war notwendig."
1902
während man sie, einen nach dem andern, in den Gefängnishof hinausließ, so daß der eine den andern nicht bemerkte.
Diesmal fam Winther doch so fir hinaus, daß er akkurat einen Schimmer von seinem Vorgänger auffing, einem schlimmen Banditen, der gerade um die Ecke bog.
Winther folgte der Schnur, die ausgespannt war, um den Weg anzugeben, in schnellem Schritt. Er hörte vor sich, Schlag auf Schlag, wie die Sprossenthüren zu den kleinen dreieckigen Gefangenenhöfen zuschlugen, die in Sternenform von einem gemeinsamen Mittelpunkt ausstrahlten, und durch Mauern, die so hoch waren, daß sie jede Verbindung zwischen
Aber weißt Du denn nicht, daß sie in andren Um den Gefangenen verhinderten, von einander getrennt wurden. ständen ist?"
Er sagte ein paar Worte darüber.
Was hat das Gericht damit zu thun?"
An der Sprossenthür zu jedem Gefangenenhofe stand außerdem ein Schließer Wache.
Schwanenmoos stand schon und wartete an der an
„ Aber in dem Zustande nervös und hysterisch, wie gelehnten Thür. Er trug eine große blaue Brille, der Sonne sie ist..."
,, Um so besser. Dann kann sie keine Komödie spielen. Dann friegen wir gerade die Wahrheit heraus."
Nun bist Du garstig, Oswald."
Der Assessor lachte laut, dann stand er auf und ging um den Tisch herum zu seiner Frau. Er wollte sie füssen, um ihr so den Mund zu schließen und ihre ferneren Einwendungen zu verhindern. Aber sie widerstrebte:
„ Nein, Du verdienst keinen Kuß."
Assessor Krog faßte sie liebfosend unter das Kinn. " Du fleine Frau Pilatus," sagte er.„ Hast Du wieder böse Träume gehabt?"
„ Nein, keine Träume," antwortete sie ärgerlich. Der Besuch war wirklich genug. Du solltest mir dafür danken, daß ich Deine wie meine Würde so gut gewahrt habe. Aber Dir gegenüber unter vier Augen werde ich die Meinung meines Herzens sagen dürfen."
Nun wurde der Assessor verdrießlich und verletzt. „ Es nüßt nichts, Ragnhild, darüber noch zu sprechen," fagte er furz und bestimmt. Grau Winther kommt morgen ins Berhör."
"
Du verhörst sie nicht, Oswald!" Bei Gott, ja!"
" Dann bist Du ein Unmensch."
" Wohl möglich. Aber trotzdem thue ich meine Pflicht!" " Deine Pflicht?" machte sie nach." Du mit Deiner Pflicht."
" Gerade. Stets meine Pflicht. Und damit Gefegnete Mahlzeit!"
XI.
Basta!
Es vergingen eine Nacht und ein Tag, ein langer, schred. licher Tag, und wieder eine Nacht, in der der Bankbeamte Winther endlich Ruhe, gesunde und süße Ruge, fand und den ficheren Schlaf des Gerechten schlief, bis Schwanenmoos spät am Morgen seine Hellenthür öffnete. Das Kreischen des Schlüssels in dem schweren Schloß machte den Gefangenen jojort völlig munter, dieser verdammte Laut, der Winther jedesmal, wenn er ihn hörte, stärker und stärker reizte, denn mehr wie alles andre rief er laut von Freiheitsberaubung, von Einsperrung.
Schwanenntoos plauderte freundlich drauf los, während er dem Verhafteten die Sachen auf der Pritsche zurechtlegte. Na, heut Nacht ging es wohl beffer mit dem Schlaf?" fragte er teilnehmend.
Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier," bestätigte Winther, der gefchwind in die Kleider fuhr und den warmen Thee hinunterspülte.
wegen, die heiß auf den betonbelegten Hofplatz herabschoß. Als Winther vorbeiging, nickte er ihm freundlich zu. ,, Ein kleiner Landaufenthalt," scherzte er.
