Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 36.
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Freitag, den 19. Jebruar.
( Nachdruck verboten.)
Elther Waters.
Mrs. Latch hatte noch kein Wort zu ihr gesprochen. Heute morgen, als sie in die Küche kam, schien es Esther, als sähe fich die Gestrenge mit der Miene eines Menschen um, der gern einen Grund zum Tadeln und Schelten entdecken möchte. Sie hatte mit furzen Worten Esther befohlen, sich zu beeilen und den Tisch von neuem zu decken. Die Männer und Jungen, die zuerst gefrühstückt hatten, waren die Stallbediensteten; mun mußte das Frühstück für die andre Dienerschaft bereitet werden.
Die Person im dunkelgrünen Kleide, die ihre blaurote Nase so hoch trug, war die Kammerjungfer Miß Grover. Sie richtete gelegentlich ein herablassendes Wort an Sarah Tucker, ein langes, mageres Mädchen mit dünnem, sommersprossigem Gesicht und dunkelrotem Haar. Der Haushofmeister fühlte sich heute nicht wohl und kam nicht zum Frühstück herunter. Esther mußte ihm eine Tasse Thee aufs Rimmer tragen.
Dann hatte sie Teller zu waschen, Messer und Gabeln zu pupen, und als sie damit fertig war, gab es Kohl, Kartoffeln, Zwiebeln zuzubereiten, Löpfe mit Wasser zu füllen und Feuerung herbeizuschaffen. Sie arbeitete tüchtig hintereinander weg und wartete dabei auf das Erscheinen der Mrs. Barfield, die, wie sie börte, stets um zehn Uhr in die Küche kam, um das Mittagessen zu bestellen. Es war jetzt etwas nach neun. Die Rennpferde famen eben wieder durch das Gitter zurück. Margarete rief einen kleinen, vertrockneten Mann mit gelbem Antlitz an:
„ Nun, Mr. Randal, glauben Sie, daß der„ Alte" zufrieden ist?"
John gab keine deutliche Antwort; er murmelte nur etwas und schien durch sein ganzes Benehmen andeuten zu wollen, daß er das weibliche Interesse für Wetten und Rennen verachte; und als nun noch Sarah und die Grover ihm den Korridor herab entgegeneilten, ihn festhielten und mit Fragen überschütteten, ob Silberschwanz die Probe bestanden habe, schob er sie ärgerlich beiseite und erklärte, daß er, wenn er Befiger von Rennpferden wäre, nicht einen weiblichen Dienstboten im Hause halten würde.
Rein verflucht dies Geschnatter! Seine Probe bestanden! Was zum Teufel verstehen denn diese Weiber davon?" Das weitere murmelte John in seinen hohen Hemdfragen hinein, während er nach seinem Zimmer eilte und die Thür hinter sich zudrückte.
Ist das ein ekelhafter Kleiner Kerl!" sagte Sarah, er hätte uns doch sagen können, wer gewonnen hat. Er kennt den„ Alien" doch schon so lange, daß er mit einem Blick auf sein Gesicht weiß, ob alles in Ordnung ist oder nicht."
Man kann wahrhaftig nicht mehr mit' nem Burschen abends am Parkgitter ein Wort reden," rief Margarete, ohne daß es John nicht gleich am nächsten Morgen weiß. Peggy*) haßt ihn; Ihr wißt doch, wie sie immer im Küchengarten auf und ab spaziert, um den jungen Johnson zu treffen, wenn er nach Hause kommt."
" Ich verbitt' es mir, in meiner Küche zu klatschen," rief Mrs Latch.„ Seht Ihr das Mädchen da nicht? Die kann nicht mal mit ihren Sachen durch!"
Esther wäre ganz gut mit ihrer Arbeit fertig geworden, wenn nicht der Lunch für die Herrschaft zu besorgen gewesen wäre. Miß Mary erwartete Gäste zum Tennisspiel. Es gab gebratene Hühner, Koteletts à la Soubise und Curry**); zum Dessert gab es ein Gelee und ein Blancmanger, eine Art Flammeri. Esther wußte noch nicht, wo alle Sachen standen, und es wurde somit viel Zeit unnüz verloren.
,, Rühren Sie sich nur ja nicht," rief die alte Köchin von Beit zu Zeit, da kann ich es mir ebenso gut selber suchen." Auch Mr. Randal geriet in schlechte Laune, denn sie hatte die heißen Teller nicht bereit und konnte noch nicht unter
*) Diminutiv für Margaret, Gretchen.
*) Gewürztes Fleisch mit Reis, eine in England fehr beliebte Speise.
