Unterhaltungsblatl des Horwarts Nr. 94. Donnerstag, den 14. Mai. 1903 eoi Das Geld» (Nachdruck verboten.) Roman von Emile Zola . Am folgenden Tage stand Saccard wieder zuversichtlich lächelnd auf seinem Posten und hob durch erhebliche Käufe den Kurs um dreißig Frank. Trotz aller- Anstrengungen ging er aber am fünften Januar um vierzig Frank zurück, die llniverselle stand mir noch auf dreitausend. Von nun ab er» neuerte sich der Kampf Tag um Tag. Am sechsten stieg die Universelle wieder. Am siebenten und achten ging sie aber- mals herunter. Eine unaufhaltsame Bewegung zog sie all- mählich und stetig die schiefe Ebene hinab. S i e sollte zum Sündenbock für den allgemeinen Wahnsinnsrausch dienen, für die Unthaten andrer, minder hervorragender Gründungen, die beim üppigen Aufwuchern aller möglichen verdächtigen Unternehmungen unter der Gluthitze der Reklame riefen- großen Pilzen gleich aus dem faulenden Boden des Kaiser- reichs emporgeschossen waren. Saccard aber, der nicht mehr schlief und an jedem Nachmittag'seinen Kämpfposten an jenem Pfeiler wieder einnahm, lebte im Wahn eines immer noch mög- lichen Sieges. Wie ein von der Vortrefflichkeit seines Planes überzeugter Feldherr wich er nur Schritt für Schritt zurück und opferte seine letzten Streitkräfte, die letzten Geldsäcke aus den Kassen der Gesellschaft, um den heranstürmenden An- greifern den Weg zu versperren. Am neunten trug er wieder einen entschiedenen Erfolg davon. Die Baissepartei wich ängstlich zurück: sollte die Medio-Abrcchnung sich wieder mit dem ihnen abgejagten Raube mästen? Und Saccard, dessen Mittel auf die Neige gingen, der bereits auf Gefälligkeitsaccepte angewiesen war, wagte nunmehr— wie die Hungrigen in ihren Qualen das Phantasiebild üppiger Gelage sehen— sich selbst das groß- artige und unerreichbare Ziel seiner Wünsche zu bekennen, nämlich den ungeheuerlichen Plan, das gesamte Aktienkapital aufzukaufen, um die Blankoverkäufer einzuklemmen und an Händen und Füßen gefesselt zur bedingungslosen Uebergabe zu zwingen. Nor kurzem erst war bei einer kleinen Eisenbahn- gesellschaft das Gleiche eingetreten: das Emissionshaus hatte sämtliche Aktien aufgekauft und die Verkäufer außer stand gesetzt, die Stücke zu liefern, so daß sie sich mit Gut und Blut loskaufen mußten. O, wenn er es fertig brächte, diesen Gundermann so weit in die Enge zu treiben, bis er ungedeckt spielte! Wenn dieser ihm eines Morgens seine Milliarde zu Füßen legen und demütig flehen müßte, er möge ihn: nicht alles wegnehmen und wenigstens für seine zehn Sous Milch pro Tag etwas übrig lassen! Allein zu diesem Coup waren siebenhundert bis acht- hundert Millionen erforderlich. Schon zweihundert hatte er in den Abgrund geschleudert, folglich mußten fünfhundert bis sechshundert weitere ins Gefecht geführt werden. Mit sechs- hundert Millionen fegte er also die Juden zusammen, wurde e r König der Börse, der Herr der Welt. Welch' gewaltiger Traum! In seinem hochgradigen Fieberwahn war ihm eben jegliches Bewußtsein voni Wert des Geldes abhanden ge- kommen: er kannte nur noch Figuren, die auf dem Schachbrett hin und her bewegt wurden. In seinen schlaflosen Nächten brachte er jenes Heer der sechshundert Millionen auf die Beine. schickte es um seines Ruhmes willen in den Tod und blieb schließlich Sieger unter Trümmern und allgemeinem Einsturz. Leider erlebte Saccard am zehnten einen furchtbar schweren Tag. An der Börse trug er stets eine wunderbare Ruhe und Heiterkeit zur Schau, obwohl nie ein Krieg mit solchem lautlosen Ingrimm geführt worden war. Stunde für Stunde ein Morden, überall lauernder Hinterhalt. Bei diesen stummen und feigen Börsenschlachten, in denen man die Schwachen geräuschlos niedermetzelt, lösen sich alle Bande der Verwandtschaft und Freundschaft: es herrscht nur das grau- same Gesetz der Stärkeren, welche andre auffressen, um nicht selbst aufgefressen zu werden. So fühlte sich denn Saccard völlig vereinsamt, ohne andre Stütze, um sich aufrecht zu halten, als seine unauslöschliche� unersättliche Gier. Am meisten fiirchtete er sich vor dem vierzehnten, dem Tage der Prämienabrechnung. Indessen trieb er noch für die drei da- zwischen liegenden Tage Geld auf, so daß der vierzehnte den Krach noch nicht herbeiführte, sondern vielmehr die Universelle befestigte, die am fünfzehnten mit einem Kurs von