HlnterhallungMatt des Horwärts

Nr. 166.

Mittwoch, den 12. August.

1903

(Nachdruck verbalen.)

St

VLe)Zcdenbacker. Roman von Anton v. P e r f a l l.

Drangen erregte Stimmen herüber vom Nachbarhof, ein Umstand, der sich allerdings häufig wiederholte, machte Lenz den Bruder sofort aufmerksam. Hörst, wia s' streit'n? Jetzt glaub' i,'s is ganz z' End mit'n Einverständnis." Im übrigen war jeder Verbindungsweg der beiden Höfe dicht verschneit. Selbst vom Dorfe her führten zwei getrennte Fußpfade über die Felder. Der Zaun, welcher die beiden Anwesen schied, war sorgfältig ausgebessert, so wenig jetzt auch die Zeit war für derartige Arbeit, und die Lücke auf der Tenne, von welcher aus freie Aussicht war zu den Lchners hinüber, fand Flori eines Tages sorgfältig vernagelt. Man hatte sich auf beiden Seiten verschanzt und erwartete, jeden Ausfall vermeidend, mit gelassener Zähigkeit die Eröffnung der Feindseligkeiten. Es war der vierte Sonntag nach Dreikönig, nach un- unterbrochenem wochenlangen Schneefall, welcher jeden Ver- kehr unmöglich machte, die von der Fahrstraße entfernt Wohnenden aber völlig ins Haus bannte, der erste klare Tag. Ein zarter, rosiger Duft lag über dem Thal, so zart, daß man die letzten Sterne erbleichen sah am stahlfarbenen Firma- ment, während über die dunklen, in verschwommenen Umrissen hindurchschimmernden.Vorberge im Osten purpurne Gluten emporwallten. Sie ergossen sich ins Weite, da und dort kleine Wölkchen entzündend, bis die so prächtig Verkündete selbst in aller Glorie sich erhob, hinter der scharfen weißen Scheide des Hirschberges. Da wich mit einemmal der Dunst der Erde, und in Milliarden lichtsprühenden Funken glitzerten das Thal, der Wald, die weite Schneefläche des gefrorenen Sees, jeder Strauch, jedes Dach. Das war ein rastloses Einziehen und Ausstoßen von Lichtstrahlen, ein Ersterben und Wieder- aufleuchten, ein Lichtringen, das das Auge blendete. Und darüber hinweg schwangen sich die Grüße der Osterhofener Äirchenglocken, die zum sonntäglichen Gottesdienste luden. Heute verkündeten sie wirklich Erlösung aus ödem, end- losem Bann, und das fröhliche Farben- und Lichtspiel draußen, die rosig bekränzten Schneeberge ringsum verliehen dem Gries- gram Winter ein wahrhaft jugendliches Ansehen. In aller Frühe war der Schneepflug gegangen und hatte die Haupt- straße gesäubert; sie lag jetzt spiegelglatt zwischen den auf- getürmten Schneewällen, in festlicher Weiße, von welcher sich die grellen Farben der weiblichen Gewänder, das Ultramarin- blau der seidenen Spenzer, das Karmoisinrot der flanellencn Unterröcke kräftig abhoben. Von allen Höhen zogen sich bunte, lebendige Ketten hinab. Auch bei den Achenbachern brach man auf. Burgl stak in eitel schwarzer Seide. Der Spenzer war reich gefaltet, Blumenornamente darin gewirkt, der Rock straff in seiner Schwere. Eine silberne Schließe von alter Arbeit zierte den Hals, der Hut mit Goldgeschnür umwunden bis zur ab geflachten Spitze. Sic konnte sich gar nicht trennen von dem kleinen, schief hängenden Wandspiegel, immer gab es noch etwas zu rücken, glatt zu streichen. Lorenz stieß ungeduldig seinen Stock mit mächtiger Hirsch sprosse als Griff auf die Diele. No, wird's amal? Der Vater möcht' a mit, da geht's ohnehin langsamer." Der alte Achenbacher stand schon lange unter der Thür, von Flori gestützt. Seit einem Jahre hielt er seine Sonntags- andacht stets zu Hause ab, in der heiligen Ecke, heute ließ er sich den Frühgang nicht ausreden, eine nervöse Unruhe hatte ihn gepackt. Der Vater? Bei dem Schnee? Ja, was fallt denn dem ein?" erwiderte Burgl, den Hut feststcckend. No warum? Wenn's ihm amal so vorgeht," meinte Lorenz.Wer weiß, wie's nächsten Sonntag is. Heutzutag steht nix mehr fest"

