Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 25.

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Donnerstag, den 5. Februar.

( Nachdruck verboten.)

Der Müllerbannes.

Roman aus der Eifel von Clara Viebig . Aber Müllerhannes schlief nicht. Das Mühlrad ging wieder um in seinem Hirn und der heutige Tag mit jedem einzelnen seiner Momente wirbelte mit vorüber. Das rauschte und sauste, das betäubte ihn so, daß er nicht Kraft genug hatte, die Augen aufzuschlagen. Wie war's doch gekommen?! Mühselig suchte er sich alle Einzelheiten zusammen.

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,, En Jung?" fragte er nur noch kurz angebundeu, hoch­

fahrend.

Sie nickte, und dann ging sie vor ihm her die Stiege

hinauf.

Es war so unendlich still. Das große Herz der Mühle draußen pochte nicht. Schon lange war's her, daß das gelebt, daß unter seinem Schlag Balken und Dielen und Wände be­ständig leise gezittert und ein Leben selbst im Leblosen war. Dem Mann ward's beklommen, als er die dunklen Stufen hinaustastete. Vor der Kammerthür hielt er einen Augenblick und schöpfte Atem.

Auch da drinnen war's so still. Das Kind greinte ja gar nicht, sonst weinen doch die Neugeborenen?! Eben wollte er etwas sagen, da legte Schmißens Marie den Finger auf die Lippen:" Pst!"

Sie traten behutsam ein. So sehr sich auch Hannes mühte, sein Tritt blieb doch hart, aber die Frau vernahm ihn jetzt nicht. Sie war vor Erschöpfung eingeschlafen.

War er nicht bei Nacht noch zur Hebamme nach Maar felden gerannt, und dann, weniges später, hinauf gen Mander scheid gefahren? ja, ja! hei, wie die Pferde dahin­stürmten, daß ihre Hufe Funken schlugen auf dem feljigen Boden und Busch und Baum vorüberflogen wie Schatten! Unten lagen die Mühlen im Grunde. Rauch kräuselte sich Am Bett kauerte die Fränz ganz regungslos und starrte schon aus ihren Schornsteinen und im Hof war schon Leben. mit großen, erschrockenen Augen auf das Gesicht der Mutter. Da wurden Säcke auf einen Wagen geladen, der Knecht Auch der Mann erschrack Herrjeh, war die blaß, weiß, rannte geschäftig hin und her, noch geschäftiger der Müller wie das Leintuch! Auf den Zehen ging er zur Wiege selbst. Die hatten wohl die ganze Nacht gemahlen die herrje, auch so blaß?! Er konnte wohl nicht recht sehen? hatten was zu thun! Er hatte hinabgeblickt mit schmerzenden Ungeduldig wischte er an den Augen, rieb sie sich­Augen; hoch über den Fleißigen hing er im Chaischen am Brille war ihm beim Sturz aus dem Wagen zerbrochen- Absturz. Wie es gekommen, wußte er selber nicht hatte was, was war denn das?!

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seine

er wilder auf die Gäule gehauen, daß die ohnehin Die Schmißen zog ihn am Aermel. Pst, wat fällt Euch zitternd erregten noch erregter wurden, hatten sie ge- ein- net e so laut! Bst, se weiß et noch net!" Und dann scheut vor einent einsamen Ginsterbusch, vor einem setzte sie gleichmütig hinzu, wie jemand, der das schon öfters Schatten, einem Vogel?! Sie rasten plötzlich die steilen erlebt: Et is gleich gestorbenet war e klein Jungelche!" Kehren weiter, sie nahmen die Ecken zu scharf, ein Rad hing überm Abgrunder peitschte und schrie es machte sie Der alte Matthes saß bei seinem Sohn; den verließ er noch toller, kein Halten mehr. Von rechts nach links schlenkerte jetzt nicht. In der guten Stube lag die Schwiegertochter auf die Chaise im Zickzack, puff- an diesen Baum rechts, puff der Bahre, und die Totenkerzen fladerten um sie. - an jenen Chausseestein links tein Hören, kein Sehen, an der Mutterbrust getrunken, ihre Mutter sich nachziehen ins Es geht eine alte Sage, daß die Kinder, die noch nicht die Ziegel wurden ihm aus der Hand gerissen, fort gings Grab. Frau Tina war ihrem Jungelchen nach kaum zwölf ohne Lenkung, toll über Stock und Stein, ein Rut, ein An- Stunden gefolgt. In der Nacht war sie fortgegangen, ganz prall, hoch im Bogen war er vom Bock geflogen- still, der Müller schlief, die Fränz schlief auch die Schmigen hatte im Stuhl genickt, kaum, daß fie des letzten Seufzers gewahr wurde. Man hatte der Sterbenden nicht mehr das brennende Licht vorgehalten, nicht mehr das Kruzifir zum Stusse reichen können, auch nicht mehr mit dem Benedictus­schellchen flingeln. Jesus Jetzt lag die Frau noch über der Erde, friedlich im Totenhemd, ihr wächsernes Püppchen im Arm; die Weiber aus dem Dorf hatten sich schon zwei Nächte versammelt, um bei Getränk die Leichenwacht zu halten. Durch die Mühle murmelten Sterbegebete. ,, Eine schöne Leich!" Aber Hannes traute sich nicht hinein zu ihr.

