Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 9.

9]

Niobe .

Mittwoch, den 13. Januar.

( Rachorud verboten.)

Roman von Jonas Lie.

Hm, die Idee ist an und für sich ausgezeichnet, sogar brillant, wenn sie hm, hm- wenn sie Aussicht hätte Damit würde, gleichsam mit einem Schlage, der volle Schutz der Frau geseglich an das Jawort gebunden sein, das so zusagen der Freiheitsdiamant in ihrem Trauring iſt," schwang er sich auf. Sm, hm, aber-"

"

Ja, nicht wahr," triumphierte Minka und schlug Schulteiß mit dem Strohhalm, den sie in der Hand hin und her bewegte, auf die Finger, ich habe- wie nannte er es doch noch, wissen Sie, der, der entdeckte Heureka, Heureka! Die Lösung des Ganzen. Ich könnte imvendig hoch aufspringen, so fröh­lich bin ich."

Hm, hm!" Schulteiß zog bedenklich mit der vor­springenden Lippenpartie.

Weshalb setzen Sie eine solche Miene auf, Herr Schulteiz?"

Ich meinte nur Hm, hm but, um ich möchte von Herzen wünschen, daß sich das durchführen ließe, Fräulein Minka Haben Sie selber nicht so oft gesagt-" Aber leider, Sie vergessen in Ihrem argiosen Herzen den Alleinherscher, den Unterdrücker Er wird nicht so leicht ein solches Gesetz durchgehen lassen."

" Ich finde, Sie thun nichts weiter, als daß Sie sich selber widersprechen."

Bitte, lassen Sie mich Jonen meinen Standpunkt aus einandersetzen. Ich halte fest, daß die Idee brillant ist, balte unerschütterlich fest daran. Aber die Hindernisse--"

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Was für Hindernisse? Sie haben stets Hindernisse, wenn es darauf ankommt, Herr Schulteiß. Sie sind über­Haupt so einer mit Hindernissen."

-

Die Durchführung dieses Gesetzes sezt voraus ich will es Ihnen nicht verhehlen nichts Geringeres, als daß die ganze Frauenfrage im voraus zum siegreichen Ab­schluß gelangt ist.'

Ver­

Pfui, so ein spisfindiger, winkelzügiger Mensch!" rief fie aus. Schulteiß sah sie wehrlos an, als wenn er nur um zeihung flehe. Sie schlug mit dem Strohhalm gegen ihr Kleib stampfte mit dem Fuß:

und

Es ist ärgerlich, daß Sie stets etwas ausfindig machen müssen, was im Wege ist. Nun fann mein Gefet gleich wieder nicht durchgehen. Und deswegen soll nun der ganze Artikel fallen!" flagte sie verzweifelt. Ich glaube wirklich, ich fange an, alles zu bassen, was Männer heißt.

" Ja, Fräulein Minka, mit der Leidenschaft könnten Sie etwas ausrichten. Der Haß muß das Befreiungswerk treiben, bis alles schließlich von selber gehen fann mit Liebe."

Aber trotzdent, Herr Schulteis." begann sie nach einigem Bedenken, follte der Artikel aufgenommen sein, und finden Sie, daß er wirklich gut geschrieben ist, ich mache mir nichts mehr aus der Idee, wenn doch erst nach bundert Jahren etwas daraus werden kann. Aber, wenn Sie glauben, daß er Aufsehen erregen wird, dann klatschen Sie dreimal unten am Gartenthor in die Hände, als wollten Sie die Tauben locken.

.... Und dann, Herr Schulteiß, es fann heute möglicher­weise eine Antwort von Fräulein Lund kommen, ob etwas aus der großen Fußtour hierher wird, die sie unten in der Stadt geplant haben. In dem Fall kommt Fräulein Thekla Feiring gleich hierher, um für mich die Erlaubnis zu erwirken, daran teilzunehmen. Aber Vater und Mutter dürfen feine Ahnung haben, daß ich für das Zustandekommen gewirkt habe. Hören Sie, Herr Schulteiß, Sie haben heute viel zu thun." Er nickte mit dem glückseligen Lächeln dessen, dem Ver­trauen geschenkt wurde, während Minka in den Garten zurückeilte.