Burgl war endlich fertig. Sie wandte sich, um zu gehen. Als sie den Alten erblickte, sah sie im stolzen Vollgefühl ihrer Kraft auf die zitternde, gebeugte Greisengestalt. Geh, mach keine G'schicht'n! Wenn Dir was passierat, gab' ma uns d' ganze Schuld." Doch der Großvater schüttelte das Haupt.Geb Dir kei' Müah net, Burgl, i geh', i muaß gehn!" Die letzten. Worte waren mit einer Entschiedenheit gesprochen, welche Burgl überraschte. Sie zuckte leichtfertig die Achsel.Es habt's Sach'n, es Achenbacher!" Man ging, voraus Lorenz, dann Burgl. Sie raffte sorgfältig die Röcke die schmale Stiege hinab, die weiß aus- genähten zierlichen Stiefelchen saßen tadellos. Ihr folgte der Großvater, von Flori geführt. Schon lange wareii� Tritte laut hinter Flori, das Knarzen und Singen des Schnees. Es konnte niemand anders sein als die Lehner. Ob wohl das Reserl dabei war? Er hatte sie seit der Krankheit nicht mehr gesehen. Umzuschauen wagte er nicht. So versuchte er aus dem Geräusch der Tritte seine Frage zu beantworten, aber das quietschte und sang heute wirr durch einander. Plötzlich glaubte er einen wärmen Hauch zu verspüren ini Nacken, und eine Stimme flüsterte:Guten Morgen, Flori!" Da tappte er schon mit dem Großvater neben hinaus in den tiefen Schnee,'s Reserl trippelte an ihm vorbei, die Augen züchtig niedergeschlagen auf das große Gebetbuch in ihren Händen. Er sah nur noch, daß ihre Backen wieder so rosig blühten wie ehedem, dann trat schon der Lehner in ihre Spur, mit einem hochmütigen Blick auf den geduldig wartenden Greis an seinem Arm. der, vom Schneelicht geblendet, das Haupt tief herabbeugte. Ihm folgte Lenz, die Hände in den Hosentaschen, die schmalen Schultern hoch hinaufgezogen, halb städtisch gekleidet. Mach, daß Du'n in d' Kirch'n bringst," rief er Flori zu...Wär' schad, wenn er heut d' Predigt versäumat." Dann folgte die Lehnerin, mit Tüchern ganz verhüllt, einen mitleidig klingenden, wimmernden Gruß auf den Lippen.' 1 Wer war denn das all's?" fragte der Alte, mühsam wieder den Steig betretend. D' Nachbarsleut," flüsterte ihm Flori ins Ohr, den Blick auf das grüne Hüt'l mit dein Ädlerflaum gerichtet� das vor ihm immer wieder auftauchte. Hat er net was g'sagt, der Lehner?" Der Lehner gar nix, grad der Lenz. Du sollst d' Predigt net versäumen. Der weiß grad was von der Predigt!" Vielleicht do! Vielleicht do! Schleun Di, Flori, schleun Di!" Dabei schleppte er sich mit einer nervösen Hast vorwärts. Die Lehner stießen jetzt auf die Achenbacherschen. Burgl drehte sich nur kurz um, dann ging sie erst recht langsam. In Osterhofen wurde zusammengeläutet. Drei Glocken klangen in lustigem Wirbel zusammen. Is bald z'guat grad für den Werktag, des schöne G'läut." begann Lenz seine für die Vorgänger bestimmten Stichelreden. Doch der Achcnbacher trüg seinen Kopf immer gleich steif im Genick. Lenz ließ nicht nach. Eigentlich so ma heut grad's Zügenglöck'l*) läut'n." Da blieb der Lorenz stehen und trat auf die Seite. Lenz fixierte ihn und die Bäuerin unverschämt beim Vorübergehen. Er hatte seinen Zweck erreicht, der Achen» bacher pustete nur so vor Zorn. r v.. ,, Schau nur, daß Dir net anmal's Zugenglock l laut n Galgenstrick!" würgte Lorenz mühsam in sich hinein. Urbans kurzer Gruß wurde nicht erwidert, nur Resls verlegener Knir bewog Lorenz zu einem rauhenGrüß Gott!" Als sie vorüber waren, that Lorenz den Hut herunter und wischte sich mit dem Sacktuch den Schweiß ab. Hast Du's g'hört?" wandte er sich dann an seine Frau. Aber gelt, mir hast Du's net glaubt, daß a Mensch so schlecht

') Sterbeglöckchen.