Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 220.
20]
Kleinbürger.
Dienstag, den 10. November.
( Nachdruck verboten.)
Roman von Elisabeth Kuylenstierna.
XIII.
Ebbas Hochzeit mit unzähligen nachfolgenden Festen, desgleichen das Weihnachtsfest mit seinen Abwechselungen waren vorüber, und die Tage gingen wieder ihren gewohnten Schneckengang mit ihren sich stets wiederholenden Beschäftigungen.
Frau Lejer hatte den ganzen Januar hindurch gekränkelt und schien sich nur langsam zu erholen. Die Kinder überredeten sie deshalb, wenigstens diesen Frühling noch nicht an eine Reise nach Amerika zu denken. Ein Jahr könnte sie ja noch in Schweden bleiben.
Frau Lejer gab den Vorstellungen der Kinder nach, doch in dem Brief, den sie an Sven schrieb, bestimmte sie, daß sie nächstes Jahr bei ihm sein wolle.
Günther, der seine Studien in Stockholm zu Ende führen sollte, hatte in Kungsholm eine Wohnung von zwei Zimmern gemietet. Diese war äußerst einfach möbliert, als er sie bezog, doch sobald Aina famt, um sie sich anzusehen, bat sie gleich darum, einige Veränderungen vornehmen zu dürfen.
Du mußt mich Dein Heim verschönern lassen," sagte sie schmeichelnd, es läßt sich wirklich nicht in solcher Um gebung arbeiten, ein Sofa ohne Stil, ein Schreibtisch so flovig, daß er sicher seine Herkunft auf einen Landtischler zurück leitet und fein ordentlicher Spiegel."
Nun, was macht das aus, ich habe in dürftiger eingerichteten Zimmern gearbeitet, und wohnten nicht Mutter und Dora so beschränkt, würde ich mir nicht einmal den Lurus cines eignen Zimmers gestattet haben," verfeßte Günther. „ Es ist nicht leicht, alles von andren annehmen zu müssen," fügte er bitter hinzu.
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„ Wenn Du so reden kannst, sehe ich ein, daß Du nichts von mir hälst," sagte Aïna. Sie hatte Hut und Mantel abgelegt und stand mm in dem fast zu eleganten Alltagskleide vor ihm. Günther, was hat denn all mein Geld für Zweck, wenn ich Dich nicht damit erfreuen kann. Wäre ich ein armes Mädchen gewesen, hätte ich niemals Dein werden können, jezt aber bin ich es; und mum will ich auch aus Dankbarkeit für dies Glück Dich mit meiner Liebe und meinem Gelde überschütten."
Er nahm ihr Haupt zwischen seine starken Hände und hob das bleiche Antlig empor, um es zu küssen. Ohne Leidenschaft, dankbar und freundschaftlich drückte er seine Lippen auf ihre Stirn und auf die halbgeschlossenen Augenlider.
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So thu' wie Du willst, kleine Aïna," sagte er. ,, Günther, wenn Du mich doch ein wenig um meiner selbst willen lieben könntest; jeden Augenblick, den ich von Dir getrennt bin, fürchte ich, daß irgend eine Macht Dich festhalten, und ich niemals wieder meinen Kopf an Dich schmiegen könnte. Wenn Du wüßtest, wie ich alle hübschen, jungen Mädchen beneide, die sich nicht zu ängstigen brauchen, daß sie ihr Liebstes in der Welt verlieren könnten."
Er strich ihr beruhigend über das Haar, wie er bei Dora zu thun pflegte, setzte sich dann auf das Sofa und zog sie an sich, doch langsam und mechanisch) wie jemand, der ehrenhaft eine übernommene Pflicht erfüllen will.
Ich halte viel von Dir, Alina," sagte er in überzengendem Tone.
Willst Du mir nicht etwas aus Deinem Leben
zählen?"
1903
Lebens, was vorher war, ist wie ausgelöscht, vor dem Augenblick, da ich Dich zuerst sah, giebt es feinen Tag in meiner Vergangenheit, der meiner Erinnerung teuer ist."
Günther sah sie mit einem tiefen, teilnehmenden Blick an, aber er fühlte es doch, daß sie ihm unsichtbare Lasten zu tragen gab. Es waren der Abhängigkeit Bleigewichte, die sie mit jedem ausgesprochenen Liebeswort drückend schwer an seine Hände und Füße hängte. Ihre Eifersucht würde also eine Kontrolle über alle seine Handlungen ausüben; sie würde das Unmögliche versuchen, leise Zuneigung in starke Liebe zu verwandeln.
