Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 241.

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Donnerstag, den 10. Dezember.

( Nachdruck verboten.)

1903

Mädchen glücklich werden. Und siehst Du, Madeleine, Deine Worte ermutigen mich, Dich zu fragen, ob Du damit ein­verstanden bist, wenn ich ihr eine Mitgift sichere. Ich glaube, sie wird, um sich entsprechend zu verheiraten, eine Mitgift von

Das Verbrechen des Hrztes. fünfzigtausend Frank brauchen."

Roman von J. H. Rosny.

Autorisierte Uebertragung von M. v. Verthof. Nein, nicht vor Ende des Monats," sagte die alte Dame gereizt. Sie haben es selbst gesagt. Die Luft, die wir hier atmen, ist nicht viel schlechter als die auf dem Lande, und was noch mehr sagen will, ich erfreue mich einer Gemütsruhe, die ein Plus von Ozon: nicht ersetzen wird! Sie haben mich au Ihre Pflege gewöhnt. Sie wissen ganz gut, daß ich fern von Ihnen wieder hypochondrisch werde, daß ich meine Abende damit zu­bringe, mich vor der Krankheit zu fürchten, wie andre vor Dieben!"

Aber Sie entfernen sich ja nur einige Meilen von Paris !" meinte Guy. Beim ersten Ruf am Telephon eile ich zu Ihnen. An mir wäre es, sich zu beklagen, qn mir, der ganz allein bleibt. Wenn Sie wüßten, wie traurig meine Mahlzeiten sind!"

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Das ist also ein Grund mehr. Ich weigere mich ent­schieden, vor der festgesetten Zeit fortzugehen. Aber warum gönnen Sie sich keine längeren Ferien?"

" Ich gönne mir sechs Wochen, das ist eine lange Zeit für cinen Arzt."

fort."

Aber am fünfzehnten Juni sind fast alle Ihre Patienten

Dann kommen andre, die nicht minder wichtigen und hervorragenden Fremden, die noch dazu dienen, mir einen Ruf zu machen. War es nicht im Sommer, wo ich den Prinzen Piassetky dagehabt habe und den König Georg August?"

Wenn Sie wenigstens viermal wöchentlich nach Aulnettes kommen wollten. Sie brauchten dann nur Ihre Sommer­besuche am Morgen etwas später zu machen, und wenn es envas besonders Wichtiges gäbe, könnte man Ihnen ja tele­phonieren."

Ach ja!" mischte sich jetzt mit einschmeichelnder Miene Madeleine ins Gespräch, es darf nicht vorkommen, daß wir Dich jemals länger als zwei Tage nicht sehen."

Er faßte die Hand seiner jungen Frau und drückte einen zärtlichen Kuß darauf. Dann sah er Madame Monteaux lächelnd an:

Sie haben mich besiegt, Mama, ich werde viermal wöchentlich nach Aulnettes kommen und Sie werden nicht vor dem ersten Juni abreisen."

Die alte Dame lachte fröhlich wie ein Stind. Es giebt doch keinen besseren Menschen als Sie!".

Nein, Sie sind die Gute!" sagte er bewegt. Es ist mir gelungen, mich ein wenig nach Ihrem Ebenbild zu ge­stalten. Ich bin nur ein rauher Mensch, ein Lebenstämpfer." Das dürfen Sie nicht in meiner Gegenwart sagen," rief ganz entzückt Madame Monteaur. Weder in meiner, noch in der von Dufrêne."

Ein kaum merkliches Rot stieg Guy ins Gesicht und er antwortete: Aber das ist doch mein eigenstes Interesse, daß ich Dufrêne gut behandle, das gebietet mir doch der elementarfte Egoismus. Werden wir jemals wieder ein Faktotum finden, dem man so unbegrenztes Vertrauen entgegenbringen kann? Da würde ich eher mir selbst mißtrauen als diesem Menschen." Das ist wahr, er ist die personifizierte Ehrlichkeit und Hochanständig, und doch würde ihn niemand so behandeln wie Sie."

Außer Ihnen selbst."

Ja, aber erst nach Ihrem Beispiel und zum Teil auch ann Ihretwillen. Und dann, ich will es gestehen, wegen seiner Tochter. Ich habe das Mädchen gern wie eine Blutsverwandte. Ihre Gegenwart thut mir wohl, sie macht mich gesund!"

