Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 30. mesta mus
30]
Donnerstag, den 12. Februar.
( Nachdruck verboten.)
Der Müllerbannes.
Roman aus der Eifel von Clara Viebig . Da lächelte Herr Noldes- ein drippendes Dach! Ei ja, so was kannte er auch!
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Mit freundlichem Gruß setzte er sich an den Tisch, ah, da stand ja dicht dabei auch das Klavierchen! Er betrachtete es nachdenklich, unwillkürlich schweiften seine Gedanken zurück zu jenem goldenen Sonnentag, an dem sie ihn einst hier hereingerufen die große Fränz da, war dazumal noch ein junges Kind und der Müllerhannes hatte viel und laut und herzlich gelacht, auch die Frau war noch bei Wege gewesen, und der Alte. Gerade war das Klavierchen angekommen, ei, was waren sie dazumal alle so froh gewesen! Jetzt lag Staub darauf. Und jetzt nickte der Müllerhannes nur stumm. „ Hannes," sagte der Noldes, und dann nach einer Pause noch einmal:„ Hannes, wie geht et dann eweil?"
Es flang sehr freundlich, aber als keine Antwort kam, nur ein abweisendes Stöhnen, schwieg der Greis rücksichtsvoll. Der Hannes wollte nicht sprechen, dessen Seele war gefüllt mit Leid, ganz dick voll, da konnte fein Wörtchen daran vorbeipassieren- er hatte gelernt, zu warten. Vielleicht, daß es später besser ging, daß sich das Leid senkte und ein Wörtchen durchkonnte also fein gewartet!
Und Herr Noldes verhielt sich geduldig still. Seinen Regenschirm zwischen den Knien, faltete er die Hände und sah mit betrübten Blicken in seines Gegenüber verstörtes Gesicht. Das hatte noch immer seine Röte, eine fast violette Färbung, aber die Wangen waren nicht mehr prall, nicht mehr gut gestopft, wie die Federkissen in den allerbesten Bauernbetten, in schlappen Wulsten hingen sie, und das Doppelkinn hing auch unter den schmerzlich heruntergezogenen Mundwinkeln. Rieber Herrgott in Deinem Leiden, wie hatte der Mann hier gealtert, der grämte sich aber arg!
Pfarrer Noldes konnte vor Mitgefühl nicht mehr an sich halten, seine ohnehin schon schwach gewordene Stimme noch schwächer dämpfend, sogte er noch einmal, ein wenig zischend durch die Lücken der Zahnreihen:
Hannes, wie geht et Euch eweil?" Und dann so recht bethulich: Hannes, wat machfte, wat denkste denn eweil?" Da fuhr der Hannes mit einem Rud auf- wer wer hatte doch immer so gesprochen- wer?! Die blaue Brille abschleudernd, richtete er groß und suchend den Blick seiner halberloschenen Augen auf den Greis gegenüber stammelte was, er streckte die Hände aus.
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1903
geistlichen Herrn dringende Zeichen gemacht, er möge doch dem Vater gut zureden. Aber der Vater fand noch immer feine Worte. Was sollte er dem hier noch Tröstliches sagen? ,, Du wirst Deinen Vater wieder finden?!"- Das war doch das einzige, wonach den verlangte. Der Maarfelder Noldes schüttelte seinen Kopf: Auf das Wiederfinden da droben läßt sich so einer, wie der hier, nicht vertrösten nein, nein! Der will gleich erhört sein. Aber es geschehen ja noch Wunder warum nicht?! wenn der hier nur beten möchte, so recht von Herzen, wie die Kinder vertrauend ihren Vater bitten.
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Und seine Hand sanft aus den Fäusten des Hannes ziehend, hub er an: Hm, hm!" Und räusperte sich wieder und machte abermals eine Pause. is a
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Hannes kam ihm zu Hilfe- ihn starr ansehend, stieß er rauh heraus:
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Was wollt Ihr hei?" Und dann, als ob er jetzt erst den geistlichen Herrn erkannte: E so, den Noldes?! Geht nur heim ja, ja, ich weiß' Ihr seid an guter Herr aber" er machte eine abwehrende Handbewegung„ ich han niemand nötig." Und als der andre nicht gleich aufstand und ging, rief er heftig:" Ich brauchen niemandhört Ihr, niemand die Mühr ist noch mein hei sein ich noch Herr- ich ich un ich will niemand!" Arnoldus Cremer blieb beharrlich sitzen, er nahm's schon als ein gutes Zeichen, daß der andre wenigstens den Mund aufthat; und so zwinkerte er ihn vertraulich mit seinen unter den vielen Hautfalten und den vorspringenden Stirnknochen fast verschwundenen Aeuglein an.
