Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 33.
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Dienstag, den 17. Februar.
( Nachdruck verboten.)
Der Müllerbannes.
Roman aus der Eifel von Clara Viebig . Der Kuckuck an der Wand schrie, da richtete sich endlich der Versunkene auf und warf einen schier scheuen Blick nach der alten Uhr- was, schon sechs schrie der? Da tam bald die Nacht die letzte Nacht. Vieh verdammtes, schrei nicht immerfort, halt an Dich, daß die Stunden nicht so laufen! Jetzt noch 12 Stunden! Zwölf Stunden, bis früh um sechs der Karren geladen wurde mit dem, was man mitnehmen durfte das bißchen Plunder.
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Nur noch zwölf Stunden- es war Zeit, den Rundgang anzutreten, noch einmal alles anzuschauen in dem Reich, das man dann nie mehr sah. Wankend verließ der Mann die Stube.
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1903
Eins! Was, schon eine Stunde nach Mitternacht?!-- Und jetzt:„ Kuckuck, Kuckuck!"
Zwei!
Und nun schon:" Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck!" Drei! Drei- drei Uhr schon?! Wo war die Nacht geblieben, die war doch sonst so lang?!
Wie ein Trunkener taumelte Hannes auf. Nicht rasch genug kam er die Stiege hinunter, seine Beine waren eingeschlafen, hunderttausend Ameisen kribbelten darin herum. Er strauchefte, er stürzte, er stolperte weiter. Noch drei Stunden und er sollte hinaus aus der Mühl? Aus dieser Mühl? Aus seiner Mühl? Nein, nein! Er gab sie nicht er gab sie nicht her heute Nacht war sie erst sein geworden in Arbeit und Schweiß und Müh'.
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In fieberhafter Inbrunst packte er die Wände an und fireichelte sie, er füßte sie sie waren sein, sein niemand konnte sie ihm nehmen- drei Stunden noch n, lange drei Stunden eine Ewigkeit
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Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck!" Vier Uhr!
Die Fränz, die bei der Nacht aus dem Stroh des Stalles allerhand kleine Schäße hervorholte, die sie so lang darin verborgen gehalten, wurde von einem fast abergläubischen Entfegen gepackt, als sie plötzlich das Mühlrad gehen hörte. ,, Ruder vermaledeites!" Mit einem furchtbaren Fluch " Jesses!" Sie schlug rasch ein Kreuz. Aber dann faßte stürzte der Wirre in die Stube zurück, vor der Uhr pflanzte er sie sich ei was, sie hatte sich wohl getäuscht das Klatschen sich auf und stierte sie an mit blutunterlaufenen Augen:" He, und Schlagen des Rades hatte sie gar so lang nicht mehr ver- schreiste schon wieder, du Unglücksvieh?! Olau, du treibst nommen, wohl möglich, daß sie's jett verkannte. Aber gucken mich net! Sie treiben mich alle net! Ich lassen mich net mußte sie doch einmal! Neugierig schlich sie hinters Haustreiben! Ich han noch Zeit, noch en lang Zeit, noch en Ewigrichtig, da schäumte und brauste das Wasser im Mühlgraben feit ich sein der Herr hei, ich sein den Müllerhannes, ich und das große Rad drehte sich im Schwung. Es war dunkel, bleiben den Müllerhannes." Er feuchte, er lallte Sudud aber so viel Licht gab der Mond doch her, daß man den silbernen willste schon wieder schreien? Halt dein Maul- daPerlenstrahl blinken sehen konnte, der über die Rad- haste wat!" schaufeln schoß.
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Sie unterdrückte einen Aufschrei höchster Verwunderung wer, wer hatte das gethan?! Da sah sie unweit von sich, auf dem schmalen Mühlsteg, über den das erregte, quirlende Wasser schlug, eine große Gestalt stehen. Das war der Vater! Sie erschrat; der stand da auf gefährlichem Platz, wie ein Nachtwandler, der von Schwindel nichts weiß. Die Hände streckte er aus, als wollte er das schwingende Mühlrad greifen, den Kopf hielt er lauschend zur Seite.
Sie traute sich nicht, ihn anzurufen, leise schlich sie sich fort.
Es war eine zwiespältige Nacht. Draußen in der Natur war der große Friede, innen aber in der Mühle wanderte ein unruhiger Geist. Der fand nicht Ruh'; bald zog er das Rad auf, bald stellte er's wieder still. Bald stand er außen auf dem schwankenden Steg, bald eilte er innen in der Mahlstube, in der ein einsames Lämpchen zitterte, geschäftig hin und her, nahm die Wann' auf die Schulter und schleppte sie, als ob er die Gänge fleißig mit Korn bediene. Das Läutewerk über den leeren Trichtern läutete unablässig, die ausgehungerten Gänge Klapperten laut, die Welle drehte sich schwindelnd rasch, durch die zerfressene Müllergaze des Cylinders hüpften quietschende Mäuse, es war ein Leben mitten in der Nacht, als könne die Mühle am Tag allein die Arbeit nicht schaffen.
