Anterhaltungsblatt des Vorwärts
Nr. 43.
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Dienstag, den 1. März.
1904
( Nachdruck verboten.) haftig, solch' ne Dame fände man nicht oft. Mrs. Latch sagte Esther, sie solle sich mit dem Essen sputen, und um ein Uhr waren sie alle damit fertig. Sarah und Margarete wollten nach Brighton fahren, um Einkäufe zu machen. Die Grover wollte nach Worthing gehen, um den Nachmittag bei der Frau eines Beamten der Brighton and South Coast- Eisenbahn zuzubringen. Mrs. Latch ging in ihr Zimmer hinauf, um ein Schläfchen zu machen. Es wurde einsamer und einsamer in der großen Küche; Esther nähte, die Arbeit fiel ihr aus der Hand und sie dachte nach, was sie wohl thun könnte, um sich auch ein wenig zu amüsieren.
Mit Ausnahme zweier junger Herren, die von den Damen eingeladen worden waren, war nur die Familie bei sammen. Miß Mary saß neben ihrem Vater, vorn auf dem Bock, und sah sehr schön aus in ihrem blau und weißen Kleide. Peggys schwarzes Haar sah schwärzer aus denn je, unter dem weißseidenen Sonnenschirm, mit dem sie fortwährend hin und her winkte, während sie auf dem Wagen aufrecht dastand, zu allen sprechend und rufend, bis der„ Alte" ihr ärgerlich befahl, fich hinzusetzen, da er abfahren wollte. Da ließen William und der Kutscher die Köpfe der vorderen Pferde los, liefen neben ihnen her und schwangen sich dann plötzlich auf ihre Plätze hinauf. Auch Mr. Leopolds fleines, gelbes Gesicht fah man im Vorbeifahren zwischen den Kisten, Kasten und Regenmänteln, die das Innere der Kutsche anfüllten.
D! wie schmuck sah William aus in seiner prachtvollen neuen Livree! Jeder fand das- Sarah, Margarete und Miß Grover! Wie schade, daß Sie ihn nicht gesehen haben!" Mrs. Latch gab hierauf keine Antwort, und es fiel Esther ein, wie verhaßt der alten Frau die Livree ihres Sohnes war; es that ihr leid, daß sie die Worte gesprochen hatte; denn, dachte das Mädchen, vielleicht wird sie mich nun noch weniger
leiden können als zuvor.
Mrs. Latch bewegte sich mit schnellen, kurzen Schritten in der Küche hin und her, bald öffnete sie den Backofen, bald schloß sie ihn wieder, dann blickte sie zum Fenster hinaus. Da sie die andren Dienstboten dort noch stehen sah und sicher war, von ihnen nicht gehört zu werden, sagte sie: Glauben Sie, daß er viel auf dieses Rennen gesetzt hat?" " O, Mrs. Latch, wie kann ich das wissen? Aber das Pferd wird ja ganz gewiß gewinnen." „ Ganz gewiß gewinnen! Die Worte habe ich früher auch schon gehört: die Pferde gewinnen immer ganz gewiß. Also Sie sind auch schon ganz so geworden, wie die andern hier!" und sie richtete sich steif empor.
O, ich weiß wohl, daß es unrecht ist, zu wetten, aber was kann ein armes Mädchen wie ich dagegen thun? Und hätte William mir nicht so sehr zugeredet, so hätte ich das Los neulich auch nicht genommen.
als
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Mögen Sie den William denn so gern?" „ Er ist sehr gut zu mir gewesen; sehr gut
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damals,
ich böse war; ja, ich weiß es, ich war im Anfang recht schlecht auf Sie zu sprechen; aber Sie wissen ja nicht, warum. Ich hatte damals viele Sorgen, und ich konnte nicht aber Sie sind mir deshalb doch nicht böse? Ich werde es wieder gut machen, wahrhaftig. Sie sollen bei mir kochen lernen."
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" O, Mrs. Latch, wirklich?"
" Ja, ja; als Sie neulich abends mit ihm spazieren gingen, hat er Ihnen da erzählt, ob er viel auf das Pferd gesetzt hat?"
„ Er sprach viel von dem Rennen, natürlich, das thun ja alle, aber er hat mir nicht gesagt, wieviel er gesetzt hat." ,, Natürlich nicht, das thun sie nie. Bitte, sagen Sie ihm nicht, daß ich Sie danach gefragt habe."
O nein, Mrs. Latch, ich verspreche es Ihnen." „ Es würde ja doch nichts nüßen; er würde nur böse werden, böse auf mich; ich fürchte, jetzt ist es überhaupt schon zu spät; wenn sie erst einmal damit angefangen haben, dann ist es gerade so, wie mit dem Trinken. Ich wünschte, er wäre verheiratet, dann würde er es vielleicht bleiben lassen. Verheiratet mit einer Frau, die Einfluß auf ihn hätte, mit einer starten, flugen Frau. Ich habe manchmal schon gedacht, daß Sie vielleicht so eine wären."
