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Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 26.
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Freitag, den 6. Februar.
( Nachdruck verboten.)
nod XV.
Liegen bleiben sollte die Tina, so lange es ihr gefiel- das hatte Hannes dazumal gewollt; nun lag sie schon sehr lange. Zu lange. Wenn sie auch nicht viel hatte schaffen tönnen, geschafft hatte sie doch wenigstens nach Kräften; nun war keine andre ordnende Hand in der Küche mehr. Die Magd war träge und gehörte nicht zu den Reinlichen; man schafft auch nicht gern, wenn einem nichts von allem zu eigen gehört. Alle paar Wochen wechselte jetzt der Knecht der Herr war unwirsch und schelten lassen will man sich doch nicht von einem, der selber nichts thut.
Der erste Sommer nach dem Tode der Frau war ein schwüler gewesen. Unerträgliche Hize hatte über der Thalschlucht gebrütet und das Maarbächelchen ausgetrocknet. Fische waren nicht mehr darin und unter den großen Steinen hatten garstige Kröten anstatt der schön getupften Forellen Unterschlupf gefunden. Auch die Kleine- Kyll war dürftig, und was noch an Wasser in ihr war, hielten die weißen Mühlen auf gestaut.
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von der
Dürr lagen die sonst stets feuchten Wiesen ersten Mahd war fein Heu eingethan. Hannes hatte nur die junge Fuß") behalten können, seine andren beiden Kühe verkaufen müssen. Viel zu billig. Das Feilschen und Drücken war eben nicht seine Sache, und iiberdies, wer verkaufen muß, muß am Ende noch froh sein über jedes, was er bekommt.
Das für die Kühe erlöste Geld hatte zur ersten Anzahlung genügt für Frau Tinas Grabdenkmal. Solch ein prachtvoller Leichenſtein war noch nie auf dem Kirchhof von Maarfelden geweien; massig, aus Granitſtein gehauen, hob er sich zwischen all den geringen Kreuzen und Kreuzchen, Ruhe fanft" stand in Goldschrift darauf zu lesen, und unter dem Namen und dem Jahrestag der Verstorbenen der Name dessen, der ihn ihr hatte setzen lassen. Die Maarfeldener konnten nicht genug staunen über das prachtvolle Monument, und nicht aufhören, sich zu wundern; dem Hannes aber war's eine gewisse Genugthuung. Das war er der Frau doch schuldig gewesen. Nun, da der teure Leichenstein auf ihrem schmalen Grabe stand, fühlte er sich ruhiger; er hörte nicht mehr das mahnende, klagende, beschwörende:„ Nühr mich net an!" durch die dunklen Stuben zittern. In der ersten Zeit, als der Stein gefekt worden, war er fast täglich hinaufgegangen und hatte sich den betrachtet; jekt ging er nicht mehr so häufig hin. Am Allerseelentage hieß er die Fränz das Grab schmücken, aber dann kam der lange Winter und der Kirchhof war zu geschneit und der Weg beschwerlich.
Und mit dem neuen Frühjahr kamen neue Sorgen. Jest ging's schon um's tägliche Brot, das heißt, des Brotes war noch immer genug da, aber die Zuthaten dazu, die Butter, der Schinken, der Käse fehlten oft.
Die Fränz wirtschaftete. Sie war nun schon alt genug dazu und verständig genug hätte sie auch sein können. Aber wenn sie den Rock auch schon lang trug, ihre Füße steckten noch in den Kinderschuhen. Sollte sie die Kuh weiden, raffte fie, wenn's keiner sah, den Rock und sprang pfeifend die Halden empor, zog ihn dann, oben angelangt, über'n Kopf zu sammen und rollte sich so, lachend, pfeilgeschwind wieder zu Thal. Freilich, zuweilen saß sie auch, eine ganz Erwachsene, nach denklich auf dem Schemel in der Küche und sah starren Auges in die verlodernde Glut des Herdloches. Dann dachte sie, sie wußte selbst nicht was. Die verlassene Stille umher quälte sie. In der Mühle war gar nichts mehr zu thun. Nur die Mäuse trieben ihr Wesen in der leeren Mehlstube und huschten von da, weil sie nichts mehr fanden, durchs Haus. Der Müller machte einen Sport daraus, in den langen Nächten, in denen er ruhelos umherging, den Nero ihnen auf den Belz zu hetzen. Die Jagd zerstreute ihn. Sonst quälten ihn die Sorgen, die
*) Fuchſige Kuh..
