Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 69.

Mittwoch, den 8. April.

( Nachdrud verboten.)

1903

Das Geld.

Roman von Emile Zola .

" Sagen Sie' mal, Jantrou, Sie sollten Ihren Börsen­bericht etwas heiterer gestalten Sie wissen ja, einige bimbi Späße, einige Kalauer. Das Publifum liest so etivas gerit, und nichts hilft so viel wie der Wit, alles Mögliche glaubhaft zu machen... Nicht wahr? Also Kalauer vor allem!" Jezt wurde der Zeitungsleiter ärgerlich. Er bildete sich nämlich auf seine litterarische Vornehmheit etwas ein. Gleich­wohl mußte er das Gewünschte versprechen.

Schüchtern warf der Abgeordnete ein, daß ja drüben im Orient die Empfehlung des Ministers dem Ingenieur Hamelin sehr viel genügt, ihm alle Thüren geöffnet und auf gewisse Persönlichkeiten einen Druck ausgeübt habe.

Lassen Sie mich doch in Ruhe! Er konnte nicht anders Hat er mir aber jemals vor einer Hausse oder einer Baisse eine Nachricht zukommen lassen, er, der alles so gut wissen muß? Besinnen Sie sich doch! Zwanzigmal habe ich Sie beauftragt, ihn auszuhorchen, Sie sehen ihn ja alle Lage und Sie haben mir noch die erste gute und nützliche Nachricht zu bringen... Und was wäre dabei, wenn Sie mir bloß ein Wort hinterbringen würden?"

"

Allerdings, aber er sieht so etwas nicht gert, er meint, das seien Börsenjobbereien, die man stets zu bereuen hat." " Ach was! Hat er denn Gundermann gegenüber der­gleichen Bedenken? Mit mir spielt er den Ehrlichen und an Gundermann schickt er die Nachrichten."

Mittlerweile war Jordan endlich mit seinem Aufsat fertig geworden. Er fühlte sich von der Ungeduld erfaßt, seine Frau wiederkommen zu sehen. Redaktionsmitglieder tamen herein, er plauderte mit ihnen und ging dann abermals ins Wartezimmer. Dort nahm er einiges Aergernis daran, daß Dejoie horchend das Ohr an die Thüre des Chefredakteurs hielt, während seine Tochter Nathalie Wache stand.

Herr

Sie fönnen noch nicht herein," stammelte er, Saccard ist immer noch da... Ich glaubte, man habe mich gerufen."

In Wahrheit war der Mann von schnöder Gewinnsucht gequält, seitdem er mit den viertausend Frank der Ersparnisse feiner Frau acht volleingezahlte Aktien der Universelle er­worben hatte, und lebte nur noch in der freudigen Erregung, " Ja, der Gundermann! Sie brauchen alle den Gunder- diese Aktien steigen zu sehen. Er lag stets vor Saccard auf mann; ohne ihn könnten sie keine Anleihe zu Wege bringen." den Knien, las ihm die geringsten Worte wie ein Orakel von Jett jubelte Saccard laut auf und schlug in die Hände. den Lippen ab und konnte, wenn er ihn anwesend wußte, der " Da haben wir's also, Sie gestehen es! Das Kaiser- Versuchung nicht widerstehen, die verborgensten Gedanken, reich ist an die Juden verkauft! Unser gesamtes Geld ist dazu die Worte des Abgottes im geheimsten Heiligtum kennen zu da, um zwischen ihre gierigen Krallen zu geraten. Der fernen. Uebrigens war ihm jede Eigensucht noch fremd, er Universelle bleibt nichts mehr übrig, als vor ihrer Allmacht dachte nur an seine Tochter. Und soeben erst war er in Auf­in den Staub zu finken!" regung geraten, indem er ausrechnete, daß seine acht Aktien zum Kurs von siebenhundertundfünfzig schon einen Gewinn von zwölfhundert Frank brachten, der mit dem Kapital zu­sammen eine Summe von fünftausendzweihundert Frank aus­machte. Nur noch eine Preissteigerung von hundert Frank, dann hätte er die erträumten sechstausend Frank beisammen, die Mitgift, welche der Buchbinder forderte, um die Heirat seines Sohnes mit der Kleinen zu gestatten. Bei diesem Ge­danken zerschmolz sein Herz in Wonne, mit thränenvollen Blicken schaute er auf dieses Töchterchen, das er aufgezogen hatte und dessen eigentliche Mutter er in dem so glücklichen kleinen Haushalt war, welchen seit der Rückkehr des Kindes aus der Pflege beide zusammen führten.

Und jetzt machte er seinem ererbten Judenhasse Luft und 30g wiederum gegen dieses Geschlecht von Schacherern und Wucherern los, das seit Jahrhunderten mitten durch die Völker dahinschreitet und deren Blut saugt wie die Kräßmilben, ein Geschlecht, das, unbekümmert darum, ob es angespien und geschlagen wird, auf die sichere Eroberung der Welt auszieht, die einstmals durch die unüberwindliche Macht des Goldes in seinen Besitz übergehen wird.