Die Postzeit war vorüber und Briefe und Zeitungen waren nach den vorläufigen Revisionen unten auf der Land­

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1904

straße wie gewöhnlich in zweckmäßig geläutertem Zustande auf den Tisch im Arbeitszimmer gelegt, darunter ein aus seinem Kreuzband herausschimmerndes neues gelbes Heft des Zwanzigsten Jahrhunderts", das keine Veranlassung zu einem Händeflatschen unten an der Gartenpforte gegeben hatte. Schulteiß war unruhig umhergeschwankt und gewandert, bis es ihm gelungen war, Minka die trostreiche Möglichkeit zuzuraunen, daß vielleicht in diesem Heft kein Play zur Auf­nahme des Artikels gewesen sei.

Er befand sich auf dem Wege zu seinem Zimmer, als er von Frau Bente zurückgehalten wurde, die aus der Stuben­thür fam: Wir haben einen Brief von Endre bekommen. Möchten Sie nicht einen Augenblick hereinkommen, Here Schulteiß! Aus Dresden ." -

Aus der Künstlerstadt, aus dem schönen Elbflorenz," schaltete Schulteiß verbindlich ein.

Es ist ja doch auch Kunst, Herr Schulteiẞ, tiefere Kunst, die in der Operette gepflegt wird. Endre denkt nämlich jetzt daran. Operettensänger zu werden..." Sie sah ihn forschend an.

Zweifellos, Frau Doktor, zweifellos."

Er sagt, daß die sogenannten ersten Ranges Opern den Künstler zum Brüllen zwingen, ihn zum Bruder des Markt­schreiers machen, durch diese unmenschlich großen Lokale, und daß der Sänger bei der Ausführung nur die allergröbsten Momente berücksichtigen kann.

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Wirklich, sehr treffend," rief Schulteiß aus.

" Ja, ich verstehe nur so wenig davon, da ist vieles in seinem Brief, worüber Sie mir vielleicht etwas Aufklärung geben könnten. So schreibt er zum Beispiel, daß er keinen Unterricht bei diesem berühmten Lußmann nehmen will."

So?

- Aber das war doch der Grund, weshalb

Er hat einen andren Singlehrer entdeckt, der noch nicht berühmt ist, aber scheinbar an der Spize einer Bewegung dort unten steht. Es soll eine ganz neue, viel natürlichere Methode sein. Sie behaupten, daß die alten Singlehrer die Stimmen verpfuscht und ruiniert haben"

Und daran mag etwas Wahres sein, Schulteiß, Endre ist so weid), fo weich," fügte sie mit einem Ausdruck hinzu, als wenn die Erinnerung sie überwältigte.

" Ja, die Jeytzeit fordert das Natürliche; dem Natür lichen zu Ehren wird das Banner erhoben und auf allen Ge­bieten schart man sich zusammen," demonstrierte Schulteiß. Aber das Ganze da in Dresden ist mu doch gar nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte; alle diese Freunde und dies Leben, in das er hineingeraten ist, mit Sängern und Sängerinnen ja, wir dürfen ja nicht vergessen, daß er auf die Operette Hinarbeitet. Aber trotzdem diese Fräulein und Frau Operettensängerinnen Soundso"

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Der Künstlerjinn hat vor allen Dingen das Bedürfnis, in Sunstatmosphäre zu leben, Frau Doktor. Der Fisch darf seines Elements nicht beraubt werden."

Meinen Sie das, Herr Sájulteiß?" Sic saß da, sich in ihren eignen Gedanken wiegend.

Sie wissen ja, eine Wutter macht sich viele übertriebene Sorgen. Ich hatte mir nur vorgestellt, daß er dort so ganz still leben würde, nur mit seiner Ausbildung beschäftigt, daß er sich, gleichsam absichtlich, in diesen zwei oder drei Jahren vor seiner Vergangenheit versteden würde, bis er in seiner ganzen Vollendung auftreten könne. Dies alles muß ihm doch Zeit rauben?"

Schulteiß frümmte und wand sich, um eine ehrerbietige Widerlegung zu finden.

Gestatten Sie mir, Frau Doktor, wollte man nach dem gewöhnlich Alltäglichen schließen, aber," er erhob die Stimme, das Selbstgefühl eines Stinfilers ist nicht alltäglich. Man inuß von einer inneren Unbändigkeit ausgehen. Der wilde Vogel kann sich nicht darein finden, seine ganze Lehrzeit hin­durch mit gestuzten Flügeln im Bauer zu figen. Oder auch, es ist keine Unbändigkeit vorhanden," schrie er in dialektischer Site, und dann dürfte es auch kein tein Künstler sein." Die Doktorin nahin sich gleichsam zusammen.

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Sie haben gewiß so recht, so sehr recht, Herr Schulteiß, man darf das Ungewöhnliche nicht mit gewöhnlichem Maßstab bemessen..."