Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 107.
69]
Das Geld.
Donnerstag, den 4. Juni.
( Nachdrud verboten.)
1903
mein einfaches Kommen nicht? Dann habe ich Ihnen auch eine sehr traurige Geschichte mitzuteilen."
In einem Zug erzählte sie dann mit halblauter Stimme das wilde Erwachen von Victors Trieben.
Betroffen hörte er zu, ohne eine Frage zu stellen, und ohne sich zu regen; als sie zu Ende war, quollen zwei dicke Thränen aus seinen Augenlidern und rieselten an den Wangen herunter, während er stammelte: Der Unglückliche... Der Unglückliche.
"
Roman von Emile Zola . Allein die Unterredungen mit seinem Anwalt und die von Frau Karoline unternommenen Schritte, über deren ermüdende Vergeblichkeit sie flagte, hatten Hamelin bald eine Ahnung von der erschreckenden Verantwortlichkeit gegeben, die auf ihm lastete. Selbst mit den geringsten begangenen griffen und erstaunt war sie von diesen so merkwürdigen Noch nie hatte sie den Mann weinen gesehen. Tief erGesetzwidrigkeiten sollte er solidarisch erklärt werden; nie würde man glauben, daß auch nur eine einzige ihm unbekannt Thränen Saccards, diesen grauen und schweren Thränen, die geblieben wäre. So riß ihn Saccard in entehrende Mitschuld Räubereien verhärteten Herzens herauffamen. aus bodenloser Tiefe eines verstockten und in jahrelangen
hinein.
Mit zerstreutem Ohr hörte er auf die Worte seiner Schwester, welche ihm erzählte, in den Zeitungen scheine die öffentliche Meinung etwas günstiger für ihn zu werden. Plötz lich, ohne Uebergang, fragte er, indem er sie mit seinen Augen eines Schlafwandlers ansah:
Warum weigerst Du Dich, ihn zu besuchen?" Sie erschauerte, sie begriff wohl, daß er Saccard meinte. Mit heftigem Kopfschütteln sagte sie nein und wieder nein. Hierauf nahm er seinen Mut zusammen und sagte verlegen mit ganz leiser Stimme:
" Nach dem, was Du ihm gewesen bist, darfst Du Dich nicht weigern! Gehe zu ihm."
unbekannt voraussette:
Uebrigens
machte sich sogleich seine Verzweiflung in überlauter Weise
Luft.
einmal gefüßt. Sie wissen ja, ich habe ihn nicht gesehen! „ Das ist ja entsetzlich, und ich habe den Jungen nicht Nun ja, ich hatte mir ganz fest vorgenommen, ihn zu besuchen, habe aber keine Zeit gehabt, feine freie Stunde, mit diesen es fommt immer so: wenn man eine Sache nicht sofort durchverdammten Geschäften, die mich ganz auffressen. Ja, ja, führt, führt man sie sicher niemals durch. Und jetzt wissen Sie gewiß, daß ich ihn nicht sehen kann? Man könnte mir ihn ja hierher bringen."
dem
er
Sie schüttelte den Kopf.
unabsehbaren Gedränge dieses schrecklichen Paris !" Wer weiß, wo er jetzt zur Stunde sich umhertreibt, in einzelne unzusammenhängende Redensarten hören ließ: Eine Zeitlang ging er noch heftig auf und ab, indem
Großer Gott, der Bruder wußte alles! Brennende Nöte flog über Frau Karolinens Wangen, sie stürzte in seine Arme, um ihr Gesicht zu verbergen; stammelnd fragte fie, wer es ihm wohl gesagt hätte, wie er dazu kam, dieses Verhältnis Man findet mir diesen Knaben wieder, und ich muß ihn zu kennen, das sie als ganz unbekannt, vor allem als ihm sofort verlieren. Nie werde ich ihn sehen. Da! sehen Sie, Meine gute Karoline, schon lange weiß ich's.Gott, es ist dieselbe Geschichte wie mit der Universelle." nie habe ich Glück, nein, aber auch gar fein Glück! O, mein Anonyme Briefe schändlicher Neider Ich habe Dir nie etwas davon gesagt, Du bist ja frei, wir haben nicht mehr die gleichen Ansichten... Ich weiß dennoch, Du bist die beste Frau von der Welt. Geh zu ihm hin!"
Und er hatte sein fröhliches Lächeln wiedergefunden. Er nahm das Rosensträußchen herunter, welches er bereits hinter das Kruzifir gesteckt hatte, gab es ihr wieder in die Hand und fügte hinzu:
Das bringst Du ihm und sagst, daß ich ihm auch nicht
böse bin."