war das Härteste

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Und was dann gewesen, das wußte er nicht. Aber da hatte der Müller aus der oberen Mühle plötzlich bei ihm gestanden, als sei er vom Himmel gefallen. Und das er mußte sich aufhelfen lassen von dem. Allein konnte er nicht stehen. Aber er mußte zum Doktor, er mußte. Jesus Maria- die Frau Maria, schon soviel Zeit verloren! Die Zähne zusammen­beißend, hatte er den Arm des andern genommen. Und der hatte ihn geleitet und hatte die Pferde, die sie weiter oben, zitternd, mit Schaum bedeckt, fanden, die Trümmer des Chaischen hinter sich, beim Maul genommen und um Beistand geschrien, bis ein Hirt kam, der nicht weit davon Ziegen weidete. Nun standen die lahmen Braunen im Stall unten in der weißen Mühle oh!

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Die Liegende stöhnte. Das kam ihn am allerhärtesten an: Seine Pferde in dem Stall! Waren die nun auch dahin gegangen, wo sein Holz war, sein schönes Holz?! Und er mußte noch danke" sagen. Nein, das konnte er nicht, nein, das that er nicht nein, niemals!

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Und er raffte sich auf aus seiner Betäubung, ballte die Fäuste und recte sie wie int zornigen Schwur empor. ,, Ne, ,, danke" sagen ich net, ne, nie!"

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Nun war's nur noch kurze Zeit, bis sie unter die Erde fam; Fränz lief schon draußen herum im staatsen schwarzen Kleid, das lockige Haar mit schwarzen Bändern durchflochten und pähte aus nach dem Trauergeleit.

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der Alte be­Ein paar Wagen rasselten auf den Hof richtete es mit Stolz dem Sohn da waren doch noch viele, die dem Müllerhannes die Ehre anthaten! Aber die ansehn­lichsten Gäste kamen nicht herein ins Haus, sie blieben draußen beisammen und schnüffelten da umher, und die Großmutter, die in der Küche fürs Leichenmahl schaffte, mußte die Magd mit dem Präsentierbrett und den Gläsern hinausschicken, ihnen anzubieten.

Wie lang noch, und der Herr Noldes würde kommen und der Chorknabe mit dem Kruzifir und die Schulkinder mit dem Lehrer. Schon fing das Glöckchen im Dorf an zu bimmeln, man hörte jetzt seinen blechernen Klang. Der Alte ermahnte

Jezt knarrte die Thür, die Schmigen Marie steckte den Kopf herein. Müllerhannes, habt Ihr eweil ausgeschlafen?" Was wer wie was wollte das Weib eigentlich hier? Er war sich im Augenblick nicht recht klar darüber. Aber dann fiel's ihm auf einmal schwer auf die Frau, die Frau die hatte er über seinem Zorn ganz vergessen! den Sohn: ,, Wat macht se, wie geht ihr't eweil?" stotterte er haftig. Die Schmißen winkte ihm. Kommt eweil bei sie, mer han et nu geschafft. Se hat als vielmals nach Euch ge­fragt!"

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Warum warum gratulierte ihm die alte Here nicht? War ihm die auch feind oder fürchtete sie am End', er könnte sie nicht bezahlen?! Mißtrauisch suchte Hannes ihren Blick. Warum wich sie dem seinen aus? Nun mochte sie Nun mochte sie er brauchte ihre Freundlichkeit nicht, von keinem Menschen eine,

nein!

Nu, fomm, fomm, Hannes, geh doch ehs erein bei dat Tina." Aber der große Mann verbarg den Kopf an der Schulter des Vaters wie ein furchtsames Kind. Er konnte nicht, nein, er fonnte nicht Rühr mich net an!" würde sie sich nicht aufrichten im Sarg und ihm das zuschreien, wie dazu­mal?! Er beneidete seinen Alten. Ja, der ging mun noch einmal herein zur toten Schwiegertochter, strich ihr ruhig über die falte Wange, blieb eine Weile neben ihr stehen und betete ein Vaterunser für die Ruh' der abgeschiedenen Seele,