Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 187.
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Donnerstag, den 24. September.
( Nachdruck verboten.)
Ein gewöhnlicher fall.
Erzählung von W. Korolento.
6.
" Jezt muß ich Ihnen noch von jemand erzählen, der aber von ganz andrer, ich kann sagen, in vielfacher Beziehung bon entgegengesetzter Art war... In unsrer Stadt lebte ein gewisser Rogow, ein junger Mann, eine Waise. Sein Vater war ein Bösewicht, wie sie früher herumliefen Verfolgt von der neuen Zeit wie ein Wolf von den Jägern, war er, so zu sagen, ein verspäteter Typus. Er hat sich nicht angepaßt. Seine Art war brutal, die Zeiten waren feiner geworden. Er kannte nur die Wolfsmanier. Das duldete man aber nicht mehr. So fristete er die letzten Jahre seines Lebens unter allerhand Verfolgungen, Elend und Trunksucht. Es war eine verkommene, düstere, verbitterte Natur. Er wußte, daß neben ihm Menschen ihre Geschäfte genau so betrieben wie er und doch in allen Ehren starben... so zu sagen, in Anerkennung ihrer Redlichkeit... und er für dasselbe zerfumpt, hungrig und gehetzt ist. Und das ist, wissen Sie, ein Quell von seelischem Gift, daß es einem wahrhaftig um die Menschheit angst werden kann. Und plötzlich bekommt so ein Individuum eine Familie, eine Frau und einen Sohn.
Die Frau war so ein harmloses Wesen, verschüchtert, gehezt, vernichtet im vollsten Sinne des Wortes. Wenn es sich aber um den Sohn handelte, öffnete sich in dieser verödeten Seele eine Thür. gleichsam eine Beste, die in der von Feinden besetzten Stadt unerobert geblieben. Und daraus drang plötzlich eine ganze Streitmacht von Frauenheldenmut, daß der alte Wüterich und Trunkenbold das Feld räumen mußte. Auf diese Weise, Gott allein weiß es, was es ihr kostete, gelang es ihr, dem Sohn eine Erziehung angedeihen zu lassen. Als ich nach Tichodol als Lehrer kam, fand ich diesen jungen Mann in den obersten Gymnasialklassen. Es war ein schüchterner, bescheidener Knabe von stillem Betragen, nur in den Augen flackerte etwas Merkwürdiges, Unterdrücktes, das eine gewisse Befürchtung erregen konnte. So eine Art Glanz, ein unruhiges, inneres Feuer. Mager, ein feingeschnittenes, blasses Gesicht und ein Büschel troziger Haare über der steilen Stirn. Er lernte vorzüglich, verkehrte wenig mit den Kameraden, den Vater, glaube, ich, haßte er, die Mutter vergötterte er fast frankhaft... Jeßt... entschuldigen Sie... ich muß selbst einige Worte hinzufügen... sonst wird vieles von dem Folgenden unverständlich bleiben... Es waren damals die ersten Jahre meiner Lehrerschaft... und ich durch lebte eine besondere Stimmung. Alles war frisch in mir, meinen Beruf sah ich von einem erhabenen Standpunkt an, so zu sagen, ideal. Meine Kollegen stellte ich mir wie eine heilige Streitmacht vor... Das Gymnasium ward mir fast zum Tempel und die Jugend fühlt es doch und schätzt und sie stürzt zu diesem Feuer mit all ihren Fragen und Wünschen. Das ist auch die lebendige Seele unfres Berujes Was nützt es viel, wenn er mit einer Seele zu dir fommt, zugeknöpft wie eine Uniform? Nein, ich als Lehrer brauche ihn viel mehr mit all seinen Verirrungen... Man muß sich seiner Wünsche und Zweifel... der Wahrheit redlich annehmen. Man muß gegenseitig zu einander Vertrauen haben, dann hast du sie in der Hand. Liebe, Achtung, fast Leidenschaftliche Vergötterung und eine Verbindung für das ganze Leben, gleichviel welche Meinungsverschiedenheiten sich da später einstellen."
es
Der Erzähler schwieg einen Augenblick und fuhr dann Teise fort:„ Das hatt' ich einst einmal... das heißt, es war im Anfang... Einigen Knaben meiner Klasse, darunter auch diesem Rogow, näherte ich mich sehr Lieh ihnen meine Bücher. Sie famen zu mir herauf. Nun, dort beim Samowarchen, einfach gemütlich, verstehen Sie, lesen wir alle Mitunter schneidest du auch ein neues Journal auf. Debatten, Urteile, Diskussionen. Ich hörte zu und mischte mich in der Regel nicht ein, wie es da bei ihnen gärt, wie sie sich da verrennen, dann flärst du sie auf- be
etwas
1903
hutsam, um, wissen Sie, sie durch meine Autorität nicht zu entmutigen und auf einmal ist da ein Gedanke geboren, der schon nicht dir gehört... so kommt schon einer von ihnen an dich heran, immer näher und näher und sucht schon dich zu belehren... Krabbelt so an dir herum und mitunter ganz scharf... da siehst du, man muß sich hüten, muß besser bewaffnet sein. Man muß sich selbst etwas auffrischen.
