Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 16.

15]

Niobe .

Freitag, den 22. Januar.

( Nachdruck verboten.)

Roman von Jonas Lie.

Minka wollte sich erheben, wurde aber daran verhindert, indem Varbergs Augen sich, über die Berechnung grübelnd, gleichsam unwillkürlich auf sie richteten. Sie starrten, in Gedanken versunken, merkwürdig scharf mit einem blaugrauen, tief aus dem Innern herausschimmernden Licht.

Und wiederholt richteten sie sich auf sie, länger und länger.

Das Notizbuch lag auf dem Tisch in einem halbhellen Sonnenstreif vom Fenster her, und die Hand mit dem Bleistift ruhe darauf; der Blick war so geistesabwesend versunken, daß sie sich ihm nicht entziehen konnte. Es war, als fäme er aus dem Innern seines Traumlebens heraus und reiche bis tief in ihr Wesen hinein.

Sie folgte feiner willenlosen Hand. Es schien, als wenn der Bleistift anfinge, Schriftzüge zu führen, zu schreiben langsam, Buchstaben auf Buchstaben, bis es eine ganze Linie wurde, deutlich, groß. Und wie mit einem Ruck wurde die Hand jetzt zurückgeführt. Eine neue Linie begann und abermals eine neue

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Es war, als wenn alles in ihr unter einem lähmenden Halbschlummer befangen sei, unmöglich, sich loszureißen. Die Buchstaben dort auf dem Tisch verschwammen in ein ander, als schaue sie durch eine halb verwirrende, vergrößernde, Brille. Es war ihr beinahe, als sähe sie eine hellgraue Nebel­Hand aus dem Sonnenstreif heraus nach dem Bleistift greifen. Ohne sich dessen bewußt zu sein, war sie bei ihm und lehnte sich über seine Schultern. Sie las: ,, Dein Wille redet mit ihrem Willen das, was Ihr selber noch nicht versteht."

Sie schaute in die wunderliche Tiefe seiner funkelnden Augen, fühlte, daß er die Arme um ihren Leib schlang und fie auf seinen Schoß hinabzog, und ehe sie daran dachte, es ihm zu wehren, preßte er einen glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie starrte ihn überrumpelt, starr, entsetzt an und unter­suchte, wie bei einem plöglich aufblinkenden Magnesiumlicht, sein Antlig und seine ganze Person, ob erwirklich wirklich der Mann war, dem sie sich hingeben wollte. Bei dem halb spielenden Lächeln, das auf ihm ruhte, stieg eine namenlose Angst in ihr auf.

Gleich einer plößlichen Banif überkam sie wieder jenes Gefühl des Entsetzens, daß sie vielleicht im Begriff sei, ihre Persönlichkeit zu verlieren, daß sie durch irgend eine Ent­scheidung, die außerhalb ihrer Macht und ihres Willens lag, mystisch gebunden werde.

Sie stieß ihn mit einem leisen Schrei von sich, sah angst­erfüllt zu der Thür hinüber, hörte aber im selben Augenblick die Mutter kommen, und setzte sich schnell, rot und erregt, über ihren Saum gebeugt, hinter den Nähtisch.

Bei ihrer Aufgeregtheit und ihrer Angst, was wohl die Mutter gemerkt haben könne, blieb ihr kaum ein Gedanke, sich über Varbergs Kaltblütigkeit zu verwundern. Kühl und ruhig wandte er sich nur halb nach Frau Baarvig um, die Augen noch in das Notizbuch versenkt und sagte dann, einen ver­Schleierten, bebenden Blick zu Minka hinüber sendend:

" Ich habe meine Zeit gut ausgenügt, Frau Doktor, habe die ganze Berechnung für eine Eisenbahnfurve nach Norden zu gefunden."

Während Frau Baarvig am Nachmittag mit dem Erdbeer­einkochen beschäftigt war, konnte sie sich der sorgenvollen Ge­danken in Bezug auf Minka nicht erwehren.

Sie war so gar zu leicht zugänglich. Das eine glühende Interesse löste das andre ab. Jetzt sah es beinahe so aus, als wenn die Schriftstellerei ganz aufgegeben sei, und der ganze Ehrgeiz nach der Richtung hin... Diese stets häufigeren Annäherungen an das Haus und die Tochter von seiten Barbergs konnten wohl zu etwas weiterem führen. Es war nun gerade nicht der Mann, wie sie ihn sich für Minta ge­dacht hatte, machte nicht den Eindrud, als wenn er in irgend einem Verhältnis ein Opfer bringen könne. Weder weich noch

1904

fügsam. Aber er war doch ein tüchtiger, energischer junger Mann. Jedenfalls ehrlich und ganz erfüllt von diesen spiritistischen Ideen. Und jemand, der sie liebte wie dieser arme, arme Schulteiß, würde Minka doch nicht finden. Der Doftor ließ lange auf sich warten. Er mußte in Praris noch weiter fortgerufen sein, und Varberg blieb bis zum Abend da, in eine spiritistische Unterhaltung mit Minka vertieft.

