Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 215, qu
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Kleinbürger.
Dienstag, den 3. November.
( Nachdruck verboten.)
sport 1903
suchung, daher fam es auch vielleicht, daß ihr Blick niemals hell und fröhlich wurde.
Nein," sagte sie, ich bin frei. Ich verspreche niemals Tänze im voraus, denn ich weiß nicht, ob ich das Tanzen so lange aushalten kann. Man muß viel physische Kraft haben, um einen Ballabend durchzuhalten."
Günther setzte sich auf einen freien Stuhl neben sie. „ Das möchte ich nicht gerade behaupten," sagte er,„ ich glaube vielmehr, das überreizte Nerven oft eine große Rolle dabei spielen. Die jungen Damen bieten ihre ganze Willenskraft auf, um ja keinen der kostbaren Tänze zu verlieren."
„ Es setzt mich zuweilen in Erstaunen," erwiderte Aïna, daß unsre Damen nicht weiter in der Entwicklung gekommen find, als daß sie sieben, acht Jahre hindurch es als des Winters größtes Ereignis ansehen, Bälle zu besuchen."
Roman von Elisabeth Kuhlenstjerna. Günther kam aus seinem Zimmer, und Starins Augen leuchteten auf beim Anblick des stattlichen jungen Mannes, der steif und unnahbar freilich, aber doch so vollendet elegant in Haltung und Auftreten war. Die zwei Jahre auf dem Schonenschen Gute hatten Günthers herbem Wesen die Politur gegeben, welche eine Folge der Gewohnheit, sich in vornehmer Gesellschaft zu bewegen, ist. Klug und von schneller Auffassung hatte er bald alles Linkische in seinem Wesen abgelegt, denn sein Stolz litt nicht, daß man sich über ihn lustig machte; ,, Die meisten, denke ich mir, thun es wohl aus Geso wurde er bald trotz seiner Jugend ein gern gesehener Gewohnheit. Glauben gnädiges Fräulein nicht auch, daß es sellschafter. manchmal schwer sein muß, die Zeit tot zu schlagen, wenn man Als die beiden Geschwister in den prächtig erleuchteten nicht durch die Arbeit dazu gezwungen wird?" Salon der Herrschaften Gadde traten sie hatten während des Winters Wohnung in Stockholm genommen noch nicht viele Gäste dort. Obgleich Ebba mit einem Beamten in etwas vor- Jahre alt, aber sie ist bitter, und das kann ja als eine geschrittenen Jahren verlobt war, eine sehr passende Partie übrigens, da beide reich waren, legte sie doch gleich Beschlag auf Dora. Sie hatte so viele Vorschläge zu machen, und es hatte nichts zu sagen, daß ihr Karl an den Besprechungen teilnahm, vor ihm brauchte Dora sich nicht zu genieren, erflärte sie ziemlich zweideutig, doch der Zusatz: er ist so furchtbar gut" rettete die Meinung.
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„ Sie reden, als ob Sie eine lange Lebenserfahrung waren hinter sich hätten, Herr Lejer."
Fräulein Aïna, Ebbas ältere Schwester, war ein kleines, blasses Wesen mit traurigen Augen, die sogar, wenn sie lächelte, von Thränen zu glänzen schienen, einem Mund mit weichen, empfindsamen Linien, unregelmäßigen, etwas starren Zügen, herportretender, breiter Stirn, aus der das furzgeschnittene, glatte Haar zurüdgefämmt war. Ihre dünne, Hagere Figur zog nur durch eine Ungleichmäßigkeit in der rechten Hüfte, welche sie etwas zu hinken veranlaßte, die Aufmerksamkeit auf sich. Sie war nicht wie die andren jungen Mädchen hell gekleidet, an der Farbenzusammenstellung ihres Anzuges jedoch erkannte man den sicheren Blick der Künstlerin. Sie hatte sich einen guten Namen unter den Kunstjüngern und Jüngerinnen erworben, und diese hielten große Stücke auf ihre häßliche, kleine Kollegin.
Reich wie sie war, hatte sie ihr eignes Atelier, und dort hatte sie alle die kostbaren Stunstschäße, die sie von ihren vielen Reisen mit nach Hause gebracht, aufgestellt. Selbst beschäftigte sie sich am liebsten mit Genremalerei, doch seit einiger Zeit fam es häufig vor, daß der Pinsel unthätig in der schlaff herabhängenden Hand ruhte, und daß keine einzige Farbenmischung das graue Einerlei der Leinwand unterbrach.
