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Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 52.

191

Sonntag, den 13. März.

( Nachdruck verboten.)

Elther Waters.

Roman von George Moore .

51

1904

Esther zögerte. Die Kinderstimmen waren verstummt, und die Hausthür stand noch immer offen.

,, Komm in die gute Stube; dort können wir ruhig mit einander sprechen. Wann erwartest Du Vater zurüd?"

Ach, das wird schon noch ein paar Stunden dauern." schlossen hatte, dann gingen sie beide in die gute Stube hinein Mrs. Saunders wartete, bis Esther die Hausthür ge und setzten sich zusammen auf das kleine Roßhaarsofa_am Fenster. Die Unruhe in ihren Herzen spiegelte sich auf ihren Gesichtern wider. im eventen Monat

Es regnete draußen, und der Wind pfiff heulend durch Die Baumwipfel. Der Weg war naß und aufgeweicht, und über den kahlen Feldern hing wie ein Schleier ein weißlich­grauer Nebel. Die Häuser unten am Meeresufer blickten insam und verlassen, und in der Seele des Mädchens sah es he tour day sooovrew gegangen, um deit wewett eines ihr unerträglich gewordnenen Heims zu entfliehen, und nun pilgerte sie zurück nach diesem selben Heim in tausendmal es schlimmeren Umständen, als sie es verlassen hatte, und noch dazu schwer beladen mit der Erinnerung an ein verlorenes Glück.

All der Kummer und Schmerz schwoll in Esthers Herzen an, als sie endlich im Eisenbahn - Coupé saß und zum Fenster hinausblickend zum letztenmal die steifen Pflanzungen unten am Ufer und die geraden Linien und Ecken des gelben, italieni schen Hauses zwischen den Bäumen hindurchschimmern sah. Sie zog ihr Taschentuch aus der Tasche, hielt es vor ihr Gesicht und verbarg ihr Elend, so gut sie konnte, vor den übrigen In­sassen' des Coupés. XIII.

Als Esther an der Victoriastation anfam, regnete es in Strömen. Sie raffte ihr Kleid sorgsam auf, um es nicht zu beschmutzen, und während sie durch den Kot watete, pfiff ein naßkalter Wind ihr ins Gesicht. Sie ließ ihre Kiste beim Portier stehen, weil sie nicht wußte, ob ihr Vater sie aufnehmen würde. Sie wollte jedenfalls erst ihre Mutter darum be­fragen, da man nicht gewiß sein konnte, in welcher Laune man ihn traf. Brachte sie ihre Riste gleich mit, so war es ja mög­lich, daß er sie sofort zur Thür hinauswarf; es war darum besser, sie vorerst zurückzulassen und nachher noch einmal den

Weg zu machen, um sie zu holen.

In diesem Augenblic goß ein furchtbarer Regenstrom auf sie hernieder, und sie fühlte, wie das Wasser in ihre Stiefel eindrang. Der Himmel war aschgrau, und alle die niedrigen, aus Ziegeln erbauten Häuser waren vom Nebel umhüllt; die Straße stand schon fast unter Wasser, war einsam und menschenleer und kaum ein Laut darin zu hören, als das melancholische Geklingel der Trambahn.

Sie zögerte einen Augenblick, unschlüssig, was sie thun Sie zögerte einen Augenblick, unschlüssig, was sie thun sollte. Sie wollte feinen Pfennig unnötig ausgeben, da sie sich aber des alten Sprichworts entsann, welches sagt, daß ein gut angelegter Pfennig oft mehr wert ist, als ein zu unrechter Beit gespartes Pfund, machte sie dem Kutscher ein Zeichen an­zuhalten und betrat den Wagen. Die Trambahn fuhr durch Die enge Straße, in welcher die Familie Saunders wohnte, und als Esther die Hausthür öffnete, konnte sie gleich bis in die Küche hineinsehen und hörte von dort die Stimmen der Kinder. Mrs. Saunders stand oben und fegte die Treppe. Als sie die Hausthür gehen hörte, beugte sie den Kopf über das Treppengeländer und rief:

Wer ist da?"

"

" Ich, Mutter."

" Was? Du, Esther?" " Ja, Mutter!"

Rasch eilte Mrs. Saunders die Treppe hinab, lehnte den Besen an die Wand, umarmte die Tochter und füßte sie ab. Na, das ist schön, daß Du Dich wieder einmal sehen läßt nach so langer Zeit, Esther. Aber Du siehst nicht gut aus," und mit rasch veränderter Stimme sagte sie: Was ist passiert? Hast Du Deine Stelle verloren?"

" Ja, Mutter!"