1904
scheiden, welche für die Herrschaft waren und welche für die Küche. Doch sah sie nun schon ein, daß sie nicht heftig oder zornig werden durfte, daß die einzige Möglichkeit, sich ihre Stelle zu sichern, darin bestand, sich möglichst unbemerkt und still zu verhalten. Sie mußte eben lernen, sich zu ducken, mußte und wollte es. In dieser Stimmung und mit diesem Entschluß betrat sie das Zimmer der Dienerschaft, in dem gegessen wurde.
Es waren mur zehn oder zwölf um den Tisch versammelt, aber sie saßen so dicht beisammen, daß sie ihr viel zahlreicher erschienen, und wohl die Hälfte dieser Gesichter, die sich sämtlich ihr zuwandten, als sie sich neben Margarete Gale setzte, waren ihr unbekannt. Da waren die vier häßlichen kleinen Jungen, die sie auf den mageren Pferden gesehen hatte; aber sie ertannte sie nicht gleich wieder; und ihr fast gegenüber, neben der Kammerjungfer, saß ein kleiner Mann von etwa vierzig Jahren, mit fahlem, sandfarbenem Haar. Er hatte bedeutende Anlage zur Korpulenz, und ein rundgeschnittener fleiner Bart wuchs auf seinen bleichen Wangen. Mr. Randal saß am oberen Ende des Tisches und teilte den Pudding aus. Er nannte den kleinen Mann mit dem sandfarbenen Haar Mr. Swindles; aber Esther erfuhr nachher, daß sein eigentlicher Name Ward, und daß er der oberste Reitinecht Barfields war. Ferner entdeckte sie, daß der rothaarige kleine Junge, der von allen der„ Kleine Teufel" genannt wurde, durchaus nicht so hieß, und sie sah ihn ganz erstaunt an, als er ihr leise ins Ohr flüsterte, daß er viel drum geben würde, mal tüchtig in den Pudding dort hineinbeißen zu dürfen, doch sei derselbe so riesig nahrhaft, daß er nicht mal wagen dürfte, daran zu riechen. Als er sah, daß das junge Mädchen ihn nicht verstand, fügte er erklärend hinzu:
Sie wissen doch, daß ich mein Gewicht stets unter sechs Stein*) balten muß; aber das wird mir manchmal verteufelt schwer." Esther gefiel der nette kleine Kerl, und sie suchte ihn zu überreden, etwas von dem Pudding zu essen, wenn er ihn so gern mochte.
Aber Mr. Swindles ersuchte sie über den Tisch hinüber, solche Dinge hier zu lassen, und da sich hierdurch die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft auf den Knaben richtete, erstaunte Esther über die große Bewunderung, die man ihm zollte, und die wichtige Stellung, die er hier, trotz seiner winzigen Gestalt, einzunehmen schien, während man die größeren Jungen fast gar nicht beachtete. Ein Junge mit langer Nase, trüben Augen und schmaler Brust, der auf der andren Seite des Tisches zur Linken von Mr. Swindles saß, schien der Hanswurst der Gesellschaft zu sein; er wurde unablässig von allen genedt, und namentlich Mr. Swindles wurde nicht müde, den Jungen aufzuziehen. Jezt eben erzählte er, welches Pech der arme Jim mit dem Alten" gehabt hätte.
,, Warum nennt man ihn denn immer Mr. Leopold, wenn er eigentlich Mr. Randal heißt?" wagte Esther den„ Kleinen Teufel" zu fragen.
"
„ Nach Leopold Rothschild," antwortete der„ Kleine Teufel",„ er ist fast ebenso reich wie der. Beim City and Sub") hat er einen Haufen Geld gewonnen; schade, daß Sie nicht da waren, da hätten Sie auch was wetten können." " Ich habe die City noch nie gesehen," antwortete Esther unschuldig.
Was? Nie die„ City and Sub" gesehen? O! ich war mit dabei, hatte eine Menge Geld gesezt und drückte mich einen Moment von meinen Pferden, als ich gerade unbemerkt war. Der Zinman kriegte mich aber sogleich beim Ohr- er fam wie toll angeschossen's ist' n greulicher Kerl, der Tinman. Aber, Donnerwetter! da bekam ich es eklig vom Alten". Er war wütend auf mich."
Die Teller fämtlicher Jungen, mit Ausnahme des Kleinen Teufels", waren jetzt vollgehäuft mit Beefsteak, Kartoffeln und Gemüse, ebenso auch Esthers Teller. Mr. Leopold, Mr. Swindles, das Hausmädchen und die
*) 38 Kilogramm.
**)=
**) City and Sub= City and Suburban, der City- und Bore stadtpreis.