zweitausend- achthundertundsechzig schloß, also nur etwa hundert Frank niedriger, als am Dezemberschluß. Er hatte eine völlige Niederlage befürchtet und gab sich nun den Anschein, als glaubte er an einen Sieg. In Wahrheit aber trugen zum erstenmal die Baissiers den Sieg davon und strichen endlich Differenzen ein, nachdem sie monatelang Differenzen zu zahlen gehabt hatten. Die Sachlage änderte sich völlig und Saccard mußte sich bei Mazaud„in Kost geben", so daß dieser jetzt stark engagiert war. Die zweite Hälfte des Januar mußte die Entscheidung bringen. Seit diesem aufreibenden Kampfe, seit diesen alltäglichen Erschütterungen, die ihn bald in den tiefsten Abgrund warfen und bald wieder heraufwarfen, empfand Saccard jeden Abend ein schrankenloses Bedürfnis, sich zu betäuben. Nie war sein Leben so wild gewesen: überall zeigte er sich, ging in alle Theater und warf in den Nachtrestaurants das Geld mit vollen Händen hinaus, wie einer, der sich allzu reich dünkt. Er wich Frau Karoline aus, deren Vorwürfe ihm lästig waren; sie brachte immer wieder das Gespräch auf die sorgenschweren Briefe ihres Bruders und war selbst über Saccards entsetzlich gefahrvollen Haussefeldzug außer sich. Um so öfter kam er mit der Baronin Sandorff in der abgelegenen Parterrewohnung der Rue Caumartin zusammen. Zuweilen flüchtete er sich dorthin, um einzelne Schriftstücke durchzusehen und über gewisse Geschäfte nachzudenken, glück- sich in dem Bewußtsein, daß kein Mensch ihn hier stören würde. Dann übermannte ihn der Schlaf: dann schlummerte er ein paar Stunden, die einzigen Stunden wonnigen Ver- gessens. Die Baronin aber machte sich kein Gewissen daraus. während dieser Zeit seine Taschen zu durchsuchen und seine Briefe zu lesen: denn ihr gegenüber war er ganz stumm ge- worden, keine einzige nützliche Nachricht konnte sie mehr aus ihm ziehen: sie war sogar fest überzeugt, daß er sie anlog, wenn sie ein Wort aus ihm herausbrachte, und getraute sich infolge dessen nicht mehr, nach seinen Angaben zu spielen. Durch solche Diebstähle an seinen Geheimnissen hatte sie über die Geldverlegenheiten, mit denen die Universelle zu ringen begann, sicheren Aufschluß erlangt über das weit ausgedehnte System von Gefälligkeitswechseln, die vorsichtig im Ausland diskontiert wurden. Eines Abends erwachte Saccard zu früh und ertappte sie beim Durchstöbern seiner Brieftasche. Da ohrfeigte er sie wie eine Dirne, welche das Kleingeld aus der Westentasche stiehlt: von jetzt ab pflegte er sie zu prügeln, was beide aufregte, todmüde machte und dann wieder be- ruhigte. Nach der Abrechnung vom fünfzehnten, welche ihr etwa Zehntausend Frank wegnahm, begann die Baronin einen Plan auszubrüten. Dieser beschäftigte sie unablässig, so daß sie schließlich bei Jantrou Rat holte. „Meiner Treu," antwortete dieser,„ich glaube, Sie haben recht: es ist Zeit, wir gehen zu Gundermann über... Suchen Sie ihn auf und erzählen Sie ihm die Geschichte, da er Ihnen doch einen guten Rat auf den Tag versprochen hat, wo Sie ihm selbst einen solchen bringen würden." An dem Morgen, als die Baronin sich einfand, war Gundermann in bissiger Laune. Gestern war die Universelle schon wieder gessiegen. Würde man denn niemals mit diesem gefräßigen Raubtiere fertig werden, welches schon so viel von seinem Geld verschlungen hatte und gar nicht sterben wollte? Am Ende war sie im stände, wieder in die Höhe zu steigen und an Ultimo wieder mit einer Hausse zu schließen! Und er murrte, weil er sich in diesen unheilvollen Wettkampf ein- gelassen hatte, während es vielleicht klüger gewesen wäre, sich an der neuen Gründung zu betktzligen. Im Glauben an seine gewohnte Taktik und an den unausbleiblichen Endsieg der Logik erschüttert, hätte er sich zu diesem Rückzug verstanden, wenn er noch zurück gekonnt hätte, ohne alles zu verlieren. Sie waren seilen bei ihm, diese Augenblicke der Entmutigung, welche die größten Feldherrn am Vorabend des Sieges selbst kennen, wenn Menschen und Dinge ihren Erfolg gebieterisch verlangen. Diese Trübung seines durchdringenden und sonst so klaren Blickes rührte von dem nach und nach sich zusammen- ziehenden Nebel her, von dem geheimnisvollen Dunkel der Börsenoperationen, hinter welches man nie einen bestimmten
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20 (14.5.1903) 94
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