Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 254.

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Mittwoch, den 30. Dezember.

( Nachdruck verboten.)

Das Verbrechen des Arztes.

Roman von J. H. Rosny..

Autorisierte Uebertragung von M. v. Berthof. ,, Also behält er alle Hoffnung für die Zukunft?" Wie kann ich das wissen?"

Guy bildete sich ein, daß Marguerite es war, die sich die

Zukunft offen zu halten wünschte.

nehmen?"

1903

ob Sie von etwas sprechen würden, das mir nie geschehen könnte. Wie soll ich eine Antwort darauf finden?"

Er biß sich auf die Lippen, wütend über sich selbst. Aber nichts war im stande, ihn von seinem Wunsch und seinem Be­streben nach einer Antwort abzubringen, die seiner Leidenschaft entsprach.

Verdrießt es Sie, daß ich Sie liebe?" fragte er. Es erschreckt mich," antwortete sie ganz leise. " Ist das alles? Tragen Sie mir deshalb nichts nach?" " Ich könnte Ihnen nie etwas nachtragen."

" 1

Ach, wie süß könnten diese Worte für mich flingen!" rief er aus.

Wie sollte es auch anders sein?" begann er wieder. In dem Augenblick, wo man ihm erlaubt, wieder anzufragen, beugte sich nieder, um sie zu befreien. Als er den zarten Stoff Margueritens Kleid blieb an einem Dorn hängen, er läßt man ihm jede Hoffnung. Stann er nicht alles vorwegbeugte Stann er nicht alles vorweg in den Händen hielt, überkam ihn eine Trunkenheit, mit leidenschaftlichem Ausdruck drückte er seine Lippen darauf. Sie verstand, doch ohne einen andren Grund darin zu finden, als daß er darüber gekränkt war. Sie fragte sanft: Lieben geglaubt... aber alles was ich vorher empfunden, ist ,, Ach, wenn Sie wüßten!" stammelte er. Ich hatte zu Diese Frage versetzte Herbeline in große Verlegenheit! schwach und farblos gegen das Gefühl, das mich jetzt beherrscht. Wenn er weniger aufgeregt gewesen wäre, hätte er dem Ge- Marguerite! Wenn das Schicksal meine Wünsche erfüllen spräch eine andre Wendung gegeben. So aber ging die Eifer wollte, ich würde ohne Bedenken alles für einen Ruß, einen wahren Liebesfuß von Ihren Lippen hingeben!" sucht mit ihm durch:

Was hätte ich denn thun sollen?"

,, Sie hätten ihm Ihren Wunsch klar machen müssen, diese Unterredung möge die letzte derartige zwischen Ihnen sein." Skonnte ich das? Die Begegnung sollte doch nur ganz furz sein; ich hatte es Ihnen ja versprochen."

Sie erreichten den Wald. Eine Allee, deren Bäume sich zu Wölbungen verbanden, öffnete sich von ihnen.

Gierig atmete Herbeline den Duft der Erde und des Laubes, und bei den ersten Schritten, den sie ins Halbdunkel machten, schien es ihm, als beträten sie einen neuen Boden, auf dem viele Dinge, die sie noch bis vor einen Augenblick ge­trennt, plöglich wie verschwunden waren. Er fragte mit fast leiser Stimme:

,, Glauben Sie, ihn lieben zu können?"

,, Nein, ich glaube es nicht."

Gestern glaubten Sie, auf diese Frage noch gar nichts

antworten zu können."

Marguerite erbebte am ganzen Störper, antwortete aber

schnell:

Schwankend blieb sie stehen, als hätte ihr jemand einen Schlag versetzt, und so leichenblaß, als hätte sie das Bewußtsein fagte mit gebrochener Stimme: verloren. Doch als er sie stützen wollte, machte sie sich los und

.Nein, nein, es ist nichts!"

Seine Liebe für sie war nicht Leidenschaft allein. Diese beiden Jahre, in denen er sie beschützt, hatten ihn mit einer Bärtlichkeit für sie erfüllt, die die legten Tage nur noch vertieft hatten. Als er sie leiden sah, wurde er von Reue erfüllt und rief: Verzeihen Sie mir, Marguerite!"

Sie lächelte ihm zu, ihre Blässe schwand und ganz ver­gnügt fagte fie:

Das ist nicht recht, wir dürfen uns nicht mehr allein treffen."

