Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 18.
18]
Dienstag, den 27. Januar.
( Nachdruck verboten.)
Der Müllerbannes.
Roman aus der Eifel von Clara Viebig .
" Oh den!" Es war dem Hannes im Augenblic ganz egal. Ein ungeheurer Triumph schwellte seine Brust. In den sinkenden Lag hinaus hätte er's jubeln mögen, daß der jung ward wie bei der Morgenröte hinein in den sterbenden Wald, daß der wieder grünte, wie zur Frühlingszeit hinauf zum Mosenkopf. Der mußte es hören. Ich han mein Recht!" Und er lachte und stampfte mit den Füßen und brachte den Und er lachte und stampfte mit den Füßen und brachte den Mund nicht zusammen vor unbändigem Jubel.
-
1903
Die Sorgen des Hannes waren andrer Art: daß der Laufeld ihn anzeigen könnte, dieser Gedanke, der seinen Vater beunruhigte, fam ihm gar nicht man giebt doch nicht seine eigne Demütigung preis!- aber er war nicht mehr zufrieden. Der hatte noch lange nicht genug gekriegt, nein am liebsten möchte er den einmal verwammsen, angesichts des ganzen Dorfes. So in der Heimlichkeit war's doch nur halbe Sach' gewesen.
-
Kopf brannte, ungebärdig die Müße abreißend, gab er die All der vorschnelle Sieges jubel war verrauscht. Sein glühende Stirn dem niederströmenden Regen preis. Auch den Rod riz er auf der stöbernde Wind fuhr ihm zwischen Weste und Hemd und bis auf die naďte Brust teine Kühlung, noch immer war's zum Ersticken. Seine Stirn war " O jemmich!" Der Vater kratzte sich den Kopf und beugte oben die finstere Suppe des Kraterberges; eine unbezwingliche düster zusammengezogen, unheilschwanger brütete sie, wie da sich immer besorgter über den für tot Daliegenden. Donner- Gereiztheit kochte in ihm-ah, wenn er sich nur austoben fiel noch ehe, da tommen wir in en schön Verlegenheit! Mir fönnte, an irgend was, an irgend wem! Schlüge ein Wetter können häu doch net hei liegen lassen, den is ja pitschnaß!" gleich drein mit Donner und Blitz, daß Bäche Meere würden Nein, wahrhaftig, das ging eigentlich nicht an! In und alle Berge bebten; ihn sollte es nicht gereuen. Er führe Hannes regte sich eine Großmut gegen den Unterlegenen, buh, mitten hinein, mit Donner und Blitz um die Wette- es sollte war der zugerichtet! Nein, er hatte nichts dagegen, sie ihm eine Erlösung sein! fonnten ihn ja anfassen und wenigstens ins Trockene legen, oder oder
-
Er stand noch und überlegte, da rührte sich der Laufeld , stöhnte und schlug die Augen auf. Einen Blick voll Haß warf er auf die über ihn Gebeugten, dann versuchte er, sich auf zuraffen. Der Alte wollte ihm helfen, aber er stieß den mit ungeahnter Kraft zurück. Ein paar Vorderzähne waren dem Laufeld ausgeschlagen, er spuckte den beiden das Blut vor die Füße.
Jeßmarijusep, habt Ihr aber en Kladderadatsch auf de Schnöß gefriegt," konnte Matthes sich nicht enthalten, mit leidig auszurufen und die Hände zusammenzuschlagen. Ein zweiter wütender Blick lohnte ihn dafür.
Finstere Nacht war's, fast Mitternacht, als Müllerhannes und war dann noch einmal im Dorf eingekehrt. Es hatte ihn auf seinen Hof rasselte. Er hatte erst den Vater heimgebracht gedurftet, aber sein Durst war nicht zu löschen gewesen, so lange er auch saß. Die Kehle war ihm noch immer trocken, in der Brust hatte er einen noch quälenderen Brand.
guten Stube- wo das Gewehr an der Wand hing, drunter Blinkte aus dem nach rückwärts zu liegenden Fenster der nicht noch Lampenschein? Dies bescheidene Licht erhellte nicht das Bild des jungen Hannes auf sich bäumenden Schecken den dunkel fließenden Bach hinter der Mühle, nicht jenseits die schwarzen Höhen; nur ein feines Strählchen zitterte hin Der Laufeld war totenbleich, mum hatte er sich auf zum versunkenen Gartengrund führte. Die Läden waren nicht 3u den ragenden Holzstapeln und zum Pfad, der dran vorbei gekrabbelt, aber seine Füße trugen ihn noch nicht, er mußte vorgelegt; der Mann tappte die Wand entlang und guckte ins sich an den nächsten Baum lehnen. Gott im Himmel, wie sabenster. Da saß seine Frau auf dem Kanapee, hatte ſein er aus! Der Rock in Feßen, die Hose mit Kot besudelt, naß Soldatenbild von der Wand genommen und vor sich auf dem hingen die Haare in das verzerrte Geficht. Keine Mütze, Tisch liegen. Hatte sie's betrachtet? Ihre Hände hielt sie Räderrollen nicht gehört. Mußte die selbst im Schlaf greinen? darüber gefaltet jest war sie eingeschlafen. Sie hatte das Auf ihren schmalen Wangen schimmerten Thränen und hingen schwer wie Bleitropfen im Lampenlicht. Die Heulliese!"
feinen Stock!
