Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 151.

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Mittwoch, den 5. August.

( Nachdruck verboten.)

Die Achenbacher.

Roman von Anton v. PerfaII. Lorenz hielt den Schneeblock, welcher ihn völlig dem Blick der jungen Leute entzog, mitten im Rollen mit dem Bergstock auf. Der Junge hielt im Laufen inne, sprachlos auf das Wunder starrend. Da hob sich der schwarze Kopf des Achenbachers über den Schneerand. Das Mädchen schrie laut auf und drückte sich ängstlich an den Jungen, welcher, wie zur Verteidigung, den Arm um ihr rotes Flanellröckchen legte.

,, Da gehst her, Flori!" rief Lorenz. Der Junge zögerte.

Wird's werd'n!" Der Bergstock wurde zornig erhoben. " hab' grad der Reel a bißl schieben g'holf'n. Das wird wohl kein Unrecht sein," erwiderte Flori, ohne seinen Platz zu verlassen.

Da stürmte schon Lorenz die Anhöhe hinauf. Der Junge erwartete ihn regungslos, während das Mädchen ihn mit ihrem Körper deckte und mit großen, ängstlichen Augen den zornigen Mann anblickte.

hab'' n g'ruf'n, Herr Bürgermeister. Mich schlag'n S', wen's net recht war, Herr Bürgermeister."

Er

Diese Ansprache brachte Lorenz vollends in Wut. riz das Mädchen von seinem Buben los und schleuderte sie in den Schnee. Sie follerte den steilen Abhang hinab.

" Hab' i Dir net hundertmal g'sagt, Du hast nir 3'thuan bei dene Leut?" brüllte er jetzt Flori an, drohend den Bergstock schwingend.

Doch dieser blickte, ohne einen Versuch zu machen, einem Schlag auszuweichen, den Abhang hinab.

Unwillkürlich wandte auch Lorenz sich.

" Ja, wo is denn jetzt hinkomma, die Dirn?" fragte er. Doch Flori flog schon hinab. Jetzt kniete er vor einem dunklen Gegenstande, neben einem verschneiten Baumstrunk. Er hob ihn auf. Alle Teufel, das Mädel! Na, heut is a Tag. Jetzt pressierte es auch ihm.

Der Baumstrunk zeigte Blutspuren. Flori rieb die Stirn Resels mit Schnee, und eben als er ankam, schlug sie die Augen auf.

Was war denn jetzt, Flori?" fragte sie erstaunt, ohne den Kopf in seinen Armen zu bewegen.

Thuat's weh, Reserl?" fragte Flori mitleidig. Sie lächelte und schüttelte leise den Kopf. Jetzt nimma." Als sie aber das Antlitz des Bauern über sich erblickte, hob sie wie abwehrend die Hand." Net wieder schlag'n Herr Bürgermeister."

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1903

" Is auch," erwiderte der Achenbacher, aber das ändert an der Sach nir. Du bist alt g'nua, daß D' weißt, wia ma stehn mit die Leut, und a bißl an Stolz muaß ma in Deine Jahr schon hab'n."

Er schritt seinem Hofe zu, dessen breites Dach sich hinter dem Hügel erhob. Flori folgte seiner Spur.

unserm Stolz." Wenn's jetzt tot g'wef'n wär, nacha war's aus mit

Der Vater wandte sich um und warf seinem Sohn einen bösen Blick zu: Schwätz net so dumm!"

,, Was g'schehet ein'm jetzt da?" fragte der Junge un­bekümmert fort. Säm' ma ins Zuchthaus?"

"

"

War no schöner!" meinte Borenz. A Unglücksfall war's halt, do mein Lebtag koan Mord. Dös hoaßt Herr­gott, fragt der Bua dumm."

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Sie hatten den Hof erreicht. Ein derber, wollhaariger Hund erdrosselte sich fast an der Kette vor Freudensprüngen. Ein Schwarm Spazzen erhob sich lärmend vom rauchenden. frischen Dung.

Lorenz klopfte mit dem Bergstock die Stiefel ab vor der Hausthür, ebenso den Wettermantel, dann trat er ein. Ehe er die Thürklinke zur Linken drückte, atmete er schwer auf.

Vor dem Ofentisch saß eine stattliche Frau strickend. hr rotblondes Haar war in einem dicken Zopf um den Kopf gelegt. Im grellen Schneelichte, das zum Fenster hinter ihr hereinflutete, flimmerten die wirren losgelösten Härchen wie lauteres Gold, die blau karrierte Jacke ließ einen blüh weißen, auffallend jugendlichen Nacken und zwei tadellos ge­formte Arme frei, während sie in ihrem knappen altmodischen Schnitte den kräftigen Körperbau zur vollen Geltung brachte. Die Achenbacherin!