Sie wird leiden, wenn sie jemals wieder herabsteigen muß. Nach meiner Meinung feid Ihr beide für ihre Zukunft verantwortlich. Ihr könnt sie nicht wieder ihrem Schicksal überlassen, Ihr müßt ihr mit allen Guren Kräften beistchen." ,, Das wird auch geschehen!" fiel Madame Montcaur leb­haft ein. Wenn es mur von mir abhängt, dann soll dieses

" Ist das alles?" rief Madeleine lachend. Dann bin ich ganz mit Dir einverstanden. Und wenn Du eines Tages Lust verspüren solltest, die Summe zu verdoppeln, so empfange im vorhinein meine sehr wertvolle Zustimmung!"

Der Kaffee war bereits in einem kleinen Salon serviert, aus dem man die Aussicht auf den Rond- Point der Champs. Monteaux frank feinen Staffee, aber sie liebte das Aroma und Elysées und das Palais des Beaux- Arts hatte. Madame den Duft der Cigarre, die Guy dazu rauchte. Für ihn waren dies die erlesensten Stunden des Tages, diejenigen, die er am schwersten einem dringenden Besuche opferte.

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Während er mit seligem Ausdruck seinen Schwarzen" genoß, und dabei seine Cigarre mit Daumen und Zeigefinger mit leichtem Drud prüfte, sagte er: Heute nachmittag habe ich nur chronische Kranke oder Rekonvalescenten zu besuchen."

Madame Monteaur seufzte. Es war ihr heißer Wunsch, daß ihr Schwiegersohn die Praris aufgebe. Konnte er nicht eine wissenschaftliche Carriere verfolgen, sich um eine Pro­fejjur bewerben, schriftstellerisch in wissenschaftlichen Zeit­schriften thätig sein? Wo lag die Notwendigkeit, ewig auf dem Quivive zu sein, beständig gestört in seinen Mahlzeiten, in seinen Vergnügen, ja selbst in seiner Nachtruhe? Was spielten die zweihundert bis dreihundert Frank, die ihm dies auf. reibende Leben täglich einbrachte, für eine Rolle?

Sie schwieg zumeist darüber, denn sie begriff, daß er nicht ausschließlich vom Vermögen seiner Frau leben wollte. Hente jedoch konnte sie sich nicht enthalten zu sagen:

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Wirklich, unsre Vorurteile sind doch zu dumm! Würden wir drei nicht viel glücklicher sein, wenn Sie Ihre Prayis auf­geben wollten?"

Langjam brachte er feine Cigarre in Zug und entgegnete: Ich glaube es nicht. Abgesehen davon, daß ich alles in allem genommen, meinen Beruf sehr gern habe, würde ich mich sehr demütigen, nicht mein tägliches Brot zu verdienen, und dieses Gefühl würde mich erdrosseln und griesgrämig machen. Es sagt mir nicht zu, ein Weichling zu sein, das würde mich direkt schlecht machen."

,, Da bleibt freilich nichts andres übrig als sich zu fügen," grollte die Schwiegermutter. Sie sind aber auch wirklich ein viel zu anständiger Mensch!"

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Was wissen Sie davon?" entgegnete er ruhig. Ich war vielleicht zum Verbrechen geboren."

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Die beiden Frauen lachten gleichzeitig und er, der sie zärtlicher Lässigkeit betrachtete, dachte:

,, Und ich bin dennoch ein Dieb!"

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An manchen Tagen machte es ihm ein eigentümliches Bergnügen, sich das vorzuhalten ein sehr kompliziertes Ver­gnügen, wobei eine nachsichtige Geringschätzung gegen sich selbst sich mit der Gewißheit vermählte, das Böse, das er au­gerichtet hatte, wieder gut gemacht zu haben, wozu noch das Bewußtsein fam, die ganze Gesellschaft zum besten zu haben, und schließlich eine Art unbestimmten Leidens, jene Art von Schmerzen, die eine gewisse Wollust erwecken.

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Sie haben unrecht, zu lachen," begann er wieder ernst. Das Glüd war mir günstig, es wurde mir also nicht schwer, für einen Ehrenmann zu gelten. Aber ich denke mir oft, daß ich unter minder günstigen Umständen leicht ein Schuft oder ein Fälscher hätte werden können. Das macht mich sehr nach. sichtig gegen Verbrecher!"

Er schlürfte behaglich seinen Staffee und lächelte dabei leicht und eigentümlich. Und es gewährte ihm eine tiefe Freude auf den Gefichtern der beiden Frauen ihr grenzen­loses Vertrauen und ihren unerschütterlichen Glauben an ihn zu lesen.

" Da," sagte er, indem er den letzten Rest seiner Cigarre weglegte, wieder eine, die in den Abgrund für immer ver­schwunden ist."

Guy drückte einen Kuß auf die Stirn der Schwieger­mutter, einen zweiten auf Madeleines Haare und ging au