Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 44.

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Das Geld.

Mittwoch, den 4. März.

1903

" Ja, ja, Sicardot, ich entsinne mich ganz gut!" murmelte ( Nachdruck verboten.) Busch. Er hat die Stirn gehabt, die Wechsel mit dem Namen seiner Frau zu unterschreiben. Jedenfalls hat das Ehepaar diesen Namen angegeben, als sie miteinander in der Rue de la Harpe abstiegen. Und dann nahm der Schuft alle möglichen Vorsichtsmaßregeln, er war auf dem Sprung, um O, damals lauerfe beim geringsten Alarm auszuziehen er nicht bloß auf Geld, er fiel auch junge Mädchen auf der Treppe an! Das ist eine Dummheit, das wird ihm schließlich noch einen bösen Streich spielen!"

Roman von Emile Zola .

Mit einer abermaligen Armbewegung griff Busch nach den Akten Sicardot, einem dünnen Heftchen mit grauer Decke. Noch waren keine Kosten aufgelaufen, nur die zwölf Wochfel nur die au

waren darin.

" Ja, wenn wenigstens Victor artig wäre!" jammerte die Alte weiter. Aber, denken Sie sich, ein schrecklicher Bube!... Es ist doch hart, solche Erbschaften machen zu müssen: einen Buben, der noch auf dem Schafott enden wird, und diese Papierfeßen, aus denen ich nie etwas ziehen kann!"

Busch hielt seine dicken, blassen Augen hartnäckig auf die Wechsel geheftet. Wie oft hatte er sie so beschaut, in der Hoffnung, aus einer unmerklichen Kleinigkeit, aus der Gestalt der Buchstaben, ja aus dem Korn des Stempelpapiers irgend ein Anzeichen zu entdecken. Er behauptete, diese spizige, dünne Handschrift müsse ihm bekannt sein.

" Sonderbar!" sagte er wieder. Sicherlich habe ich schon ähnliche a und o gesehen, so spizig, daß sie wie i aus sehen!"

Im selben Augenblick klopfte es. Er bat die Méchain, die Hand auszustrecken, um die Thüre aufzuschließen, denn das Zimmer ging unmittelbar auf die Treppe. Man mußte durch dasselbe schreiten, wenn man ins andre wollte, welches auf die Straße führte. Die Küche, ein dunkles Loch ohne Luft, befand sich auf der andren Seite des Ganges .

" Treten Sie ein, mein Herr!" Und Saccard trat ein. Er lächelte, innerlich durch das Messingschild an der Thür belustigt, auf dem in großen, schwarzen Lettern zu lesen stand: Rechtsagentur". Ah so, Herr Saccard! Sie kommen wegen der Ueber­setzung. Mein Bruder ist dort im andren Zimmer. Treten Sie doch ein!"

Aber die Méchain versperrte den Durchgang ganz und gar und schaute in Gedanken vertieft mit wachsendem Er­staunen dem Ankömmling ins Gesicht.

Nunmehr wurde ein förmliches Manövrieren erforderlich. Saccard trat auf die Treppe zurück, und sie ging hinaus, machte sich auf dem Gange dünner, so daß jener wieder ein­treten konnte. Während dieser vielseitigen Bewegungen hatte sie ihn nicht aus den Augen gelassen.

O," feuchte sie, nie hatte ich ihn so genau gesehen.. Victor ist ja sein Ebenbild!"

Busch, der zuerst nicht begriff, blickte sie fragend an, dann ging ihm plötzlich ein Licht auf, und mit halblautem Fluch:

Himmeldonnerwetter! Ich hab's, wußte ich doch, daß ich die Schrift irgendwo gesehen hatte!"

Diesmal stand er auf, wühlte in den Aften und fand schließlich einen Brief, den Saccard im Jahre zuvor an ihn geschrieben hatte, um für eine nicht zahlungsfähige Dame um eine Frist zu bitten. Rasch verglich er die Schriftzüge auf den Wechseln mit denjenigen auf diesem Brief. Es waren allerdings die gleichen a und die gleichen o, nur mit der Zeit noch spiziger geworden; auch war in den Anfangsbuchstaben eine auffallende Uebereinstimmung.

Er ist's, er ist's!" wiederholte er. Aber laßt sehen, weshalb Sicardot und Saccard?"

In seiner Erinnerung erwachte eine dunkle Geschichte. Saccards Vergangenheit, die ihm einst ein Agent Namens Larsonneau, der Millionär geworden war, erzählt hatte; wie Saccard am Tage nach dem Staatsstreich nach Paris fam, um die aufgehende Macht seines Bruders Rougon aus­zubeuten; zuerst sein Elend in den dunklen Gassen des alten Quartier Latin , dann sein rasch erworbener Reichtum nach einer verdächtigen Heirat, da er das Glück hatte, seine Frau bald zu begraben. Zur Zeit jener schwierigen Anfänge hatte er seinen Namen Rougon gegen Saccard vertauscht, durch einfache Umgestaltung des Namens seiner ersten Frau, die Sicardot hieß.

