Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 62.
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Das Geld.
Sonntag, den 29. März.
( Nachdruck verboten.)
V.
1903
Freundin Beichte ablegte, das heißt, da er sie nach ihrer Ansicht über Menschen und Dinge befragte. Meistens verstand er es allerdings nicht, ihren weisen Rat auszunüßen. Um zwölf Uhr ging er aus und zur Börse; dort wollte er einer der ersten sein, um sich umzusehen und zu plaudern.
Uebrigens spielte er nicht offen, sondern fand sich wie Einen Monat später, in den ersten Tagen des November, zu einer sicheren und natürlichen Zusammenkunft mit den war die Einrichtung der Bank Universelle noch nicht vollendet. Kunden seines Bankhauses dort ein. Und doch wurde sein Schreiner brachten noch Holzvertäfelungen an, Arbeiter Einfluß daselbst schon bemerkbar. Als Sieger hatte er wieder fitteten das gewaltige Glasdach zu Ende, welches über dem seinen Einzug gehalten, als ein kreditfähiger Mann, dem nunHof angebracht wurde. mehr die Stüße wirklicher Millionen zur Seite stand. Die Diese Verzögerung rührte von Saccard her, der, mit Schlauesten steckten die Köpfe zusammen, wenn sie ihn ander Armseligkeit der Einrichtung unzufrieden, durch seine sahen, raunten einander auffallende Gerüchte zu und weisLurusanforderungen die Arbeiten hinzog. Da er die Mauern sagten ihm das Königtum der Börse. nicht auseinanderrücken konnte, um seinen fortwährenden
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Gegen halb vier Uhr war er immer wieder zu Hause Traum vom Ungeheuren zu verwirklichen, so war er schließlich und spannte sich an die widerwärtige Arbeit des Unterin solchen Aerger geraten, daß er auf Frau Karoline die Sorge schreibens; in diesem mechanischen Laufen der Hand war er abwälzte, die Unternehmer abzudanken. Diese überwachte so sehr geschult, daß er, ohne das Unterschreiben einzustellen, also das Aufstellen der letzten Schalter. Eine ungewöhnliche mit freiem Kopf und leichtem Wort Angestellte kommen ließ, Bahl von Schaltern war vorhanden; der zu einer Central- Bescheide erteilte, Geschäfte erledigte. Bis sechs Uhr empfing halle umgewandelte Hof war rings damit umgeben, lauter er wieder Besuche, brachte die Arbeit des Tages zu Ende und vergitterte Schalter, ernst und würdig, mit schönen Messing- bereitete die des nächstfolgenden vor. Wenn er wieder zu schildern gekrönt, worauf Inschriften in schwarzen Buchstaben Frau Karoline hinauffam, so ging es an eine reichlichere zu lesen waren. Im ganzen genommen war die Einrichtung, Mahlzeit, als das Frühstück um elf Uhr gewesen war, feine obwohl in etwas engem Raum zusammengedrängt, recht Fische und vor allem Wildpret, mit Burgunder, Bordeaux , günstig angeordnet. Im Erdgeschoß waren die Dienstzweige, Champagner, je nach der Laune und dem glücklichen Verlauf die in ständiger Beziehung mit dem Publikum sein sollten, die des Tages. verschiedenen Kassen, die Emissionsschalter, alle Abteilungen ,, Sagen Sie einmal, ob ich nicht solide bin!" rief er zufür laufende Banfgeschäfte; oben befand sich gewissermaßen weilen scherzend. Anstatt zu den Frauenzimmern, in die das innere Triebwerf, die Direktion, die Korrespondenz- Klubs und in die Theater zu laufen, lebe ich da als braver abteilung, die Buchhalterei, das Personalbureau und die Ab- Spießbürger an Ihrer Seite. Das müssen Sie Ihrem teilung für Streitfachen. Alles in allem tummelten sich in Bruder schreiben, um ihn zu beruhigen." dem sehr eingeengten Raum über zweihundert Angestellte. Ach was!" antwortete fröhlich Frau Karoline ,,, mein Was beim Eintritt fofort auffiel, selbst noch inmitten Bruder ist immer so solide gewesen, daß die Solidität ihm des Gedränges der Arbeiter, welche die letzten Nägel ein- ein natürlicher Zustand und kein Verdienst dünkt... Gestern schlugen, während das Gold schon in den Holzschalen erklang, habe ich ihm geschrieben, daß ich Sie bestimmt hätte, das das war ein Ansehen von Strenge, ein Anstrich von alt- Sizungszimmer nicht vergolden zu lassen. Das wird ihn hergebrachter Rechtschaffenheit, mit einem unbestimmten mehr freuen." Sakristeiduft, der ohne Zweifel von dem Lokal herrührte, von An einem sehr fühlen Nachmittag der ersten Novemberjenem alten, feuchten und düsteren Hotel im schweigenden tage, während Frau Karoline den Tünchermeister anwies, den Schatten der Bäume des Nachbargartens. Man hatte das Anstrich des Saales einfach abzuwaschen, wurde ihr eine Karte Gefühl, als betrete man ein frommes und rechtschaffenes Haus. hereingebracht mit der Meldung, der betreffende Mann bestehe An einem Nachmittag wurde Saccard selbst bei seiner hartnäckig darauf, sie selbst zu sprechen. Die unsaubere Karte Rückkehr von der Börse von diesem Gefühle gepackt und über- trug in groben Schriftzügen den Namen„ Busch". Ihr war rascht. Dieses tröstete ihn über die fehlenden Vergoldungen. der Name unbekannt; sie befahl, den Besuch in das ArbeitsEr sprach Frau Staroline gegenüber seine Befriedigung aus. zimmer ihres Bruders zu führen, wo sie die Leute zu Nun, für den Anfang ist es doch ganz nett. Man empfangen pflegte. glaubt unter sich in der Familie zu sein, eine wahre kleine Kapelle Später wird man schon sehen... Ich danke Ihnen, schöne Freundin, für alle Mühe, die Sie sich geben, seitdem Ihr Bruder nicht mehr da ist."