Auf der Ofenbank qualmte der Großvater, die Ellbogen auf den Schenkel geftügt, aus einer Holzpfeife.

Kein Wort fiel. Die Stricknadeln klapperten ohne Unterlaß weiter, nur die grauen Augen der Frau ruhten

forschend auf Lorenz, welcher den Wettermantel auszog und auf die Stange vor dem Ofen hängte. Lorenz machte sich länger als nötig zu schaffen, plötzlich wandte er sich.

Warum red'st denn gar nir?" fragte er mit mühsam unterdrückter Erregung.

Bäuerin.

die

mein' alleweil, an Dir wär's, z'red'n," erwiderte die

,, Natürli, weil i Euch was Neu's sag'."

Das Geklapper der Stricknadeln hörte auf. Das Alte wär, daß Di wieder g'wählt hab'n," sagte Bäuerin regungslos.

Das wär das Alte, ganz richti," brummte der Vater auf der Ofenbank.

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,, Das meint er a, der Lorenz gelt, Lorenz?" Oder was der Lehner is?"

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Lorenz schlug sich mit der flachen Hand auf die Schenkel und lachte grell auf. No, was schaugst denn so dösi? Is das was Neu's für Euch?"

Der Alte starrte mit offenem Munde auf seinen Sohn. Die Bäuerin hatte das Strickzeug weggelegt und strich sich mit der Hand um den Hals, als würge sie etwas.

Lorenz schämte sich vor dem Kinde. Der Anblick packte den rauhen Mann wider Willen. Hab' Di ja gar net g'schlag'n, ausg'rutscht bist und abakugelt, grad a bißl auf g'schürft, desweg'n brauchst toan G'schrei z'mach'n 3' Haus und wenn's grad wieder auftrifft, daß Du den Flori nöti hast no dann dann ruafft' n halt." Das Gesicht Resis erhellte sich bei den letzten Worten des Achenbacher. Keine Spur von Schreck und Schmerz blieb zu zurück. Rasch sprang sie auf. O, fein Sterbenswörtl jag' i.' s is mir ja nir, Herr Bürgermeister. Gar nir." Sie trocknete mit dem Röckchen das nasse Gesichtchen und lachte über die Blutspuren. Gar nig is, grad der Schreck hat's gemacht."

"

Da rief man vom Hofe herab wiederholt ihren Namen. " D' Muatter! O, i jag' nix! Koan Sterbenswört!! Rann ja g'fall'n sein, net wahr, Herr Bürgermeister?"

Mit diesen Worten sprang sie seitwärts durch den tiefen Schnee, dem Hofe zu, doch ihre Bewegung schien unsicher, zweimal hielt sie sich an einem Obstbaume fest.

Flori und der Vater sahen ihr unverwandt nach. Ehe sie hinter dem Hügel verschwand, sah sie sich noch einmal um und schüttelte die erhobene kleine Hand." Gar nir!" Lorenz verwischte mit dem Stiefel die Blutspuren.

A brav's Mädel,' s Reserl! Das muaßt Du selb'r fag'n, Vater," meinte Flori.

Lorenz beobachtete scharf sein Weib. Sie schwieg ihm lange, und der Blick über die Tischplatte hinweg schien ihm bedenklich in die Weite zu schweifen.

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Endlich!" fuhr sie fort, samt der Kramerstochter, samt dem Rump'n von Bruadern, und i hab' ma weiter an Sauf'n einbild't auf die Bürgermeisterin und jetzt is die armselige G'sellin da drüb'n. Aber in der Ordnung is." Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Dunkle Röte stieg den weißen Hals hinauf bis unter die Haarkrone. Ganz in der Ordnung. Wenn ma so an alf's Recht net halt'n kann, g'hört's ei'm a net."

"

Lorenz schwoll die Zornader. Also i bin schuld, i? Sätt's am End mach'n soll'n, wia der andre, mein ganze Freundschaft verrat'n, bei den Seehammern betteln gehn um die Stimma? Na, liaber so den Kampf aufnehma mit dem Volk und sein saubern Bürgermeister. Das steht an Achen­bacher besser an. Aber dazua g'hört vor all'm, daß ma in fei'm eignen Haus kein Widerstand find'."

" Find'st denn?" fragte der Alte.