Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 95.

57]

Das Geld.

Freitag, den 15. Mai.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Emile Zola .

1903

Kurse nicht mehr stüßen könne. Die gewaltige Reserve seiner Milliarde wollte er ins Gefecht führen, wie ein Feldherr, der durch seine Spione den schwachen Punkt des Feindes erfahren hat und den entscheidenden Schlag führen will. Die Logik mußte siegen, da jede Aktie, die über ihren wirklichen Wert steigt, sicherem Untergang geweiht ist.

Diese Grobheit brachte die Baronin derart außer Fassung, daß sie ohne jegliche Einleitung ihm ihre Nachricht hinwarf: fahr witterte, gegen fünf Uhr Daigremont auf. Er war Am gleichen Tage suchte Saccard, der die nahende Ge­" Wie wär's, wenn man Ihnen bewiese, daß die Geld fieberhaft erregt und empfand die höchft dringende Not­mittel der Universelle infolge der bedeutenden Käufe erschöpft wendigkeit den Baissiers einen Schlag zu verfezen, wenn er find, und daß sie zur Fortsetzung des Feldzuges Gefälligkeits- nicht von ihnen endgültig besiegt werden wollte. Sein Riesen­accepte im Auslande zu diskontieren gezwungen ist?" plan ließ ihm keine Ruhe, jenes ungeheure Heer von sechs­hundert Millionen, das zur Eroberung der Welt noch auf­gebracht werden mußte.

Der Jude unterdrückte ein freudiges Aufzucken. Sein Auge blieb tot; mit der nämlichen brummigen Stimme ent­

gegnete er:

Das ist nicht wahr!"

Mit gewohnter Liebenswürdigkeit empfing ihn Daigre­" Wieso nicht wahr? Ich hab's ja mit eignen Ohren ge- Gemälden und allem strahlenden Prunk umgeben, den an mont in seiner füftlichen Wohnung, von seinen wertvollen hört, mit eignen Augen gesehen." Um ihn zu überzeugen, erzählte sie ihm, daß sie Accepte jedem Stichtage die Börsendifferenzen bestreiten mußten, ohne von Strohmännern in Händen gehabt habe. Sie nannte die- daß man sich klar war, was eigentlich hinter dieser be­selben und bezeichnete auch die Bankhäuser, die in Wien , stechenden Dekoration zu suchen wäre, die unter der steten Frankfurt und Verlin die Wechsel diskontiert hätten. Seine Drohung stand, durch eine Laune des Börsenglücks weg­Geschäftsfreunde könnten ihm Auskunft geben, dann würde geweht zu werden. Bis jetzt hatte er treu zur Universelle ge­er einsehen, daß sie ihm kein aus der Luft gegriffenes Gerede halten und zu verkaufen sich geweigert, indem er unbeschränktes hinterbrachte. Ebenso versicherte sie, die Gesellschaft habe Vertrauen zur Schau trug, stolz auf dieses Auftreten als nobler lediglich zum Zwecke der Aufrechterhaltung der Hausse auf Haussespieler, das ihm nebenbei auch bedeutenden Gewinn eigne Rechnung gekauft, und dies habe bereits zweihundert einbrachte. Selbst nach der ungünstigen Liquidation vom Millionen verschlungen. fünfzehnten hatte er nicht gemudit, sondern er sprach überall Gundermann hörte mit seiner finsteren Miene zu und feine Ueberzeugung aus, daß die Aktien wieder steigen würden, legte schon seinen morgigen Feldzug mit solcher Raschheit im wobei er jedoch lauernde Blicke um sich warf, um beim ersten Stopfe zurecht, daß er binnen weniger Sekunden seine Auf- verdächtigen Anzeichen zum Feinde überzugehen. Saccards träge erteilt und den jeweiligen Betrag bestimmt hatte. Nun- Besuch, seine ungewöhnliche Thatkraft, dieser großartige Ge­mehr war er des Sieges gewiß. Er wußte wohl, aus welcher danke, alles vom Markte wegzuraffen, machten tiefen Ein­unreinlichen Quelle ihm diese Nachricht kam, und war voll Ver­achtung für diesen Genußmenschen Saccard, der in seiner Dummheit so weit ging, daß er sich einem Frauenzimmer an­vertraute und sich verraten ließ.

Als sie ausgeredet hatte, hob er das gesenkte Haupt empor und heftete seine dicken, glanzlosen Augen auf sie.

Nun, was soll mir denn daran liegen? Was soll alles, was Sie mir da erzählen?"

Ueber diese unbefangene Ruhe war die Baronin völlig verblüfft:

Aber ich denke mir, Ihre Stellung in der Baisse...?" " Ich? Woher wissen Sie denn, daß ich Baisse spiele? Ich gehe ja nie auf die Börse, ich spekuliere nicht; das ist mir alles gleichgültig."

