Unterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 208.

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Kleinbürger.

Freitag, den 23. Oktober.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Elisabeth Kuylenstjerna. Gustav Lejer fab sie mit dem mitleidigen, unbewußt über­legenen Blick, den er so oft für seine Frau gehabt hatte, an und erwiderte nichts. Sie verstand nichts von der rastlosen, nagenden Arbeit, welche an der Seele zehrt, langsam wie ein Wurm, der sich in eine Frucht hineinarbeitet; sie verstand nicht, daß dies weiße Papier ihren Mann zehnmal schwerere Gedanken kostete, als wenn die Feder blitzschnell darüber hin­geflogen wäre und Zeile für Zeile mit den Worten gefüllt hätte, die sich nun als eine wirre Masse in seinem schmerzenden Gehirn drängten.

Marie Luise saß wie gewöhnlich still und schweigiam bei ihrer Arbeit, während Dora rastlos nach Stellen suchte. Sie demütigte sich lieber, als daß sie sich mit der Näharbeit quälte, und stolz wie sie war, empfand sie es als Demütigung, auf Annoncen zu antworten, sich in Comptoiren anzubieten" oder sich in fremde Familien, wo es Kinder zu unterrichten gab, zu drängen.

Man hatte daran gedacht, diesen Herbst umzuziehen, aber die alten Möbel waren so verbraucht und schäbig, daß man sich schämte und es fast für unmöglich hielt, sie fremden Augen preiszugeben. Außerdem währte es ja nur noch ein Jahr, bis Günther nach Hause kam, und dann war es wohl das flügste, die Wohnung zu behalten, wenn sie ihnen augenblick lich auch merkwürdig groß vorkam.

"

Nun, wie ist es Dir heute ergangen, Dora, hast Du Erfolg mit Deinen Bemühungen gehabt?" fragte Marie Luise freundlich, als Dora von einem ihrer Versuchsgänge heimkam.

,, Natürlich besetzt."

Dora nahm rasch Hut und Mantel ab und schleuderte beides auf den nächsten Stuhl.

" Hänge Dein Zeug doch gleich ordentlich auf dem Vor­play auf," sagte Marie Luise ruhig, Du weißt, daß Mutter sonst böse wird. Wenn Du wieder hereinkommst, will ich Dir etwas Nettes erzählen."

,, sage es erst, bitte! Ist es wirklich etwas Nettes? Nein, Du hast mich nur zum besten."

,, Nein, gewiß nicht, liebes Kind. Eile Dich nur!" Wie ein Wirbelwind war Dora hinaus und wieder herein, mit dem Knie auf einem Stuhl und mit dem Ellbogen über die Lehne.

Nun, Ri Lu?"

Nils kann Dir vielleicht eine Stelle bei einem Bekannten seines Vaters verschaffen."

,, Vielleicht! Was ist der?" Großhändler. Du solltest so lange eine Volontärstelle bekommen. Es ist kein großes Comptoir, nur zwei Buch­halterinnen, das eine der jungen Mädchen hat nun eine andre Stellung bekommen, so daß ein Play frei wird."

Wann meinte Nils, daß es sich entscheiden könnte?" " In acht, vierzehn Tagen. Du müßtest natürlich zu dem Herrn gehen und mit ihm sprechen."

,,, wie himmlisch das wäre! Fünfzig Kronen im Monat, wenn man zu brauchen ist, das ist doch etwas andres als sich hier mit Nähen abquälen. Arme Ni Au, wußte Nils nichts für sich selbst?"

" Nein."

"

1903

,, Du kannst ja nicht dafür," sagte Marie Luise und neigte ihr bekümmertes, bleiches Antlitz über die Arbeit. Sie fing an, alt auszusehen, trotzdem sie blond war; die Sorge zieht nadelfeine Linien, vereinzelt sieht man sie nicht, doch wenn sie von Tag zu Tag zahlreicher werden, bilden sie endlich das Netzwerk, hinter dem das Alter steht.

Am Abend hatte Marie Luise etwas bei Hedwins zu fragen. Obwohl sie sich hier jetzt heimischer als vordem hätte fühlen müssen, da sie ja so gut wie zur Familie gehörte, geschah gerade das Gegenteil; fie merkte, daß sie nicht so willkommen war, daß sie störte und als Eindringling betrachtet wurde. Karin kam und öffnete.

,, Nein, sieh da, Marie Luise, bist Du noch so spät aus? Tritt ein!"