J1903
famen immer wieder, zudringlicher noch als die Mäuse, huschten durch seinen Kopf und nagten hier, nagten dort. Wie viel Schulden er jegt eigentlich hatte, das wußte er selber nicht mehr. Da war kein Durchfinden. In Stunden, in denen die Sonne schien, konnte er wohl die Achseln zucken ä was, es würde sich schon ein Ausweg finden! Aber in Stunden, in denen es finster war, stützte er schwer den Kopf. Dann suchte er sich Mut zu trinken.
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Früher hatte er bei Wein und Bier gesessen, jetzt frank er. den billigen Schnaps. Er schämte sich zwar des ersten Schnapsrausches, der dünkte ihn zu gemein, aber er schickte doch wieder die Fränz ins Dorf und ließ sich eine neue Flasche kaufen. In Maarfelden wurde es bald ruchbar, nun soff der Müllerhannes auch noch!
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Nun war's bald alle mit ihm! Und in halb schadenfroher, halb bedauernder Neugier ließen die Mähder die Sensen rasten und gafften nach dem schweren Mann, wenn er, was selten genug geschah, einsam durch sein Wiesenland tappte, mit dem Stock fühlend, wo das Pfädchen führte. Bald würde der schöne Pesch") auch nicht mehr sein gehören. Die Aecker auf der Höh' waren schon gepfändet, wie lange noch und die Wiese im Thal folgte denen nach?! Kein Pferd stand mehr im Stall. Die beiden runden Braunen und der Fuchs waren verkauft, es war ja doch längst Chaischen, mit dem der Herr sonst flott, bald hier, bald dort kein Mehl mehr zu den Kunden herumzufahren und das durchs Eifelland futschierte, war in Trümmer gegangen an jenem Unglückstag. Es lag noch zerbrochen in einem Winkel des Schuppens, niemand dachte daran, es zusammenflicken zu lassen. Ein Knecht war auch nicht mehr da; kein Mensch fah auf dem Hof nach dem Rechten.
sich noch so sehr anstrengte, die tiefen blauen Fernen der Des Hannes Augenlicht wurde immer schlechter, wenn er Wälder ahnte sein Blick nicht mehr, die Straterköpfe auf dem nicht mehr finden. Aber er hätte sich's nicht anmerken lassen, Mosenberg, schimmernd im purpurnen Abendlicht, konnte er daß er schlecht fah, selbst vor der Fränz nicht, vor seiner Mutter nicht, auch nicht vor seinem Alten. Es sollte ihn keiner bemitleiden. Pah, Mitleid schenkt man nur Armen, er war mitleiden. Pah, Mitleid schenkt man nur Armen, des nicht bedürftig, nein, nein!
ihm nachschauen möchte mit betrüblichem Kopfschütteln, daß Eine heftige Angst packte ihn beim Gedanken, daß einer einer einen Seufzer des Mitgefühls ihm nachsenden könnte. Das Blut schoß ihm heiß zu Stopf, stellte er sich das vor. Nein, niemand sollte ihn leiden sehen! Seine Augenschwäche erschien ihm als jämmerliches Gebrechen, dessen er sich zu schämen hatte. Unwirsch stieß er den Vater zurüd, der das Fragen mal, sehr gut! Sah's der Alte denn nicht, wie dick er war, so nicht lassen konnte. Wie es ihm ging? Ei, zum Teufel noch fett wie ein Hammel!
„ Hahaha- hohoho!"
Der Mühlen- Matthes zergrämte sich schier. Bis vor furzem war er trotz des gebückten Rückens noch immer ein ansehnlicher Alter gewesen, jetzt ward er rasch ein Greis. Im Wind wehte sein schlohweißes Haar und feine Backen waren durchschrumpelt, wie die eines welfen, viel zu lang aufgehobenen Apfels. Mürrisch saß er daheim im dunkelsten Eck. Seit die schönen, runden Braunen aus dem Mühlenstall abgeführt worden, seit das Dach der Mühle, das ein böser Wintersturm abgedeckt, nicht bloß teilweis ausgeflickt, sondern ganz und gar mit Stroh gedeckt worden war, seit fremde Leute Startoffeln ernteten auf der Flur, die seit Jahren und Jahren immer Mühlenflur gewesen, und fremde Mähder, voreilig sich bezahlt machend für geliehenes Geld, das Gras schnitten auf feines, Hannes Wiesenland, traute er sich am Tage nicht mehr auf die Dorfgasse.
Nur wenn's dunkelte, schlich er aus; dann machte er seinen gewohnten Gang, den er nie unterließ, mochte ihn der Regen durchnässen oder der Wind schütteln. Er ging immer zur Mühle.
Da saß sein Sohn ganz allein in der Stube, die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt und sagte kein Wort. Auch er sagte fein Worter hatte sich nun doch mit der Zeit das Fragen: Wie geht et denn eweil, Hannes?" abgewöhnt aber er setzte sich seinem Jung' gegen*) Wiesenland.
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