Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 206.
15]
Kleinbürger.
Mittwoch, den 21. Oktober.
( Nachdruck verboten.)
Roman von Elisabeth Ruylenstjerna. Die jungen Mädchen in ihren Darlekarlier und Zigeuneranzügen, in ihren Kobold- und Pierrettenkostümen fühlten sich hier außerhalb der engen Grenzen, welche sonst der gute Ton vorschreibt, und ihr Lachen hatte ervas von der wilden Ausgelassenheit, die endlich ihre Fesseln sprengt.
Fräulein Alstrand und Fräulein Boy ließen Dora allein bei ihren Blumen zurück, fie gingen lieber umber und verkauften Bouquets, da wurden sie mehr beachtet. Dora hatte feine Gelegenheit gehabt, ihren Trumpf auszuspielen, sondern brannte fortgesezt von kindlicher Begierde, sich jemand mitteilen zu können. Sie sah, wie die andren Mädchen die Köpfe zusammensteckten und sich leise etwas ins Ohr flüsterten, das fie dann erröten und fichern machte; und die arme Dora fühlte sich wieder außerhalb stehen, wie geliehen zu dem Fest, wo sie keine Freundin, nicht einmal eine Bekannte hatte. Ihr Antlitz leuchtete auf, als sie die Baronin Ufsköld gewahrte.
" Sieh, da ist ja meine kleine Freundin, min, gefällt es Ihnen?" fragte sie freundlich.
" Ja, danke, beste Frau Baronin. Darf ich heute abend auf den Ball gehen?"
Dora sah nicht auf, ihr Herz klopfte heftig.
Nein, mein Kind, das wird nicht gehen. Wie wollen Sie nach Hause kommen? Marie kann ich nicht schicken, wenn ich ihrer bedürfen sollte, so wäre es ja schrecklich." Ja, aber ich kann sehr gut allein gehen; das ist gar nicht ängstlich."
"
Mitten in der Nacht, nein, mein liebes Kind." „ Ich ich möchte aber so furchtbar gern," stammelte Dora mit Thränen in den Augen, ich bin schon zum ersten Walzer engagiert."
So, jetzt war es gesagt; sie hatte sich das große, wichtige Geheimnis abgerungen, doch sobald es sich in Worte kleidete, schien es ihr plöblich, als fröche es zusammen und wurde so flein vor der Baronin feinem Lächeln einer wortlosen Kritik.
„ Ein Walzer... o, den werden Sie noch oft genug in Ihrem Leben tanzen, Dora."
Die Baronin legte ihre ganze durchtanzte Jugend in den schleppenden Ton, darauf nickte sie und ging weiter. Wenn sie einmal in die Gesellschaft kam, hatte sie viele Bekannte zu begrüßen.
Dora zog sich bis in die äußerste Ecke des Standes zurück, da stand sie und zupfte und zupfte Blätter von einem Zweig, während ihr die hellen Thränen in die Augen traten. Sie fümmerte sich nicht mehr darum, Blumen anzubieten, sie fümmerte sich um nichts mehr, sie würde ja nie eine Freude haben. Sie sah finster zu der lachenden und schwaßenden Gruppe der andren jungen Mädchen hinüber, da bemerfte sie Kandidat Becker sie wußte jett, daß er Kandidat der Philosophie war, denn das hatte sie vorhin von einigen jungen Mädchen, die sich vor ihrem Blumenstand eifrig über ihn unterhielten, gehört.
Gerade, als er vorüberschritt, sagte sie halblaut: ,, Serr Becker."
Er wandte sich um und näherte sich ihr mit fragender Miene.
„ Es ist besser. Sie engagieren eine andre Dame zu dem Walzer, denn ich komme heute abend nicht zu der Reunion." Warum nicht?"
" Ich darf nicht."
Sie sprach betrübt und seufzte dazu.
" Darf nicht... Ja, das ist schade, aber darum werden Sie doch wohl nicht weinen."
Ja, es ist so unrecht," stieß Dora heftig hervor und schleuderte dabei grausam eine unschuldige After zur Erde, es ist das einzige, erbärmliche Vergnügen, das ich während des ganzen Sommers habe, und jetzt... jest..
Aber Sie können doch wohl die Mama oder Tante oder wer es sonst ist, hübsch bitten, gnädiges Fräulein, daß sie Erbarmen mit Ihnen hat."
1903
Dora kämpfte einen Augenblick mit ihrem Stolz, doch schließlich sagte sie leise:„ Es ist weder Mama noch Tante, ich bin Gesellschafterin bei der Baronin Ufsköld."