Mächtig erschüttert von dieser so rührenden Gutmütigkeit ihres Bruders und von der unsäglichen Scham, zu welcher eine wohlthuende Erleichterung sich gesellte, sträubte sich Frau Karoline nicht länger. Zudem drängte sich ihr seit dem Vormittag ein Besuch bei Saccard als Notwendigkeit auf. Da schon lange ihr Name auf dem Verzeichnis der Leute stand, die er zu sprechen wünschte, brauchte sie nur sich zu nennen, und ein Gefängniswärter führte sie sofort zur Zelle des Untersuchungsgefangenen.
Bei ihrem Eintritt wandte Saccard gerade der Thüre den Rücken zu. Er saß vor einem Tischchen und bedeckte einen Bogen Papier mit Zahlen. Er erhob sich lebhaft und stieß einen lauten Freudenruf aus. ,, Sind Sie's? fühle ich mich beglückt!"
"
D, wie gütig von Ihnen! D, wie
Er nahm eine ihrer Hände zwischen die seinigen; sie lächelte verlegen in ihrer Erregtheit und suchte vergeblich nach dem erlösenden Wort. Hierauf legte sie mit ihrer frei gebliebenen Hand das Zweisoussträußchen auf die mit Zahlen reihen bedeckten Bogen, die auf dem Tisch sich aufstapelten. Sie sind ein Engel," murmelte er entzückt, indem er ihre Fingerspigen füßte.
Endlich fand sie Worte. Wahrhaftig, alles war zu Ende; in meinem Herzen hatte ich Sie verdammt, aber mein Bruder verlangt, daß ich zu Ihnen komme...
"
Nein, nein, fagen Sie das nicht! Sagen Sie vielmehr, daß Sie gar zu flug und gütig sind, daß Sie alles begriffen haben und mir verzeihen..."
Mit einem Winke unterbrach sie ihn.
" Ich beschwöre Sie, verlangen Sie nicht so viel von mir. Ich bin mir selbst nicht recht klar... Genügt Ihnen
Er hatte sich wieder vor den Tisch gesetzt, und Frau Staroline nahm ihm gegenüber Platz. Schon irrten seine Sände unter den Papieren umber, jenem seit Monaten vorvom Prozeß zu erzählen und seine Verteidigungsmittel ausbereiteten umfangreichen Faszifel. Er begann die Geschichte einanderzusetzen, als hätte er das Bedürfnis empfunden, ihr gegenüber seine Unschuld darzulegen.
fortwährende Steigerung des Aktienkapitals, um die Kurse Die Anklageschrift warf ihm folgende Punkte vor: die in fieberhaften Gang zu bringen und den Leuten glaubhaft zu machen, daß die Gesellschaft den vollen Betrag der Stapitalien besaß; das Fingieren von Zeichnungen und nicht geleisteten Einzahlungen vermittelst des Contos Sabatani und der in den Büchern stehenden sonstigen Strohmänner; die Verteilung von Schwindeldividenden in Gestalt jener Volleinzahlung der Stammaktien; schließlich das Ankaufen der eignen Werte durch die Gesellschaft, jene zügellose Spekulation, welche die ungewöhnliche und fünstliche Hausse erzeugt hatte, an welcher die Universelle schließlich erschöpft zu Grunde gegangen war.
Darauf erwiderte er mit ausführlichen und leidenschaftlichen Rechtfertigungen; er habe nur gethan, was der Leiter jeder Bank thut, aber im großen Stile, da er die nötige Kraft besaß. Die Leiter der festesten Häuser von Paris hätten allesamt seine Zelle teilen sollen, wenn man nur ein bißchen logisch verfuhr. So aber nehme man ihn zum Sündenbock für die Ungejeßlichkeiten aller. Andrerseits habe die Anklage eine merkwürdige Art, die einzelnen Verantwortlichkeiten abzuwägen. Warum klage man nicht auch die Mitglieder der Verwaltung an, Leute wie Daigremont, Huret, Bohain , die außer ihren fünfzigtausend Frank Sigungsgebühren noch zehn Prozent vom Reingewinn eingestrichen hatten und an allen Jobbereien beteiligt waren? Warum ferner die völlige Straflosigkeit der gewählten Rechnungsprüfer wie Lavignière, die sich durch Vorschützen ihrer Unfähigkeit und ihres guten Glaubens heraushalfen? Augenscheinlich würde dieser Prozeß sich als die allergrößte Rechtsverlegung herausstellen; man hatte nämlich die Betrugsklage Buschs wegen un bewiesener Thatsachen fallen lassen müssen, auch waren in dem auf oberflächliche, vorläufige Prüfung der Bücher begründeten Sachverständigenbericht eine Menge Irrtümer ent deckt worden. Wozu also die amtliche Ganterklärung auf