" Pst, pst!" versezte die Méchain. Wir haben ihn, und man darf wohl sagen, daß es einen Herrgott giebt. Endlich werde ich also für alles belohnt werden, was ich für den armen fleinen Victor gethan habe! Troy allem habe ich ihn nämlich sehr gern, ja sehr gern, obwohl er unverbesserlich ist!" Sie strahlte, ihre gekniffenen Augen blizten in dem schlaffen Fett ihres Gesichts.

Nach der Erregtheit dieser lange gesuchten Lösung, die ihm nun der Zufall brachte, wurde Busch beim längeren Denken kühler. Er schüttelte den Kopf. Wohl war Saccard, obgleich augenblicklich mittellos, noch gut zu scheren. Man hätte auf einen minder vorteilhaften Vater verfallen können. Aber er würde sich nicht lange plagen lassen, denn er hatte immer noch scharfe Zähne. Und dann, was weiter? Sicher­lich war ihm unbekannt, daß er einen Sohn habe; er konnte trotz der außerordentlichen Aehnlichkeit, welche die Méchain verblüffte, sich aufs Leugnen verlegen. Ueberdies war er zum zweitenmal Witwer und frei, und daher niemand Rechen­schaft schuldig für seine Vergangenheit, so daß, selbst wenn er den Kleinen anerkannte, feine Einschüchterung, keine Drohung sich gegen ihn ausbeuten ließ. Wollte man aus seiner Vaterschaft nur die sechshundert Frank der Wechsel ziehen, dann war dies wahrlich gar zu jämmerlich und nicht der wunderbaren Hilfe wert, die man vom Schicksal erhalten hatte. Nein, nein, man mußte die Sache reiflich überlegen und ein Mittel finden, die Ernte in voller Reife einzuheimjen. ,, Nur keine Eile!" schloß Busch. ,, Uebrigens liegt er jetzt am Boden, wir wollen ihm Zeit lassen, sich zu erholen." Ehe er die Méchain verabschiedete, beendete er die ge­meinsame Prüfung der kleinen Geschäftchen, die sie über­nommen hatte. Da war eine junge Frau, die um ihres Lieb­habers willen ihre Juwelen verpfändet hatte; ein Schwieger­sohn, dessen Schulden die Schwiegermutter, die seine Geliebte war, zahlen würde, wenn man es richtig anpackte, furz, die feinsten Mannigfaltigkeiten des so vielgestaltigen und überaus schwierigen Inkassos.

"

Beim Eintritt ins Nebenzimmer blieb Saccard einen Augenblick geblendet vom grellen Licht des vorhanglosen Fensters mit den sonnenbegelänzten Scheiben. Das Zimmer mit seinen blassen, blaugeblümten Tapeten war fast nackt; in einer Ede stand eine eiserne Bettstelle, in der Mitte ein tannener Tisch mit zwei Strohstühlen. An der Bretterwand links waren rohgehobelte Bretter als Büchergestell mit Büchern, Zeitschriften, Zeitungen und allerlei Papieren über­laden. Aber das in solcher Höhe grelle Sonnenlicht verlieh dem armseligen Raum in seiner Nadtheit eine jugendliche Fröhlichkeit, ein frisches, unschuldvolles Aussehen.

Hier saß Buschs Bruder Sigismund, ein bartloser Mensch von fünfunddreißig Jahren, mit langen, dünnen, braunen Haaren, vor dem Tisch, die mächtig gewölbte Stirn in die ab­gemagerte Hand gestützt. Er war im Lesen so vertieft, daß er nicht einmal aufschaute. Er hatte die Thüre nicht gehen hören.

Dieser Sigismund war ein hervorragender Mann. Auf deutschen Hochschulen aufgewachsen, sprach er außer dem Französischen, seiner Muttersprache, Deutsch , Englisch und Russisch. Im Jahre 1849 hatte er in Köln Karl Marr kennen gelernt und war der beliebteste Mitarbeiter an dessen Neuer Rheinischen Zeitung" geworden. Seitdem stand sein Glaube fest, er bekannte sich mit glühender Ueberzeugung zum Socialismus und hatte seine ganze persönliche Kraft dem Ge­danken einer gesellschaftlichen Umgestaltung gewidmet, welche die Wohlfahrt der Armen und Niedrigen begründen sollte. Seitdem sein Herr und Meister, aus Deutschland geächtet. wegen der bekannten Junitage aus Paris verbannt, in London lebte und durch seine Schriften die Partei zu organisieren