Aina hatte ihr Atelier anders eingerichtet, sie hatte weiche, farbenprächtige Teppiche über den gebohnerten Fuß boden gelegt, hatte die Gipsmodelle von Armen und Beinen, schmierige Skizzen und derbgemalte weibliche Gestalten ent. fernt. Sie machte es zu einem Liebesnest des verfeinerten Geschmackes, zündete des Abends kleine farbige Lampen hinter den hohen Blattgruppen an, stellte Cigarrenteller aus occidiertem Silber mit ägyptischen Gigaretten bereit, zog den bequemen Lehnstuhl in beijere Beleuchtung und setzte sich selbst, wie sie wußte, daß Günther es gern hatte, mit einer Handarbeit an den runden Tisch.
Allmählich wurde es eine Gewohnheit, daß er die Abende bei ihr zubrachte. Er las ihr vor oder sie führten ernste Gespräche miteinander. Schmeicheleien und zärtliche Phrasen famen felten vor; Günther gewöhnte sich indessen mehr daran, den raffinierten Genuß des Reichtums, den er anfangs kaum zu schätzen gewußt, zu genießen.
Es entstand ein gutes, vertrauliches Verhältnis zwischen ihnen, und Ainas Schwermut verschwand schließlich. Es kam solche Zuversicht über sie, wenn sie sich die Zukunft in dieser ſtillen, friedlichen Weise fortlaufend dachte; ihr Steptizismus wurde betäubt, und sie fing an, an wirkliches Glück zu glauben. Zunveilen waren sie im Theater und aßen hinterher auswärts zu Abend. Dora begleitete sie gewöhnlich, und häufig schloffen sich dann noch ein paar junge Herren ihrem Kreise an. Es ging meist sehr nunter her, besonders war es Dora, die mit ihrem lebhaften Wesen die Gesellschaft bei heiterer Laune erhielt, und die jungen Aerzte fühlten sich sehr von Günthers hübscher Schwester angezogen.
Rydberg war Doras Lieblingsaufenthalt, da war es so fashionabel, meinte sie, man fühlte sich so innerhalb der guten Gesellschaft.
,, Sie ist fofett, die kleine Lejer," äußerte einer der Mediziner auf dem Heimweg zu seinen Kollegen.
„ Und doch so unnahbar," meinte ein andrer, vielleicht ist ihr Herz schon gegen Feuer versichert." „ Es ist eine vergnügungssüchtige Ströte, aber pikant auf alle Fälle."
Ja, sie hat ein sehr anzuerkennendes Verdienst, man wird ihrer nie überdrüssig."
Günther hatte während seiner ganzen Studienzeit für einen unverbesserlichen Philister gegolten, jetzt war er plöglich zugänglicher geworden. Halb widerwillig, halb neugierig ließ er sich in ihren Kreis ziehen, in dem er sich als der zufünftige reiche Mann immer sicherer fühlte.
Erich Hedfors, ein ewiger Student, der leichtfertig die Bücher den Staubrock auziehen" ließ, wie er es nannte, und der die Jugend aufsuchte, um sie einmal von ihrer Arbeit abzubringen", wurde Günthers Cicerone.
„ Willst Du zur Braut heute?" fragte er eines Nachmittags, als er es sich mit einer Cigarre zwischen den dicken er- Lippen auf Günthers türkischem Diwan bequem gemacht hatte, dann wird Dir heute abend später ein kleines Nachspiel gut thun, alter Junge. Wir sind in aller Gemütlichkeit ein bißchen zusammen, eh?"
Sie hatte die Hände um seinen Arm geklammert, lies; sie jetzt jedoch sinken und lehnte tief in dem harten, unbequemen Sofa zurück.
"
Das weißt Du ja alles ganz genau, Mina!"
,, Weiß ich das wirklich?"
"
,, Nein, heute abend nicht schon wieder, ich war ja gestern da," entgegnete Günther widerwillig.
" Ja, bis in die kleinsten Kleinigkeiten, möchte ich knauferig sein? Das Leben gehört der Jugend, hast Du diese glauben."
" Hast Du mir nichts verheimlicht?"
„ Nein."
Verzeih' mir, Günther, ich will nicht inquisitorisch sein; Du weißt ja, ich verlasse mich auf Dich, doch alles, alles, was Dich betrifft, interessiert mich. Du bist der Inhalt meines
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Ei was, Du eremplarischer Jüngling, warum so Weisheitsregel noch nicht fapiert, und ein kleines unschuldiges Würfelspiel, dünft mich, wirft mir erheiternd. Bald läßt Du Dich als chrbarer Familienvater mit repräsentabler Aussichten nieder und wirst grau vor lauter Tugend. Dann sollst Du auch nicht länger von Erich Hedfors belästigt werden, dem Narren und fmacher, der niemals falsch mit den Karten,