Sie sah ihn an, gefaßt, dem veränderten, falten Ausdruck zu begegnen, welchen sie seit frühester Kindheit sich als Stempel ihres Armutsattestes auszulegen gelernt hatte, doch diesmal wartete sie vergebens.
Kandidat Beckers graue Augen richteten sich voll warmen Mitgefühls auf sie. Er schien trotz seiner Jugend oder vielleicht gerade infolge derselben zu verstehen, wie schwer solches Bekenntnis sein mußte.
,, Kann mar denn die Baronin nicht überreden?" fragte er kampfesmutig. Ich kenne sie zwar nicht, aber ist sie hier, können Sie sie mir ja zeigen, dann will ich einen Versuch wagen."
,, Sie steht dort, in jener Richtung, neben der Dame im blauen Sammetkleid, können Sie sie sehen?"
" Ja, sehr deutlich. Jetzt gehe ich hin und stelle mich vor." ,, Nein, warten Sie ein wenig, was wollen Sie sagen, Herr Becker?"
,, Daß es in ihrer Macht steht, einer kleinen, vergnügungssüchtigen jungen Dame eine frohe Ballerinnerung zu verschaffen, und daß Ihro Gnaden etwas so Einfachem, Logischem nicht zu widerstehen brauchten. Was hat die Alte für Gründe, es Ihnen abzuschlagen?"
"
Sie sagte, daß ich nicht allein nach Hause gehen kann." „ Ein ganz triftiger Grund; aber wenn Sie mich nun gütigst zu Ihrem Kavalier machen wollen, s ist die Sache abgemacht."
Kandidat Becker gelang es ohne Schwierigkeiten, die Zuſtimmung der Baronin zu erhalten; die alte Dame hatte eine kleine Schwäche für„ artige, junge Männer".
Fräulein Alstrand und Fräulein Boy fingen an, Dora mit abgünstiger Bosheit zu behandeln, weil sie schon einen Kavalier für den Ball hatte; und als dann des Abends in dem großen, stilvollen Societätssaal der erste Walzer gespielt wurde, und Dora am Arm ihres stattlichen Tänzers über den blanken Fußboden dahinschwebte, sah sie, daß viele Blicke ihnen folgten. Sie reckte selbstbewußt ihre schlanke Gestalt, ließ den Kopf mit einem unsicheren Versuch weiblicher Soketterie an des Kandidaten Schulter sinken und wünschte, glühend vor findlichem Stolz, daß die Ihren zu Hause ihre kleine Dora, die wie ein Laufmädchen umherlaufen und Besorgungen machen mußte, hier gesehen hätten, wie sie in ihrem zarten, rosa Wollkleide und mit vierknöpfigen Handschuhen an den nicht tadellos weißen Händen tanzte.
Sie war während des ganzen Abends wie ein strahlender Maisonnenschein, wurde von ihrem Kandidaten vorgestellt und erhielt von rechts und links Aufforderungen zum Lanze. Im Blumenwalzer bekam sie viele Bouquets und befestigte alle gewissenhaft mit Stecknadeln, äußerst besorgt, einen ihrer Schäße verlieren zu können.-
Nach diesem Abend fing Dora an, ein Tagebuch zu schreiben; sie hatte erst daran gedacht, all diesen Gärstoff, welcher in ihr arbeitete, in einen Brief an Marie Luise auszuschütten, fand dann aber, daß es so spannend sei, ein Geheimnis zu haben. Sie verwahrte die halbvertrockneten Ballbouquets in einer Pappschachtel und schrieb auf den Deckel:„ Erinnerungen meines ersten Balles". Beides, dies und die erste Tagebuchseite, waren am Morgen vor dem Frühstück erledigt; sie hatte sich auch so fein angezogen, wie ihre einfache Garderobe es mur erlaubte, denn vielleicht, nein, wahrscheinlich würde sie den Kandidaten treffen. Er hatte ja gesagt, daß er sich freuen würde, wenn sie sich einmal begegneten, und er wußte, wo sie wohnte.
Es war ein langer, schläfrig einförmiger Vormittag trotz aller hellen Rückerinnerungen an den gestrigen Tag. Dora saß auf einem Gartenstuhl der Baronin gegenüber und kämpfte tapfer, das Interesse für Phyllis Schicksal wach zu erhalten, doch das Buch wurde zu Blei in ihren Händen, während fie an alle die jungen Mädchen und Herren dachte, die heute wieder zusammen sein und sich amüsieren würden. Sie war gewiß sehr dankbar für gestern, aber gestern konnte doch nicht zu heute werden. Das einzige, was sie tröstete, war, daß sie am Abend ihr armes Ich in das Tagebuch sehen und mit ihren glühenden Gedanken umrahmen würde.
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