Schulteiß war für sie ein unruhiger Geist. Er glitt ins Zimmer hinein und wieder hinaus, hartnäckig ein anti­pathisches Schweigen Varberg gegenüber beobachtend, der ihn offenbar durchschaute und sich damit amüsierte, ihn zu reizen, indem er sich immer interessierter und wärmer an Minka wandte.

Schulteiß ließ sich niemals täuschen. Er hatte seine eignen Anzeichen, daß hier etwas in der Luft lag. Diese sonderbaren Antworten, die Minka Varberg gab. Es schien wirklich, als wenn sie einen eigenartig tief interessierten Guerillafrieg mit einander führten. Sie sandte ihm bald beleidigte, bald herausfordernde Blicke, und es war nicht mißzuverstehen ihre Hand zitterte, und sie wechselte die Farbe, als sie ihm mit scheinbar gleichgültiger Miene die Theetasse reichte.

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Schulteiß' Reizbarkeit war vom frühen Nachmittag an in fteter Zunahme begriffen. Er wollte, er würde, ganz ganz gleichgültig, ganz gelassen, als gehe ihn das Ganze gar nicht an, diesen unbedeutenden Menschen intellektuell re­duzieren, vernichten ihn vor Minkas Augen entschleiern, diesen Damen hypnotisierenden Laienprediger, der dort saß und sich vor der ganzen Familie erging über Anzeichen und Möglichkeiten in dieser mystischen Welt, und zwar so trocken, furz und handgreiflich, als spräche er von Thürpfosten und Fenstern. Aber das sollte ein Ende haben!

Gestatten Sie mir," zischte er plöglich mit einer süßlichen Miene, der die verschlingenden Augen widersprachen ,,, ich will gern glauben, daß Sie, Herr Varberg , persönlich im Besitz gewisser magnetischer und hypnotischer Kräfte sind. Die findet man ja bei vielen. Mein eigner Blick zum Beispiel." Er fab scharf und starr zu Minka hinüber-- Aber eine tiefere, wissenschaftliche erlauben Sie, daß ich es bezweifle! Ich habe ganz zufällig- hm- meine Studien über diese Materie gemacht und kann wohl sagen, daß man keineswegs der Sache im Handumdrehen auf den Grund kommt so lohnend fie für pupuläre Philosophen sein mag."

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" Ich beuge mich Ihrer gelehrten Ueberzeugung, Herr Schulteiß," nickte Varberg spöttisch, ohne sich in seinem Vor­trag unterbrechen zu lassen. Wir stehen vor den Unter­fuchungen eines weiter gehenden Kampfes um den ersten Platz, als wir ihn bisher gekannt haben," fuhr er fort. Der Starte zwingt den Schwächeren, unabhängig vom Raum, nur infolge der Willenskraft."

Minka empfand seinen Blick durch das Halbdunkel bis zu sich hinüber in den Schatten des Ofens.

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" Hihi ja," kreischte Schulteiß auf, und damit wird ein ganzer, phantastischer Geisterglaube auf die Wissenschaft der Nervenphysiologie aufgebaut!"

" Ich meine ausschließlich das, was wir auf wissen. schaftlichem Wege erfahren, Herr Schulteiß. Zeigt mir das Erperiment einen Indianer, so glaube ich, daß es ein Indianer ist, und enthüllt es mir einen Geist, so weiche ich auch vor dem Faktum nicht zurück."

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,, Gestatten Sie mir," Schulteiß verneigte sich liebens­würdig höhnisch mit seiner fiefsten, widersprechendsten Nacken­bewegung diese wissenschaftliche Erfahrungsmethode, bei der kommt es außerordentlich darauf an, wer sie handhabt. In der Hand eines Phantasten wird sie so leicht eine ganze Phantasiewelt voll von geistigen Indianern erzeugen," er lugte zu Minka hinüber, ob es wohl Eindruck auf sie mache, von Geistern mit allerlei Köpfen und Schwänzen, wie es sich ja zur Genüge gezeigt hat. Und an Anhängern fehlt es niemals Phantasie redet, wie Sie ja wissen, zu Phantasie, Herr Varberg . Es zündet wie ein Feuer, bis es ein ganzer Geisterritt wird. Wir bekommen Geisterscher und Zauberer im täglichen Leben, eine Menge Laienprediger, die für die Sache wirfen, und alle möglichen magnetischen Kapazitäten, die in Bezug auf Nervenschwäche Wunder ausrichten, und-

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