,,, wie mir das leid thut! Ich glaubte, Du wärest dort fo glücklich. Bist Du etwa wieder einmal zornig gewesen und hast ihr unhöflich geantwortet? Die Herrschaften sind ja manchmal so, daß sie einen leicht in Wut bringen, und Du mit Deiner unglücklichen Heftigkeit!... Ich weiß doch, wie Du schon immer als Kind warst!"

Nein, Mutter, ich fann meiner Dame feine Schuld geben, und auch meine Heftigkeit war nicht schuld. Nein, nein, nein; das war's nicht, Mutter

H

Aber, mein armer Liebling, so erzähle mir doch."

-

Ach, Esther! Esther!- wie schrecklich! Nein, ich kann gar nicht glauben!"

,, Arme Mutter, aber es ist doch wahr!"

Esther erzählte rasch ihre ganze Geschichte, und als ihre

Mutter noch nach mehr Einzelheiten fragen wollte, sagte fie: lieber nicht mehr darüber, als gerade nötig." Ach, Mutterchen, das ist doch ganz egal; ich spreche

Mutter herab, und als sie sie mit dem Schürzenzipfel hinweg. Thränen rollten über die eingefallenen Backen der wischte, unterbrach ein leises Schluchzen das Schweigen im Zimmer.

,, Weine nicht, Mutter. Ich bin sehr schlecht gewesen, aber Gott wird gut zu mir sein. Ich bete immer zu ihm, so wie Du es mich gelehrt hast, und ich denke, ich werde schon so oder so durchkommen."

Aber Vater wird Dich nicht hier behalten, er wird schimpfen, wie er es schon immer thut, daß so viele Mäuler da sind zum Füttern."

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schon, daß er mich dann rauswerfen würde. Ich kann für Ich will auch gar nicht umsonst hierbleiben; ich weiß mein Essen und Wohnen bezahlen. Ich habe ganz hübsch ver­dient bei den Barfields, und obwohl Mrs. Barfield mir sagte, daß ich nicht bei ihr bleiben könne, hat sie mir doch vier Pfund bar gegeben, damit ich, wie sie sagte, mein Unglück leichter er­tragen fönne. Dort unten nannten alle sie die Heilige", aber sie ist auch wirklich eine Heilige. Ich besige also fast zwölf Pfund. Weine nicht, Mütterchen, bitte, weine nicht, das nützt ja doch nichts, und Du mußt mir ja doch noch helfen, tapfer zu sein. Mit Geld in der Tasche kann ich irgendwo ein Unterkommen finden, aber ich möchte doch lieber bei Dir sein; und ich denke, Vater wird sich noch freuen, mir die gute Stube hier und mein Essen für zehn bis elf Schilling die Woche zu geben; so viel könnte ich wohl bezahlen, und er ist doch wahr­haftig keiner, der Geld von sich weist. Glaubst Du nicht, daß er mich hier behält?"

Ich weiß nicht, Kindchen, ich weiß nicht. Man weiß ja nie im voraus, was er thun wird. Ich habe es schrecklich ge­habt in der letzten Zeit. Und jedes Jahr ein Kind! Ach ja, wir armen Frauen, wir haben schon was zu ertragen!"

,, Armes Mütterchen," sagte Esther. Sie nahm der Mutter Hand in die ihre, legte den Arm um ihren Leib, zog sie zu sich heran und füßte sie zärtlich.

" Ich weiß ja, wie er war; ist er denn jetzt noch schlimmer geworden?"

,, Na, ich glaube, er trinkt noch ein bißchen mehr als früher, und darum, glaube ich auch, ist er noch heftiger. Neulich war's erst, da koche ich ihm sein Mittag; ein schönes Stückchen Beefsteak war's, und es sah so saftig aus, daß ich ein ganz fleines Häppchen abschnitt und kostete. Wie er das nun sieht, schreit er doch los: Na, Du, Alte, was machst Du mit meinem Mittag?" Ich sage:" Ich habe mir nur ein fleines Stückchen abgeschnitten, um zu kosten." Na, da will ich Dir noch etwas zu kosten geben," sagt er und giebt mir doch einen Schlag gerade mitten ins Gesicht, hier zwischen den Augen.. Ach, Du hast es gut gehabt in Deiner Stelle, Du hast gewiß schon vergessen, was wir hier alles durchzumachen haben."

,, Du bist immer zu gut zu ihm gewesen, Mutter. Mir hat er nie mehr etwas gethan, weißt Du, seitdem ich ihm das eine Mal das heiße Wasser ins Gesicht goß.

"

Manchmal ist es mir gerade so, als könne ich es nicht mehr lange ertragen, Esther, und dann habe ich das Gefühl, als müßte ich hingehen und ins Wasser springen. Jenny und Julie Du erinnerst Dich doch noch an die kleine Julie?-