,, Nicht lange aber ging es so bei uns. Einmal rief mich der Direktor zu sich, behufs einer vertraulichen Rücksprache. Nun, Sie wissen doch, diese Einflüsse außerhalb der Klasse" erfreuen sich keines besonderen Schutzes. Und nun gar die Journale! Der Direktor, wissen Sie, ein feinfühliger Herr, deutete das nur an und gab sich nachher den Anschein, als wüßte er selbst absolut nichts davon.. Ich wurde zuerst sehr erregt, wollte mich gar nicht fügen und berief mich auf eine höhere Auffassung meiner Pflichten... dann aber. ſehe ich, daß nichts zu machen ist. Vor allem handelte es sich nicht um mich allein. Es hatte auch auf die Knaben seine Wirkung.. Es war für mich so schner, vor allem so beschämend... Das war das Schlimmste... Was konnte ich ihnen denn sagen? Womit sich entschuldigen, wie es ihnen flar machen? Ich leistete einem Befehle, der offenbar unsinnig ist, Folge, das war alles! Das war der erste Schlag in meinem Leben, und ich merkte damals nicht, daß dieser Schlag wenn Sie wollen... ein tödlicher war...
" Ich fügte mich und hörte mit meinen Abenden auf. Nun, die Jugend aber, wissen Sie, fügt sich nicht so leicht in solchen Fällen und versteht nicht alles davon. Einmal abends fam Rogow mit einem Kameraden zu mir herein. Die Gefichter erregt, die Augen fladern und sehen, wissen Sie, so ganz sonderbar drein.. Nun, ich habe diese Art des Umganges abgelehnt ,, Nein, sagte ich, meine Herren, wir unterlassen es lieber." Ich sehe, daß beide Knaben leidenschaftlich aufflammten Dieser Rogow begann etwas zu sprechen, aber ein Krampf schnürte ihm die Kehle zu und die Augen bekamen plöglich einen bösen Ausdruck... Allein, ich wußte mich zu rechtfertigen. Ich hatte wirklich Angst um sie, besonders um Rogow und seine Mutter. Denn wären diese heimlichen Zusammenfünfte entdeckt worden, dann wäre seine ganze Laufbahn und dieser ganze Heldenmut seiner Mutter zunichte geworden. So gab ich damals nach... zum erstenmal.
„ Ich bemühte mich aber, es in den Stunden nachzuholen. Meine Abende wurden frei... und langweilig! Ich hatte mich schon an meinen jungen Kreis gewöhnt und da wurde es leer. Nun, da vertiefte ich mich in die Bücher. Ich arbeitete wie ein Stier und stellte mir dabei immer im Geiste vor: Das muß sie interessieren, das wird neu sein und das wird ihrem Verlangen entsprechen... Ich lese und wühle in den Büchern herum, sammle alles Interessante, alles, was beleben konnte, hinaus über die Wände des Schulzimmers und die Trockenheit der Lehrbücher... Und immer mit lebendigen Gedanken an meine früheren jungen Gäste Und ich glaube, mitunter fam etwas dabei heraus... Ich entsinne mich, daß manchmal die ganze Klasse zusammenrückte, verstummte und die Köpfe heiß wurden... aber auch das war vorüber... Der Direktor begann, den Stunden beizuwohnen, kam herein, setzte sich, hörte zu, schwieg Sie wissen doch selbst, wie es gemacht wird. Scheinbar nichts, aber ich und die Klasse fühlen, daß das schon feine Stunde mehr ist, sondern eben ein Verhör. Dann die Fragen: Woher ist das eigentlich? Aus welchem Lehrbuche? In welchem Maße entspricht das dem Programm? Ich will mich nicht weiter darüber auslassen... So, mit einem Worte, erlosch allmählich das Feuer... Die Klasse wurde eben eine Klasse. Die lebendigen Geister rückten in die Ferne, wie in einen Nebel
Die geistige Berührung entschwand. Censuren... Dispositionen... Aufzählung der stilistischen Schönheiten eines lebendigen Werkes... im gegebenen Werke zwölf Schönheiten... die erste Schönheit, die zweite Schönheit und so weiter... Ganz den Forderungen des Programms entsprechend... Auch so eine Art Buchführung wie bei Budnikow.
,, Wie dem auch war. Dieser junge Mann absolvierte das Gymnasium und bezog in der Residenz die Universität. So ohne weiteres allerdings gelang es ihm nicht, sich im matrikulieren zu lassen. Das war schon die Zeit der geheimen