Der dreieckige Gefängnishof maß gut und gern seine dreißig Schritte in der Länge, immerhin dreimal so viel als die Zelle. Und Winther schritt aus, hier konnte man ja förmlich spazieren gehen. Begierig fog er die Luft ein, sonderlich frisch war sie gerade nicht in diesen heißen Sommertagen, innerhalb der engen Gefängnismauern, in die kein Lufthauch hinabdrang; die Nachbarschaft der Bedürfnishäuser der Cafés verleugnete sich auch nicht. Gleichviel, im Arrest wird man genügsam. Es war doch immer eine Abwechslung, eine Erfrischung nach dem Leben in der Zelle, wo die Atmosphäre des Morgens so stidig und schwer und heiß war, daß sie förmlich den Atem benahm und die Adern in den Schläfen pochen ließ.
Das einzige Inventar des Gefangenenhofes war eine Art Hanklop, für die Gefangenen bestimmt, die für Lohn arbeiteten. Winther stiebizte sich hie und da ein paar Augenblicke Ruhe auf dem Klot, was an und für sich verboten war. Aus Neugierde und Langeweile hatte er am vorhergehenden Tage den Wachtmeister, der ihn in der Zelle besucht hatte, gefragt, ob er nicht irgend eine Arbeit bekommen könne, Holz hanen, wenn es nichts besseres gab. Doch der energische Beamte hatte den Kopf geschüttelt:„ Nein, das verstehen es dem arrestanten nicht verboten sei, sich selbst zu verpflegen, Segen hatte er die angenehme Nachricht gebracht, daß; und daß schon ein Korb von seiner Frau angekommen wäre. Gerührt und froh hatte Winther, unter des Wachtmeisters Aufsicht, den Storb ausgepackt. Da war ein gebratenes Hühnchen und Brot und Butter im Ueberfluß und Erdbeeren und eine Flasche mit Sahne.
Sie nicht."
„ Sie haben eine sorgsame kleine Frau, die versteht's, Sie zu pflegen," hatte der Wachtmeister gesagt. Und zum ersten Wale hatte Winther die Andeutung eines Lächelns auf seinem ernsthaften Gesicht gesehen. seinem ernsthaften Gesicht gesehen.
Ebenso war dem Gefangenen erlaubt worden, nach Hause zu schreiben.
Aber Sie müssen daran denken, daß der Brief durch effor Strogs Hände geht, daß Sie nichts schreiben, was Ihre Sache berührt", lautete der Bescheid.
Winther hatte sich also damit begnügt, ganz im allgemeinen ein paar liebevolle und aufmunternde Worte zu schreiben. Sein Briefchen, so schien es ihm, strahlte förmlich vor guter Laune und Zuversicht. Aber sie konnte auch wirklich Sobald er angekleidet war, mußte er zum Auslüften Trost brauchen, die arme Kleine daheim, die nun allein in den Gefängnishof. Er kannte den Weg vom vorherumberging und sich sehnte und ängstigte und die Hände rang gehenden Tag und ging mit festen, sicheren Schritten die und weinte. hohen knarrenden Treppen in der Mitte des Arrestgebäudes Der Gefangene blickte zu dem Fleck blauen Himmel hinab. empor, den er über seinem Kopf hatte. Leichte SommerAm Hofausgange stand der mürrische graubärtige Gewolfen zogen am Horizonte hin, wie ein Bug ferner Schwäne. fangenenwärter, den Winther von seinem Besuch im Sturzbade kannte. Der Arrestant nickte ihm freundlich zu, doch der alte Murrkopf verstand keinen Spaß. Er grüßte nicht wieder, sondern kommandierte barsch:
,, Vorwärts! Vorwärts! Wir müssen uns beeilen!" Es war nämlich sein Amt, aufzupassen, daß der rechte Bwischenraum zwischen den Gefangenen innegehalten wurde,
und allerlei Gedanken zogen mit den segelnden Wolken: zu offenen Feldern, zu großen grünen Wäldern, zu blanken Seen, umfriedet von braunspißigem Röhricht und flüsterndem Schilf zu allen lieben altbekannten Pfaden, wo die Beiden in den Sommertagen zu wandern pflegten, während sie lauschend an seinem Arm hing oder scheu, mit gedämpfter Stimme, ihm von ihrer großen erwartungsvollen Wonne er
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