Karins Augen blitzten unfreundlich unter dem Pincenez, und das farblose Gesicht nahm einen fühlen Ausdruck an. " Danke," sagte Marie Luise, ich wollte Dich nur bitten, mir das Muster zu Deinen Nachthemden zu leihen, die saßen so gut." " Ja, das kannst Du natürlich bekommen. Willst Du nicht ablegen?"

,, Danke, einen Augenblick, ist Nils zu Hause?" Ja. Das wußtest Du wohl."

Nein," sagte Marie Luise fast demütig; sie fühlte sich den scharfen Reden der Schwägerinnen gegenüber immer wehrlos.

Die beiden Mädchen schritten durch das kleine, dunkle Eßzimmer in das große, gemütliche Arbeitszimmer, das zu­gleich als Wohnraum diente.

Die Lampe mit ihrem großen Schirm aus hellgelbem, gefaltetem Seidenpapier war auf dem runden Tisch vor dem Sofa, auf dem Frau Hedwin saß, angezündet. Neben ihr lag ein ganzer Berg Strümpfe, die gestopft werden mußten. Laura faß in einem der altmodischen Lehnstühle mit einer fleinen Häkelarbeit in der Hand, ihr gegenüber saß Nils, die Beine von sich gestreckt, zufrieden, ein wenig rot, vielleicht von der Wärme im Zimmer, vielleicht auch von dem Glas dampfenden Eiergrogs, das vor ihm auf dem Tische stand. Er half unverkennbar Karin Schreibhefte korrigieren, ein ganzer Stapel blauer Bücher lag neben ihrem Plaze. Sie hatte etwas heftig ihren Stuhl vom Tisch abgeschoben, als sie hinausging, um zu öffnen, wie jemand, der sich unangenehm überrascht von einem scharfen Wigton in einer voll harmoni­schen Melodie findet.

Und der arme Mißton, Marie Luise, erfaßte mit pein­licher Klarheit ihre Stellung. Ani meisten quälte es sie, wie Nils so langsam und müde aufstand, und wie sich der gut­mütige Ausdruck in seinem Gesicht einen Augenblick in einen gespannt unruhigen verwandelte. O, sie wußte so wohl, was das bedeutete: er fürchtete das Mißfallen der Seinen.

,, Guten Abend, liebe Mutter," sagte Marie Luise mit eigentümlich verschleierter Stimme, verzeih, daß ich so spät komme, aber ich wollte mir ein Muster von Karin leihen, ich gehe gleich wieder."

O, Du hast es doch wohl nicht so eilig, liebes Sind," fagte Frau Hedwin mit ihrer sanften Stimme, meine Strümpfe sollen Dir Platz machen, damit Du hier im Sofa fizzen kannst."

" Ja, und hier ist auch Play," sagte Laura, die sich er­hoben hatte. Du kannst Dich mit uns auch wohl ein wenig unterhalten."

Nils hatte seine Braut hastig aber innig in die Arme geschlossen, und als sie seinen Arm treu um sich geschlungen fühlte, wurde sie wieder zuversichtlich; fie fonnte es nicht Lassen, ihm liebkosend mit der Hand übers Haar zu streichen

" Ich finde, daß Laura und Karin in letzter Zeit so und ihre Wange an seine zu schmiegen. Er mußte sie erst sonderbar geworden sind, ist Dir das nicht aufgefallen?"

Ich weiß nicht, was Du damit meinst."

Nun, sie sprechen immer davon, wie nett Nils früher gewesen wäre, und daß die Brüder nie heranwachsen müßten, denn dann entfremdeten sie sich ihrer Familie. Und neulich, als ich ihnen einen Gruß von Günther bestellte, gratulierte Karin mir, daß ich keinen verlobten Bruder hätte. Doch, Marie Luise, verzeih mir, jetzt habe ich sicher eine Dummheit begangen und Dich verstimmt gemacht O, das wollte ich doch ganz gewiß nicht! Liebe, gute Ni Lu, sei mir nicht böse!"

..

mit seiner Stimme in die Wirklichkeit zurückrufen, nachdem die Mutter schon ein paarmal gefragt hatte, wie es den Ihren daheim ginge.

Marie Luise beantwortete min diese Frage und setzte sich dann in die Sofaecke, so nahe wie möglich an Nils Stuhl heran, indem sie ihre kleine, magere Hand auf sein Knie legte.

Es ist wohl das beste, wenn ich meine Bücher zusammen­pace, denn jetzt hat Nils ja doch keine Zeit, mir zu helfen," sagte Starin mit einem Lachen, das natürlich klingen sollte,