Es giebt Bilder, die nie in andrer Form als der des Gedankens auftreten, und doch mehr Leben und Schöpfungsstoff haben, als manche berühmten Bilder, die der Nachwelt überliefert werden.
Aina näherte sich niemand, doch viele, besonders die Mauerblümchen unter den Damen, suchten ihre Gesellschaft. Sie unterhielt sich konventionell artig mit allen, ihr Blick aber suchte verstohlen Günther Lejer. Er hatte schon während des furzen Zusammenseins im Sommer einen unauslöschlichen Eindruck auf sie gemacht. Was sie so zu ihm hinzog, war, daß er trotz ihres Reichtums ihr so unerreichbar schien. Sein Aeußeres bezauberte ihren Schönheitssinn, keine disharmonische Linie in seiner ganzen Figur, und sein Wesen frei von der gezierten Art der andren jungen Herren.
Schon zur ersten Française kam er und forderte sie auf. „ Sind gnädiges Fräulein engagiert?" fragte er in ruhigem Tone. Weder in seiner Stimme noch in seinem Gefichtsausdruck lag etwas von diesem vagen Interesse, das möglicherweise einen zündbaren Funken in sich trägt. Er erfüllte einfach eine gewohnheitsmäßige, schuldige Höflichkeit, und in Rücksicht auf ihr Gebrechen wählte er einen weniger ermüdenden Tanz. Dies alles durchschaute die scharfsichtige Aina und fühlte sich dadurch verlegt. Sie unterzog oft, was andre Vergnügen nannten, einer mikroskopischen Unter
,, Lang ist sie nicht, denn ich bin erst dreiundzwanzig Multiplikation des Zeitbegriffes angesehen werden." Er rückte den Stuhl etwas bequemer und verfolgte offenbar einen neuen Gedankengang, als er lächelnd äußerte: Eine weiß ich doch, die sich heute abend recht nach Herzenslust amüsiert, und das ist meine kleine Schwester Dora. Sie zeigte mir eben glückstrahlend, daß sie ihre ganze Tanzkarte besetzt hätte. ,, Das kann ich mir denken. Sie ist sehr hübsch."
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" Ja, das finde ich auch," stimmte Günther mit warmem Nachdruck in der klaren, tiefen Stimme bei, es liegt etwas Bezauberndes, Unwiderstehliches über ihr. Sie gehört zu jenen Menschen, die das Leben als Spiel betrachten, wie ernst es sich ihnen auch zeigt."
,, Solche Frauen mögen die Männer gern," versetzte Aïna, sie werfen Sonnenschein auf ihren Weg und mehr verlangen die besten Ihres Geschlechts nicht. Sie haben vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Herr Lejer, sonst hätten Sie sicher bemerkt, daß eine Frau sich immer anstrengen muß, wenn sie den Mann erreichen will. Sie steht im grünen Thal und schleudert wild und verzweifelt eine Flut von Blumen nach ihm, die er dann zärtlich mit auf seinen Lebensweg nimmt, nie ist sie es, die ernst und in den grauen Nebel der Gedanken gehüllt, auf dem Berge steht und verlangt, daß er ihretwegen den Bergstieg machen soll."
Ich habe hierüber selten nachgedacht, das gebe ich zu," sagte Günther und reichte ihr den Arm, denn die Musik fette jetzt gerade ein, ich habe keine eignen Ansichten über die Sache." Haben Sie sich niemals eine Art Ideal gebildet?" Weibliches meinen Sie?"
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" Ja."
,, Nein, das habe ich wirklich nicht gethan. Wenn ich mir etwas in dieser Beziehung für die Zukunft wünschen könnte, so wäre es, daß Dora und ich zusammen alt werden möchten.
Auf einer Provinzialarztstelle auf dem Lande," fiel fie sarkastisch ein.
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Nein," erwiderte er herbe, ich hoffe, daß mein Interesse für die Wissenschaft mich an einen andren Platz stellen wird. Als sie nach einer Quadrillentour wieder zusammenfamen, fagte fie:
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Sie sind ehrgeizig, Herr Lejer."
" Ja, das bin ich, wenn Sie es so nennen wollen, gnädiges Fräulein. Ich habe wenigstens Angst davor, einer dieser Dugendstümper zu werden, für welche das ganze Leben ein Fehlschritt ist.
Das brauchen Sie wohl nicht zu fürchten," versetzte sie leise, indem sie graziös den Kopf neigte; man war bis zur vierten Tour gekommen und sollte die Damen wechseln.
Aïna tanzte den Abend nicht mehr; sie war so merkwürdig müde nach ihrer einen Française und saß nun still in einer Ecke, den großen Fächer aus echten Straußenfedern leise in