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,, Hannes," sagte er ruhig, mein Sohn,„ Du kommst gar felten zur Beicht', Du gehst auch gar wenig in die Kirch', aber er räusperte es energisch weg aber dat thut nir zur aber, hm hm" Sach' nein, nein, Du bist doch en Kind Gottes, denn Du hast Deinen Vater sehr lieb gehabt und hoch in Ehren gehalten. War dat net e so? Sag doch, Hannes!"
es wollte ihm was in die Kehle kommen,
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Der Müller zuckte zusammen, die widerwillige Haltung, in der er des Pfarrers Worte über sich hatte ergehen lassen, veränderte sich. Er sant zusammen, als wollte er sich am liebsten verkriechen.
" Js et net e so?" wiederholte der alte Herr noch einmal is et net e fo? Hoch in Ehren haste hän gehalten?!" Da stotterte der Sohn, niedergeschlagenen Blickes, mit zitternden Lippen:
,, Net immer, net immer!"
,, Aber lieb haste hän gehatt, den Mühlenmattes?" Der Sohn nickte, und dann brach es ihm plötzlich mit einem Schrei aus der Brust: solchs
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Horch, sagte er was? Was, wie?!" Herr Noldes legte die Hand hinters Ohr, er hörte nicht mehr recht gut aber Wann ich hän nur finden thät wo- wo is hän nun fam noch einmal der jammervoll rufende Laut. eweil?! Liegt hän im Maar? Js hän wo Is erunnerdünfte ihn schier, daß der Hannes rufe:" Vadder!" gestürzt un hat Pein gelitten, sich zu Tode gequält- allein!- hat auf mich gewart', wie ich auf ihn, wie ich auf ihn vielleicht Täg un Täg? Et läßt mer fein Ruh, ich werd' verrückt drüber. Wann mer hän nur finden thät! D Herr Noldes, hän hat schlohweißes Haar Haar, wie Ihr." Er streckte den bebenden Zeigefinger aus und berührte scheu des Geistlichen lange, wie Silber glänzende Strähnen. Wann ich dat nur ein einzig Mal noch streicheln könnt- ich han ihm noch ebbes zu sagen, ich ich han et gries*) gemacht vor der Zeit--! Haha hohoho" er schlug eine Lache auf, daß der andre zusammenschrak.„ Herr Noldes, olau hr sagt dat so: en Kind Gottes- olau wo es dann Gott?! Den Teufel auch un Gott , den schläft!"
Und gerührt, ganz sacht, streckte der Geistliche seine schrumplige Hand aus und legte sie fühl auf die heißen, blauroten Fäuste, die sich da wie im Krampf auf dem Tisch in einander wanden. Er sprach kein Wort dazu, er hätte feins herausgebracht, hatte er doch das Gefühl: hier müsse man auf Zehen gehen. Stumm verharrte er und ließ nur die Blicke wandern von dem Verzweifelten am Tisch zu den Papierscheiben des Fensters und durch die hindurch. Er suchte den Himmel, aber der war hier nicht zu sehen, heut' überhaupt vor Regendunst und Wolfenschleiern. Von den Weiden gegenüber troff's; der Schnee, der so lange hochgeschichtet gelegen, war mürb und bröckelig geworden. Vom Dache der Mühle gab's alle paar Minuten einen dumpfen Schneerutsch und von den Berghängen hörte man's zu Thal donnern. Ein stetes Rieseln und Rauschen war draußen, als wollte alles zerfließen in Schmutz und Thränen.
Alles grau, ein trübseliger Nachmittag, ein Tag ganz ohne Hoffnung. Gern hätte der alte Pfarrer seine Hände gefaltet, aber er traute sich nicht seine Rechte zurückzuziehen, der MüllerHannes hielt sie jetzt mit beiden Fäusten umschlossen. Er. umflammerte sie, er hielt sich dran.
So verging wohl eine Stunde. Die Fränz hatte schon ein paarmal leise den Kopf zur Thür hereingesteckt und dem
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ich sein kein Kind mehr
,, Den schläft net, man muß nur zu ihm beten!" „ Beten? Dlau- ich zweifele, dat hän't hört. Ich sitzen Schulden bis über de Dhren, ich siten im Dreck- un eweil is den Alten, den e so gut war, trepiert wie' n Hund wo is Gott , he?!"
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,, Da," sagte der Greis, hob den Finger und deutete durchs papierverklebte Fenster auf ein Stückchen Blau, das, kaum größer wie ein Sacktuch, aber schon frühlingsfarben und intensiv
*) grau.