Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 15.

15]

Donnerstag, den 22. Januar.

( Nachdruck verboten.)

Der Müllerbannes.

Roman aus der Eifel von Clara Viebig .

1903

in den dunkelgähnenden Flur. Ach, überall eine Dede, eine Kälte, eine Unwirtlichkeit, die ihr das Herz beklemmte. Sie dachte nicht an ihre sonnige Moselheimat, auch nicht an ihre friedliche Jugendzeit, dazu war sie zu stumpf geworden; sie dachte nur immer an das, was fommen könnte, was kommen

Da setzte sich Müllerhannes die Mütze auf, die er bis mußte an ein Schicksal, das wie der Mühlstein jedes Körnchen zermalmt. dahin in der Hand gedreht:

Ich danken. Ihr meint et vielleicht anz freundlich, aber ich flagen doch!"

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Sie ging nicht zurück in die Stube; gern hätte sie zwar ihren Mann gefragt: Warum biste so fotterig?"") Aber sie wußte, erst fuhr er sie an; und das konnte sie nun einmal nicht vertragen, das machte sie scheu, daß sie sich zurückzog, wie eine Schnecke in ihr Haus.

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Hannes trat auf die Gasse mit einem finsteren Gesicht. Von der stolzen Zuversicht, mit der er die Bürgermeisterei betreten, lag nicht viel darauf. Eine tiefe Niedergeschlagenheit, Hannes blieb den ganzen Abend allein mit dem Hund wie er sie faum je gefühlt, drückte ihn. Also auch der, der im Zimmer. Er hatte sich zu trinken bringen lassen; immer da innen, auf den er vertraut, ließ ihn im Stich, war nicht viel wieder mußte die Magd in den Keller hinabsteigen. Ob ihn besser, wie sein falscher Freund, der Wittlicher Buchhalter?! die Einsamkeit beängstigte? Die Magd wollte nicht im Er sollte nicht klagen?! Sich's gefallen lasse, was sie ihm 3immer bleiben sie that's nicht, der Frau zu lieb so auch anthaten?! Ihm war zu Mut, wie einem Knaben, der flappte er zuletzt das Klavierchen auf und fing an, drauf zu sich eben anschickt, einen Feind auf dem Schulhof zu verschlagen. Er suchte nach einer Melodie, fand sie aber nicht wammsen, er hat ihn schon bei der Kehle gepackt und fniet und merkte auch nicht, daß ihm das Lämpchen darüber ihm auf der Brustda kommt der Lehrer und spricht: Hier verlöschte. wird nicht verwichst, aufgestanden, marsch, herein in die Klass'." Nein, nein, er war fein Schuljung' mehr, der einem Präzeptor gehorchen mußte, er war ein Mann, der da wußte, was ihm zukam. Schad', daß es heut' schon zu spät geworden, sonst führe er gleich noch nach Wittlich und suchte einen Advo­faten auf. Was es auch kosten mochte ganz egal die Müller mußten ran, und der da einen Blick tötlichsten Hasses sandte er zum Laufeldschen Haus hinunter der da erst recht! Der war an allem schuld! Seit dem Tag, an dem er ihm die Hypothef gefündigt, hatte es angefangen nun, was denn anfangen? Das Malheur dummer Unsinn, das war doch kein Malheur! Das fann wohl einem jeden einmal passieren. daß er in der Klemme sitzt. Nur nicht sich unter­friegen lassen!

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Ein unbändiger Trotz breitete sich über des Mannes Gesicht, sprach aus jeder Bewegung wie er aufsprang, die Zügel ergriff, auf die Pferde einhieb atmete aus seiner ganzen Haltung. Fast hätte er das Josefche überfahren, den Laufelds Jung', der breitbeinig auf der Straße stand.

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Halb erschrocken, halb wütend schimpfte der Bube hinter dem Chaischen drein.

Da drehte der Müller sich auf seinem Sit um, schnippte mit der Peitsche und schrie laut:

"

Platz gemacht, fannste net aus'm Weg geh'n, Du Krop­sack, wann der Müllerhannes passiert?"

Die Pferde waren schaumbedeckt, als der Müller auf seinen Hof rasselte. Das war eine tolle Fahrt gewesen. Die schneeglatten Kehren hinunter wie ein böses Ungewitter; wie das Wodanheer mit Hussah und Peitschenknall vorbei an den weißen Mühlen.

Frau Tina war ihrem Mann nicht entgegengekommen fie saß bei der maulenden Fränz und hielt darauf, daß die Widerwillige wenigstens notdürftig ihre Schularbeiten zu­sammenstoppelte nun ließ er sie darum an. Konnte er nicht erwarten, daß sich eins freute, wenn er nach Haus kam? Ein freundliches Gesicht zum mindeſten verlangte er. Und was quälte sie das Mädel? Eine Gelehrte brauchte die Fränz nicht zu werden, das hatte sie nicht nötig.