--
An der Unterlippe nagend, finster stand Hannes, ebenso blaß wie der andre mun, da der sich rührte, sah, ging, stand- war auch auf einmal die Großmut wieder verflogen, die alterbitterte Feindschaft wieder da. Aber er hinderte den Vater nicht, daß der ging, die Müße aus dem Stot auflas und dem Laufeld überſtülpte, ihm auch den Stock holte.
Der Laufeld dankte nicht, seine Lippen preßten sich immer fester zusammen, aber er nahm den Stock doch was sollte er machen in seiner Noter stützte sich schwer auf den Stecken, daß der sich bog, wie eine Weidengerte.
Sannes," tuschelte der Alte und zog den Sohn nach dem Chaischen hin, fomm eweil,' schwind lassen mir machen, dat mir hei fortkommen!" Es war ihm gar nicht recht geheuer. Er warf einen scheuen Blick hinter sich: der Wind heulte vom Liemerborn, drum die immergrünen Pflanzen wachsen, in deren Kranz die Heren tanzen. Und es wurde jäh dunkel. Zerrissene Wolfen, Ungeheuern gleich, jagten über den Stöhnenden Wald und Raben, eine ganze Schar der schwarzen Galgenvögel, freiſten ihnen unruhig zu Häupten.
„ Komm, fomm!" Er zerrte den Sohn am Rod. Sie stiegen auf. Aber im Aufflettern kam dem Alten ein Gedanke er fragte nicht erst, was sein Sohn dazu sagte, es war gar zu ungetrost im Wald, man konnte den Laufeld doch nicht so im Stich lassen! Das steife Bein, das er schon mühselig ins Chaischen gehoben, 30g er noch einmal zurück: Autsch!" Das that weh. Und:" Laufeld ," schrie er kurz entschloffen, Laufeld , no, wißt Ihr wat steigt ehs auf!" Aber da kam er schön an! Die zitternde Hand hob Jakob Laufeld in die Höh' und ballte sie zur Faust. Er konnte nicht sprechen, aber immerfort schüttelte er die Faust. Er schüttelte sie noch, als die Räder des Chaischens längst verrollt, und Dunkel und Einsamkeit ihn umfingen.
Vater und Sohn sprachen kein Wort. Jeder dachte was für sich. Den Alten beschlichen Sorgen: der Laufeld lebte, wenn er sie nun anzeigte?! Er rückte unruhig auf seinem Siz und allerhand ungewisse Befürchtungen umflatterten ihn.
Derb schlug Hannes mit dem Peitschenknauf ans Fenster die Frau fuhr mit einem lauten Schrei des Erschreckens auf da lachte er roh und trappste zurück zur Hausthür. Schon trat er ins Zimmer. Sie hatte sich so erschrocken, daß sie zitterte.
-
Nun
-
-
auf einmal so schreckhaft?! Sie hatte wohl gar ein böses Gewissen?! Wieder flennen, ei natürlich, was andres konnte sie ja nicht. Es war Hohn in der Stimme des Mannes, eine ävende Bitterfeit. Fast wie Widerwillen stieg's in seinem Blick auf. Die da war nichts für ihn, nein eine ganz andre hätte er haben müssen, eine, die besser zu ihm paßte, eine Große und Starke! Dürftig war die und allezeit weinerlich, ah, so ein schlappes Frauenzimmer, nicht einmal einen Buben brachte sie zu Wege, einen kleinen Dreikäsehoch im BozenKleidchen.")
Ein plöglicher Haß überkam den halb Trunkenen- war nicht alles zum Rasendwerden? Er schrie sie an:„ Wat heulste eweil wieder?" Und als sie keine Antwort gab, trat er ihr drohend näher:" No, wat heulste eweil?"
Da raffte sie sich auf, ihre Empörung überwand ihre stete Scheu: Was hatte sie gethan, daß er sie so anfuhr? War's was Böses gewesen, daß sie sich, nach dem die Fränz im Bett und die ganze Mühle zur Ruh, in ihrer Einsamkeit hier hereingeschlichen und Zwiesprach gehalten mit dem Hannes von früher? Den liebte sie noch. Den hatte sie sich heruntergelangt und betrachtet, und darüber waren ihr die müden Augen zugefallen, und sie hatte im Schlaf um den Hannes geweint. War das was Unrechtes? Nein, sie hatte auch ein Recht! Hatte die Magd nicht erst gestern gesagt:" Frau, wann ich Ihr thät sein, ich ließ mir dat nie un nimmer ge fallen." Nein, das ließ sie sich nun auch nicht mehr gefallen
*). Kinderkleidchen: Höschen und Wams in einem Stüd.
-