Die Einsamkeit war so vollständig, der ganze große Wald so in Schweigen versunken, daß sie meilemveit von jeder menschlichen Behausung entfernt schienen. Bei dem Gedanken, daß er sie, wenn sie dieses Dickicht verlassen, nic wieder so Diese Worte erfüllten Guy mit einer tröstlichen wie jetzt sehen würde, brach ihm das Herz und er rief mit flehender Stimme: Empfindung, er stammelte:

Ja, vor Ihren letzten Worten."

Also werden Sie ihn niemals lieben?" Niemals."

,, Um meinetwillen?"

"

Wenn ich Sie nie wieder allein sehen soll, wenn immer jemand zwischen uns stehen soll, dann will ich lieber sterben!" Das sind die hochtrabenden Worte, die man Frauen

Die Stimme des jungen Mädchens wurde etwas schwächer, gegenüber stets gebraucht. Darauf fliegen sie alle, selbst ohne aber fie zögerte feinen Augenblick zu sagen:

Um Ihretwillen, ia."

Ohne jedes Bedauern?"

Liebe, aus Furcht, aus Mitleid.

Sterben!" sagte sie mit zärtlicher Naivetät. Aber Sie sollen nicht sterben

"

Ohne jedes Bedauern!"

"

Und wenn er Ihnen gefallen hätte?"

..Selbst wenn er mir gefallen hätte."

Also geschal es mur, mir zu gehorchen?" Ja."

"

Einzig und allein deshalb?"

Um Ihnen feinen Summer zu bereiten."

Die Frende fiel vor Guy ab, wie ein Stein in den Ab­grund rollt. Es erweckte eine sonderbare Vitterfeit in ihm, daß sie ihm bloß feinen Stummer machen wollte. Dann be­gann er wieder herb:

Aus Dankbarkeit vielleicht?"

"

Und mit grausamer Ironie fügte er in Gedaufen bingu: Der Dankbarkeit der Bestohlenen dem Dieb gegenüber!" " Ja," sagte sie lebhaft, gewiß aus Dankbarkeit, aber auch aus Zuneigung."

Also aus Freundschaft, mit einem Wort?" Ja!"

Er hatte sie auf einen Weg geführt, wo sehr dichtes grünes Moos im tiefen Schatten wuchs. Sie und da steckten einige Sträucher ihre dornigen Aefte vor. Guy hieb sie mit seinem Stockt ab und bahnte ihr den Weg. Aber," fuhr er hartnädig fort. Sie würden doch nicht aus Freundschaft der Liebe entjagen?"

"

"

Ich verstehe Sie nicht," sagte sie mit klagender Stimme. Ich weiß gar nicht, was Sie mich fragen. Das ist ja, als

Verzweifelt rang sie die Hände.

Und er, seinen Vorteil

bemerkend, sagte:

Böses zufügen! Wenn

Wir werden ja niemand etwas ich nur wüßte, daß Sie mich lieben. ich würde gar nichts verlangen, als Sie hie und da in meine Arme zu schließen; das allein wäre mein höchſtes Glück."

Er hatte seine Arme vorgestreckt, zog sie sanft an sich mit flehendem Ausdruck in den Augen. Sie, unwissend wie sie war, überzeugt, daß Gun nichts Schlechtes von ihr wollen könne, fühlte ihre Straft schwinden. Ihr Busen hob sich, ibre. Augen waren trunken von Zärtlichkeit. Plöglich fühlte er ihren schönen, schlanken, warmen Störper an seiner Brust wie an jenem Morgen, an dem seine Liebe erwacht war, aber dies­mal that sie es frenvillig.

Sie lieben mich also?" fragte er trunken. Ich liebe Sie!" antwortete sie schlicht.

Da, in einer jener geistigen Visionen, die einen Augen­blick dauern und Bände füllen fönnten, ergriff ihn das Ent­setzen vor dem, was unfehlbar geschehen mußte. Er sah das furchtbare Geichid, das, weil er ein Verbrechen begangen hatte, wollte, daß das Opfer auch noch in andrer Weise dem Räuber verfalle. Er sah all die entsetzlichen Konsequenzen dieses zweiten Verbrechens, die Entehrung und das Unglück des Wesens, das er liebte, den Jammer Dufrênes, die Ver­zweiflung seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Aber wie sollte derjenige, der dem Anblick des Geldes nicht hatte