..Slapp' zu," schrie er, schlug das Lesebuch zu und warf Schreibheft und Federrohr in den Schubkasten. Dann pfiff er seinem Hund, der war doch noch der treueste! Und dann führte er so seltsame Reden, als wäre er betrunken, lachte, aber das Lachen war bitter.

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Gel, Du Hinneschen, wann sie uns auch en Maulforb borthun wollen, haha, hohoho, gel Du, mir zwei beißen doch. Olau, kh, ti, faßtrieg' den Laufeld beim Schlaf­FB, fitchen faß!- Teufel auch, ich könnte hän abmurdsen, - wenn ich hän eweil hätt'!"

Die leidvollen Augen der aufhorchenden Frau wurden immer größer und größer. Und als er nun anhub zu fluchen wild, ganz gotteslästerlich da nahm sie die Fränz und führte sie hinaus und hielt ihr im Hinausführen die Ohren zu. Und blieb auch selber draußen.

In einer bangen Unruh' trieb sie sich umber, aus der Küche in die Mahlstube, aus der Mahlstube in den Stall, aus dem Stall in den Schnee des Hofes, und wiederum von dort

Ein Klimbern und Bauten dröhnte durch die nächtliche Stille und dazwischen jammerte langgezogenes Hundegeheul. Hinaus vor's Haus drang es, durch die Einsamkeit weiter­getragen; die engen Schluchthänge fingen die Mißtöne auf und gaben sie wieder. Kam irgend ein Verspäteter vorüber, der eilends zum Dorf wollte, fing er an, noch mehr zu eilen. Horch, was war das für ein wüstes Getön! Woher kam das, aus der Schlucht, von den Bergen, droben aus den schwarzen Wolfen, drunten aus der schwarzen Mühle?! Dunkel lag die, wie ein unförmiger, finsterer Klumpen, nicht Fenster, nicht Thür erhellt. Das Mühlrad rauschte nicht. Niemand wachte mehr, und doch horch, das Quinkellieren!

Abergläubische bekreuzten sich:" Maria, bitt' für uns!" Da drinnen war's nicht recht geheuer!

Am andren Morgen noch graute kaum der Tag- pochte ein Knecht aus der Mühle beim Alten im Dorf an: er möge einmal herunterkommen zum Herrn, aber tutswit", und sein Sonntagszeug möge er anthun.

Haftig fuhr Matthes in seinen tuchenen Rock; so im schäbigen Kamisol wäre er ohnehin seinem Jungen nicht unter die Augen gekommen. Er eilte sehr, und sein Herz klopfte weiß Gott , so in aller Frühe schickte der Hannes, dem mußte was ganz Extras begegnet sein, wohl gar was Gutes?!

Die Neugier plagte ihn gewaltig, sie fraß ihn fast. Mit trippelnden Schritten eilte er neben dem Knecht her und fragte den aus; aber der wußte nur, der Herr fahre wieder, das Chaischen sei schon auf den Hof geschoben und das Silber­geschirr herausgethan.

Als der alte Mann atemlos eintrat, stand Hannes vor'm Spiegel und rasierte sich. Er hatte eine Masse Schaum ge­schlagen, eine ganze Barbierstube hätte dran genug gehabt. m Glas nidte er dem Eintretenden zu, aber er lachte dabei nicht vergnügt, wie sonst; sein Gesicht blieb abgespannt. Der Alte fühlte sich sofort enttäuscht. Der sah nicht nach was Frohem aus!

Der Sohn sprach denn auch nur kurz:

nun

Wir fahren eweil aus Du mußt mit, Vadder!" Wir- wir wir zwei?" Der Alte war ganz be­troffen: er war ja sonst nicht mit ausgefahren mum 30g er ein langes Gesicht- gerade bei dem Schlackerwetter? Halb regnete es, halb schneite es, das war ihm gar nicht commod. Aber was half's, wenn der Hannes nun mal wollte! Einen Versuch machte er jedoch noch. Trübselig durchs Fenster guckend, seufzte er und zog mit einem: Autsch, mein Häs'!"**) seinen Fuß in die Höhe. Dat es en miserabel Hundswetter heut'- autsch, meine Zehen, ich komme net aus der Stell, autsch! Etleweil sein ich von der Gicht wieder ganz steif!" Er stöhnte und rieb sich den Buckel und hinkte steifbeinig zum nächsten Stuhl.

Sein Stöhnen nutzte ihm nichts, der Hannes hatte des gar nicht Acht. Als wäre niemand in der Stube, so murmelte er etwas in sich hinein, von dem der Alte nichts verstand. ,, Wat sagste, wat?" fragte der und guckte neugierig dem *) Unwirsch.

Hacke und Fuß.