Keuchend vor Emsigkeit rastete Müllerhannes dann endlich oben an der Galerie, sah aufs eilig sich rührende Werk und wischte sich hochatmend den Schweiß ab.
Eine lehnte neben ihm und blickte neugierig großen Auges mit ihm hinunter aufs Getriebe; sie hatte ein junges, weichwangiges Gesicht, lächelnd und sanft zärtlich schmiegte sie sich an ihn
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" Tina!" Er schrie's plötzlich und breitete die Arme aus da erlosch des Lämpchens mühselig flackernder Schein, er war im Dunkeln. Die Jugend war fort. Die Finger, die er ins buschige Haar krallte, fühlten, wie starr und grau das war.
Und aus der Mahlstube ging's in den Flur, und aus dem Flur zur Treppe. Das Lämpchen, das er in Hast wieder entzündet, vermochte seine zitternde Hand kaum zu halten.
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Schwerfällig die Stufen hinauftapp, tapp- nicht so laut, pit, pit!- hinter der Thür der Giebelstube lag die Frau und wimmerte Rühr mich net an!"- er traute sich nicht weiter. Auf die oberste Stufe der Treppe fauerte er fich, stellte das Lämpchen hin, zog die Beine dicht unter sich und wartete, wartete. Auf was-?! Unten schrie der Studud: Kuduck?"
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Der Wütende holte aus; mit einer Faust griff er ins Stettengehänge, mit der andren traf er die alte Uhr, gerad gegen das Thürchen-- der Kuckuck sprang noch einmal heraus. Strach, Staub und Trümmer flogen, der ganze Kasten lag am Boden, und der Herr dabei
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Der ausgesperrte Nero, der draußen die Runde um die Mühle machen mußte, heulte laut. Davon erwachte die übermüdete Fränz. Oder war's der dumpfe Knall unten im Haus, der sie weckte? Die Großmutter, die mit ihr den Strohsack auf der nackten Diele der Giebelstube teilte das Bett war schon verpackt hatte zwar nichts gehört.
Die Sonne lugte eben morgenrotverschämt durchs unverhängte Fenster. Wieviel Uhr war's?! Noch zögerte Fränz ein wenig, recte sich, gähnte, schob die nackten Arme unter den Kopf und druselte noch ein paar Minuten wohlig mit halbgeschlossenen Lidern. Was für ein Tag heut', war ihr noch nicht klar zum Bewußtsein gekommen; aber nun fuhr sie plötzlich auf, mit beiden Füßen zugleich stand sie auf der Diele. Was sie der traumlos tiefe Schlaf vergessen gemacht, war auf einmal wieder da: heut' war der Auszugstag, heut mußten fie fort.
Mit vor Eile bebenden Händen kleidete sie sich an warum mur der Kuckuck unten gar nicht rief? Sonst hatte der sie immer aus dem Bett getrieben. Rasch, rasch! Eh die Sonne prall überm Thal stand, mußten sie fort sein mit ihren paar Siebensachen; die Neugierigen sollten's Nest leer finden! Sie biß die Zähne zusammen, jetzt nur keine Wehleidigkeit, zum Heulen war nachher Zeit. Die jammernde Großmutter mit einer gewissen Rauheit zur Eile antreibend, rannte sie hurtig die Stiege himunter.
Wenn auch die Bewohner der Mühle Tag und Stunde ihres Auszuges verschwiegen hatten, irgendwie mußten die Maarfeldener doch Wind davon bekommen haben. Wenn sie sich auch genierten, in hellen Haufen dazustehen und zu gaffen, allerorts in der Nähe der Mühle hatten sich doch verstohlen fleine Truppchen eingefunden; jenseits der Straße am grünen Nain knieten ein paar Weiber, anscheinend Kräuter schneidend hatten im Wiesenland des Bachs Posto gefaßt, über den Felsen hatten im Wiesenland des Bachs Posto gefaßt, über den Felsen von der Höhe des Ackerlandes herab guckten die Pflüger, und Knaben und Mädchen, mit Schiefertafel und Fibel, steckten im Gebüsch nah den alten Weidenbäumen. Aller Augen hatten den einen Zielpunkt die Mühle. Klappte nicht eine Thür, flirrte nicht ein Fenster? Hörte man nicht den Mann fluchen, die Weiber weinen?! Nein, alles still. Die Ungeduld wurde auf die härteste Probe gestellt.
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