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Da sein Grundsatz dahin ging, aus unvorhergesehenen Umständen Nußen zu ziehen, so bemühte er sich nunmehr auf jede mögliche Weise, den streng puritanischen Anstrich des Hauses auszubilden. Von feinen Angestellten forderte er eine fast priesterliche Kleidung, man durfte nur mit gedämpfter Stimme reden, man empfing und gab das Geld mit einer wahrhaft klerikalen Zurückhaltung.
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Noch nie hatte Saccard in seinem wechselvollen Leben sich so rührig getummelt. Morgens saß er schon um sieben Uhr vor allen Angestellten, selbst ehe seine Bureaudiener das Feuer angezündet hatte, im Arbeitszimmer, öffnete die eingelaufene Poſt und erledigte bereits die dringendsten Briefe. Hierauf begann bis elf Uhr ein unabsehbarer Galopp, die Freunde und bedeutenden Kunden des Hauses, die Wechselmakler, die Kommissionäre, der ganze große Schwarm der Finanzwelt; dazu das Gehen und Kommen der Abteilungsvorstände, welche Befehle holten. Sobald er einen Augenblick frei hatte, erhob er sich und machte einen Rundgang durch die verschiedenen Bureaus, wo die Angestellten in steter Angst vor seinem plöglichen Erscheinen lebten, da er immer zu verschiedenen Stunden sich zeigte. Um elf Uhr ging es zu Frau Karoline und zum Frühstück hinauf. Er aß reichlich und trank ebenso, mit der zwanglosen Leichtigkeit der mageren Leute und ohne je von der Mahlzeit belästigt zu werden. Die volle Stunde, die er oben zubrachte, war feine verlorene; denn dies war der Augenblick, da ihm, wie er sagte, seine schöne
Wenn Busch seit fast sechs langen Monaten sich geduldet hatte und seine außerordentliche Entdeckung eines unehelichen Sohnes Saccards nicht ausnutzte, so geschah es in erster Linie aus wohlerwogenen Gründen. Es wäre ein gar zu armfeliges Ergebnis, wenn man aus Saccard bloß die sechshundert Frank jener der Mutter ausgestellten Wechsel heraus30g; dazu kam ferner die große Schwierigkeit, aus ihm mehr, eine vernünftige Summe von etlichen Tausenden, zu erpressen; wie konnte man einem Witwer, der aller Bande ledig war und vor Skandal sich wenig fürchtete, Schrecken einjagen? Wie konnte man ihn zwingen, schweres Geld für jenes häßliche Geschenk eines hergelaufenen Kindes zu zahlen? Freilich hatte die Méchain eine lange Kostenrechnung, etwa sechstausend Frank, mühsam zusammengestellt, kleine Darlehen an ihre Cousine, Rosalie Chavaille, die Mutter des Knaben, dann die Kosten der Krankheit der Armen, ihr Begräbnis, die Unterhaltung des Grabes, endlich ihre Auslagen für Victor selbst, seitdem er ihr zur Last gefallen war, Verföstigung, Kleidung, ein Haufe andrer Dinge. War aber Saccard fein zärtlicher Vater, war es dann nicht wahrscheinlich, daß er sie zum Henker schicken würde? Nichts in der Welt würde nämlich diese Vaterschaft beweisen, außer der Aehnlichkeit des Knaben; und dann würden sie nur den Betrag der Wechsel aus ihm pressen, falls er überhaupt die Verjährung nicht geltend machte.
Andrerseits hatte Busch so lange gezögert, weil er mehrere Wochen in peinvoller Sorge um seinen Bruder Sigismund verbracht hatte, der von der Schwindsucht niedergestreckt und überwältigt war. Vierzehn Tage hindurch hatte jener gewaltige Wühler und Spürer alles vernachlässigt, die