Anterhaltungsblatt des Vorwärts

Nr. 60.

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Donnerstag, den 24. März.

( Nachdruck verboten.)

Esther Waters.

Roman von George Moore .

Woher weißt Du denn das, Jenny?" fragte Esther. Eine Freundin von mir hat es mir erzählt; die war letztes Jahr auch hier, so wie Du jetzt, und die hat's bekommen; und wenn Du nur willst, kannst Du es auch friegen. Denke doch bloß mal: sechs bis acht Monate lang ein Pfund die Woche und alles frei; da könntest Du mir doch wahrhaftig zwei Pfund davon abgeben und mich mit den andern nach Australien gehen lassen."

,, Wenn ich wüßte, daß das alles wahr ist, würde ich Dir gern das Geld geben."

" Das kannst Du doch schnell genug ausfinden; schick' doch nach der Oberin und frag' sie! Soll ich sie holen gehen? Dann wirst Du schon hören, was sie sagt."

Jenny lief davon und kam wenige Augenblicke später mit einer gutmütig aussehenden Frau in mittlerem Alter zurück, deren Antlig deutlich den eilig fragenden Ausdruck der über mäßig beschäftigten Menschen frug. Bevor sie noch den Mund geöffnet hatte, fagten ihre Augen schon: Nun schnell, was wollt ihr? Sputet Euch!

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,, Vater und die andern gehen nach Australien ," begann Jenny schnell, Mutter ist tot, letzte Woche haben wir sie be­graben, darum will Vater nun auswandern. Aber der Agent will zwei Pfund pro Person haben, und da sagt Vater, er fann mich nicht mitnehmen, denn er hat gerade nur Geld genug für die andern; und da ich die älteste bin, nach Esther, die aber bloß feine Stieftochter ist, sagt er, ich muß hier bleiben, ich sei alt genug, um mich selbst zu ernähren; aber ich meine, daß das zu viel verlangt ist, ich bin doch eben erst sechzehn. Und darum bin ich hergekommen und hatte meiner Schwester gesagt"

" Ja, mein gutes Mädchen, ich verstehe nicht, was Sie eigentlich von mir wollen? Ich kann Ihnen keine zwei Pfund geben, um nach Auſtralien zu reisen; ich vergeude bloß meine Zeit, wenn ich hier stehe und mit Ihnen rede."

Aber so lassen Sie mich doch ausreden, Missis, ich will ja nur, daß Sie meiner Schwester sagen sollen, wie Sie ihr ' ne Stelle als Amme beforgen können, wo sie ein Pfund pro Woche verdient. Ich hab' ihr gesagt, daß die Ammen meistens so viel verdienen, aber sie will es mir nicht glauben; wenn Sie es ihr aber auch noch sagen, will sie mir zwei Pfund geben, und ich kann dann mit Vater nach Australien gehen, wo, wie alle Leute sagen, ein Mädchen gute Chancen hat."

Die Oberin blickte etwas verächtlich auf den zerrissenen, beschmutzten Rock, die zerlumpten Stiefel und den schiefen Hut des Mädchens und zog rasch ihre Schlußfolgerung bezüglich des moralischen Wertes dieses unverschämten Wesens.

" Ich meine," fagte sie dann, daß Ihre Schwester sehr unrecht thun würde, Ihnen ihr Geld zu geben."

O Missis, wie können Sie das sagen?" Woher weiß ich denn überhaupt, daß Sie die Wahrheit sprechen? Vielleicht gehen Sie schließlich gar nicht nach Australien !"

Nein, vielleicht geb' ich nicht nach Australien ?! Das fürcht' ich eben auch. Aber daß Vater geht, das kann ich Ihnen beweisen. Ich hab' einen Brief von Vater hier; ich hab' ihn mitgebracht, hier ist er; na, ist Ihnen das nun genug?"

Bitte, bitte, nur nicht unverschämt, sonst lass' ich Sie aus dem Hospital hinausführen."

" Ich wollte ja gar nicht unverschämt sein," sagte Jenny sehr demütig, aber man braucht sich doch nicht ins Gesicht hinein sagen zu lassen, daß man lügt, wenn man die Wahr­heit spricht."