Besonders erbittert zeigte er sich gegen Gundermann in folge seines alten Grolls, seines unerfüllbaren und rasenden Wunsches, ihn niederzuschmettern, troß seiner Vorahnung, daß dieser Mensch der Prellstein sein würde, an dem er zerschellen sollte, wenn er jemals in einen Kampf sich einließe. O! dieser Gundermann! im Herzen ein Preuße, obwohl in Frankreich geboren! Offenbar waren alle seine Wünsche für Preußen, und er hätte dasselbe gern mit seinem Gelde unterstützt! Vielleicht unterstützte er Preußen insgeheim! Hatte er nicht eines Abends in einem Salon sich zu dem Ausspruch ver­stiegen, wenn je zwischen Preußen und Frankreich ein Krieg ausbräche, würde letzteres große Mühe haben, zu siegen?

Ich habe die Geschichte satt, verstehen Sie mich, Huret? und merken Sie sich's: wenn mein Bruder mir feinen Nugen bringt, so will ich ihm auch nichts mehr müßen. Erst wenn Sie mir ein gutes Wort von ihr gebracht haben, ich meine eine Nachricht, aus der wir Vorteil ziehen können, erst dann gestatte ich Ihnen, Ihre Loblieder zu seinen Gunsten wieder aufzunehmen. Ist das klar?"

Der Mann redete sehr verwirrt weiter und suchte seine sträfliche Neugier zu verdecken.

Nathalie, die soeben heraufgekommen ist, um mir guten Morgen zu sagen, ist Ihrer Frau Gemahlin begegnet, Herr Jordan."

Ja wohl," sagte das Mädchen, sie kam um die Ecke der Rue Feydeau , o! sie rannte!"

Der Vater ließ das Mädchen nach Belieben ausgehen, er traute ihr ganz, wie er fagte. Er hatte recht, auf ihr Wohlverhalten zu zählen, denn sie war im Grunde genommen zu berechnend und zu fest entschlossen, ihr Glück ſelbſt zit machen, um die langer Hand vorbereitete Heirat durch eine Dummheit zu gefährden. Mit ihrem schlanken Wuchs und ihren großen Augen in dem hübschen blonden Gesicht, war sie in eigensinniger Selbstsucht und mit immer lächelnder Miene in sich selbst verliebt. Jordan war überrascht und verstand zuerst nicht. Wie?" fragte er, in der Rue Feydeau ?"

Das war nur zu klar. Jantrou, der unter der Hülle des politischen Theoretifers feinen alten Saccard wiederfand, begann von neuem, sich mit den Fingerspitzen durch den Bart 31 fahren. Huret aber, aus seiner vorsichtigen normännischen Er hatte keine Zeit, fie länger auszufragen, denn Bauernpfiffigkeit gerittelt, schien in großer Verlegenheit zu Marcelle tam atemlos hereingestürzt. Sogleich führte er sie schweben. Denn auf beide Brüder hatte er sein Glück ge- in das Nebenzimmer; da der Gerichtszeitungs- Redakteur fest und hätte sich am liebsten mit feinem von beiden über- darin saß, mußte er sich mit ihr hinten im Gange auf eine worfen. Bank setzen.

Sie haben Recht," murmelte er, wir wollen einen Dämpfer auflegen, um so mehr als wir ja die Ereignisse ab­warten müssen.. Ich verspreche Ihnen, mein möglichstes zu thun, um vertrauliche Mitteilungen von dem großen Mann zu erhalten. Bei der ersten Nachricht, die ich von ihm er­fahre, springe ich in einen Wagen und bringe Ihnen dieselbe." Schon nahm Saccard, der seine Rolle ausgespielt hatte, einen scherzenden Ton an.

Um Euretwillent thu ich's ja, Ihr lieben Freunde Ich habe immer wieder alles verspielt und habe stets eine Million jährlich verjubelt."

Dann kam er wieder auf die Reklame zu sprechen.

Und nun?"

,, Nun, mein Schat, die Sache ist im reinen, aber Mühe hat's gefoftet."

Troß seiner Befriedigung merfte er wohl, wie schwer ihr das Herz war. Sie erzählte alles mit leiser und rascher Etimme, wie sehr sie sich auch vornahm, ihm einiges zu ver­schweigen: vor ihm fonnte sie ja teine Geheimnisse haben.

Seit einiger Zeit waren Maugendres ihrer Tochter gegen­über ander geworden. Sie fand die Alten sorgenvoll und weniger airtlich; eine neue Leidenschaft, das Spiel, hatte sich ihrer bemächtigt. Es war die alte Geschichte: der Vater, ein dider, ruhiger Mann mit einer Glaze und weißem Backen­