Seine Stimme flang so unschuldig, daß die erschütterte und betroffene Baronin ihm schließlich geglaubt hätte, wenn sie nicht die allzu höhnische Naivetät hindurchgehört hätte. Offenbar trieb er in seiner völligen Gleichgültigkeit des für jede Sinnenluft abgestorbenen Mannes Scherz mit ihr.

"

Also, liebe Freundin, da ich sehr beschäftigt bin, wenn Sie mir nichts Interessanteres zu sagen haben. Er wies sie also zur Thüre hinaus. Da empörte sie sich endlich.

Ich habe Ihnen Vertrauen geschenkt," sprach sie wütend, ..und habe zuerst gesprochen... Das ist ein förmlicher Hinter­halt. Sie hatten mir versprochen, wenn ich Ihnen nützlich wäre, auch Ihrerseits mir nüglich zu sein, mir einen Rat..." Er erhob sich und fiel ihr ins Wort. Dieser Mensch, der sonst nie eine Miene verzog, schlug jezt eine leichte Lache an, so großen Spaß fand er an diesem rohen Beschwindeln einer jungen und hübschen Frau.

Einen Rat? Den will ich Ihnen nicht vorenthalten, liebe Freundin... Merken Sie sich's wohl: spielen Sie nicht, spielen Sie nie. Ihre Schönheit würde darunter leiden, denn es ist sehr häßlich, wenn eine Frau spielt."

druck auf ihn und erregten seine aufrichtige Bewunderung. Der Plan war zwar wahnwikig, aber sind die großen Kriegs­und Börsenmänner nicht häufig einfach verblendete Thoren, die der Erfolg frönt? Er gab das ausdrückliche Versprechen, schon bei der morgigen Börse zu Hilfe zu eilen. Obwohl schon stark engagiert, versprach er bei Delarocque, feinem Makler, weitere Engagements einzugehen, außerdem noch seine Be­fannten aufzusuchen und so ihm eine Art Konsortium als Ver­stärkung heranzubringen. Diese neue, sofort verfügbare Heer­schar konnte man nach seiner Schägung auf etwa hundert Millionen beziffern. Dieses würde genügen.

Strahlend und siegesgewiß sette Saccard auf der Stelle den Schlachtenplan mit einer großen, dem Vorbilde der her­vorragendsten Feldherren entlehnten Schwenkung von seltener Sühnheit fest. Zuerst beim Börsenanfang ein bloßes Schar­mügeln, um die Baissiers zu reizen und vertrauensselig zu machen; dann, nach ihrem ersten Erfolg, nach dem Weichen der Kurse, das Eingreifen Daigremonts und seiner Freunde mit dem schweren Geschüß, das Auftauchen der vielen un erwarteten Millionen wie hinter einer Bodenerhöhung, um die Baisfiers von hinten zu fassen und über den Haufen zu rennen. Das mußte ein Morden, ein förmliches Gemezel geben. Mit Händedruck und siegesfrohem Lachen gingen beide Männer auseinander.

Eine Stunde später bekam Daigremont, der auswärts speisen wollte und sich gerade anzog, einen zweiten Besuch, denjenigen der Baronin Sandorff. In ihrer Ratlosigkeit war, ihr der glückliche Einfall gekommen, mit Daigremont zi sprechen. Eine Zeitlang hatte man ihr nachgesagt, sie stehe in vertraulichen Beziehungen zu ihm; thatsächlich aber herrschte zwischen beiden mur ein sehr freies, kameradschaftliches Ver­hältnis, beide waren zu faßenschlau und durchschauten einander zu sehr, um sich zu dem Schwindel einer Liaison zu versteigen. Sie erzählte ihm ihre Angst, ihren Schritt bei Gundermann und die Antwort desselben, gab aber lügnerische Gründe für Sobald sie, ganz außer sich, hinausgegangen war, schloß ihren verräterischen Abfall. Daigremont lachte und machte er sich mit seinen beiden Söhnen und seinem Schwiegerjohn sich den Spaß, sie noch mehr zu erschrecken, indem er sich den ein, verteilte die Rollen, schickte sofort zu Jacoby und zu Anschein gab, in seinem Glauben zu wanken und anzunehmen, andren Börsenmaklern, um den großen Schlag des folgenden daß Gundermann bei seiner Versicherung, er sei nicht mehr Tages vorzubereiten. Sein Plan war einfach: er wollte thun, bei der Kontermine, nicht gelogen habe. Weiß man denn was die Klugheit ihm wegen seiner Unkenntnis der wirklichen je etwas Sicheres?" fragte er. Die Börse ist ein förmlicher Lage der Universelle bis jetzt verboten hatte, nämlich durch Wald, ein Wald, durch dessen dunkle Nacht jedermann blind­ungeheure Verfäufe den Markt überfluten, da er jegt wußte, lings tappt. Hat man in dieser Dunkelheit die Unvorsichtig­daß die Gesellschaft ihre Geldmittel erschöpft habe und die keit, auf alles Unsinnige und Widersprechende zu hören, was