In diesem Augenblick betraten Sarah und die Grover plaudernd die Küche. Sie fragten Mrs. Latch, wie bald sie ihr Mittag bekommen fönnten; je eher, um so lieber wäre es ihnen, denn die Heilige" hatte ihnen erlaubt, heute auch auszugehen, und sie brauchten vor acht Uhr nicht zurück zu sein. Die Heilige" wäre eine ganz famose Herrin, sie brauchte heute feinen einzigen zur Bedienung, hätte sie gesagt, sie würde sich selbst ihr Frühstück vom Eßzimmer holen; wahr
setzte sie ihren Hut auf; sie hatte das Meer seit ihren KinderSie beschloß, an den Strand hinabzugehen. Sogleich jahren nicht mehr gesehen, aber noch konnte sie sich die Erinnerung an die mächtigen Schiffe, die in den Hafen einliefen, Schiffe, die aus dem Hafen herausglitten, während Segel auf während Segel auf Segel fiel, und an die ebenso mächtigen Segel stieg, und der Wind sich in ihnen verfing und sie vorwärts trieb, wachrufen.
Sie überschritt eine mit steifschwänzigen Löwen dekorierte Hängebrüde, die sich über den verschilften Fluß spannte. Sie ging über eine lange Strede Wiesenland und kletterte dann murrend wie ein gefangenes Raubtier. Die Sonne am den Damn hinauf; da lag das Meer vor ihr, still, leise Himmel schien mit der Glut eines Backofens herab, und unter einem halbverfallenen Badehaus guckten Seerosen hervor. Esther liebte das Meer, aber hier schien es ihr einsam und still, wie ein Gefängnis. Sie blickte an dem öden, baum- und strauchlosen Ufer entlang, an dem sich eine endlose Sette kleiner willkürlich zu William hin. Sie mußte an jenen Abend denken, Städtchen hinzog, und plötzlich flogen ihre Gedanken unan dem sie mit ihm hier spazieren gegangen war; jeder Augensie ihn kommen sah, bis zu dem Augenblick, da sie in der Stille blick stand deutlich vor ihrer Seele; von dem Moment an, da des Abends Arm in Arm vor den Stallgebäuden standen und horchten, wie Silberschwanz sich von Zeit zu Zeit bewegte. William hatte ihr erklärt, wie sie, wenn das Pferd siegte, sieben Schillinge gewonnen haben würde. Sie wußte jetzt schon, daß william sich nichts aus Sarah machte, und das Bewußtsein, daß er sie gern hatte, hatte ihrem ganzen Leben eine höhere Bedeutung und ein deutlicheres Ziel gegeben. So in ihrem Traum verfunken, saß sie dader Traum wurde undeutlicher verschwamm mehr und mehr- und entschwand endlich gänzlich, als sie in Schlaf versant.
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Als sie die Augen öffnete, sah sie über sich am Himmel ganze Herden weißer Schäfchenwolfen vorüberziehen; sie verfolgte sie mit den Augen und bemerkte, wie sie gegen Westen zu sich rosiger zu färben begannen. Nicht weit entfernt von ihr sah sie die Gestalt einer großen, melancholisch aussehenden Frau fizzen. Sie kam ihr bekannt vor. Esther stand auf und näherte sich ihr.
Guten Abend, Mrs. Randal," sagte sie und freute sich, jemand gefunden zu haben, mit dem sie reden konnte. Sch habe hier ein wenig geschlafen."
" Guten Abend, Fräulein, Sie sind aus Woodview, nicht wahr?"
" Ja, ich bin das Küchenmädchen dort; die andren find heute alle zum Rennen gefahren. Es gab heute nichts bei uns zu thun, deshalb kam ich hierher."
Zuerst antwortete Mrs. Randal gar nicht; dann sagte sie, es sei ein schöner Tag für Goodwood. Esther meinte das Gleiche, und wieder schwiegen beide. Mrs. Randals Lippen bewegten sich leise, als wollten sie etwas sagen aber sie sprach nicht und erhob sich bald darauf.
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Ich glaube, es muß bald Zeit zum Thee sein; ich muß nach Hause; wenn Sie feine Eile haben, nach Woodview zurückzukommen, fönnten Sie ja vielleicht mit mir kommen Thee trinken?"
Esther war ganz erstaunt über diese Serablassung, und die beiden Frauen schritten schweigend nebeneinander her, über die Wiesen hinweg, die zwischen dem Meeresufer und dem Flusse lagen. Ueber die lange, dünnbeinige Brüde waren Züge vorübergeraft und hatten gleichsam so etwas wie den Hauch einer Kunde aus Goodwood zurückgelassen; und Mrs.