Nun ja," sagte die Oberin, ich sehe, daß Ihr Vater nach Australien gehen will;" und sie reichte Jenny den Brief zurück und Sie wollen nun von Ihrer Schwester wirklich das Geld haben, um mitgehen zu können?"

Ich will Sie nur bitten, meiner Schwester zu sagen, daß Sie ihr' ne Stelle als Amme besorgen können; dann wird sie mir vielleicht das Geld schenken!"

1904

wahrscheinlich, daß ich ihr eine Stelle mit einem Pfund pro Woche besorgen fann."

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Aber," sagte Esther, dann müßte ich doch Baby in Pension geben."

Das wirst Du auf alle Fälle thun müssen," sagte Jenny rasch, Du kannst doch nicht neun Monate lang von Deinem bißchen Geld leben und Dir all das gute Essen kaufen, das Du brauchen wirst, um die Milch zu erhalten."

,, Wenn ich Ihre Schwester wäre, würde ich Ihnen was husten, aber fein Geld geben! Was für' ne Frechheit! Kommt zur Schwester nach Geld, um damit nach Australien zu gehen, wo ein Mädchen Chancen hat, und die Schwester bleibt hier allein zurück mit' nem Sind an der Brust! So was ist mir noch nicht vorgekommen!"

Jenny und die Oberin wandten sich plötzlich um und sahen die Frau in dem andern Bett an, welche diese Worte ge­sprochen hatte. Sofort geriet Jenny in Wut.

,, Was geht Sie das au, möcht' ich wissen?" schrie sie. Sie haben Ihre Nase nicht in meine Angelegenheiten zu ſtecken." Ruhe, Ruhe," ermahnte die Oberin, ich erlaube hier feinen Bank."

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Bank? Wer zankt denn? Ich möcht' mur wissen, was die das angeht?"

,, Ruhe, sage ich; ich erlaube Ihnen nicht, meine Kranken hier aufzuregen. Noch ein Wort und ich lasse Sie zum Hospital hinausführen."

Mich' rauswerfen? Warum denn? Wer hat denn an­gefangen zu zaufen? Nein, Missis, Sie müssen gerecht sein; meine Schwester hat mir noch nicht geantwortet."

Nun, dann muß sie es schnell thun, ich habe nicht Zeit, hier den ganzen Tag herumzustehen."

,, Wenn Sie mir eine Stelle als Amme verschaffen können, so will ich meiner Schwester das Geld geben, damit sie nach Australien gehen kann."

" Ich glaube, daß ich es Ihnen versprechen kann. Sie haben mir vier Pfund fünf Schilling zum Aufbewahren ge­geben; ich entsinne mich genau der Summe, weil, so lange ich hier bin, noch keine Wöchnerin mit so viel Geld hierher­gekommen ist. Wenn sie fünf Schilling in der Tasche haben, glauben sie meistens, fie tönnen halb London damit kaufen.". " Ja, meine Schwester ist eben sehr sparsam," sagte

Jenny.

Die Oberin blickte sie scharf an und sagte:

Nun kommen Sie mal mit mir, ich werde das Geld hrer Schwester Holen; ich lasse Sie nicht hier, sonst zanken sich noch mit meinen Kranken."

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Nein, Missis, ich werde keinen Ton sagen!"

,, Sie haben zu gehorchen; kommen Sie mit."

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Jenny warf der Frau in dem andern Bett einen wütenden Blick zu und ging hinter der Matrone zur Thür hinaus. Als sie zurückkam, waren ihre Blicke so gierig auf die Hand der Oberin geheftet, als ob sie die Goldstücke ihr mit Gewalt hätte entreißen mögen.

Hier ist Ihr Geld," sagte die Oberin, vier Pfund fünf Schilling Sie können Ihrer Schwester davon geben, soviel Sie wollen."

Esther hiel die vier Goldstücke und die zwei halben Kronen einen Augenblick zögernd in der Hand, dann sagte sie:

Sier, Jenny, sind die zwei Pfund, die Du brauchst, um nach Australien zu gehen; ich hoffe, daß sie Dir Glück bringen werden, und daß Du manchmal an mich denken wirst.

Gewiß werd' ich das, Esther. Du bist mir' ne gute Schwester gewesen, wahrhaftig, das warst Du; ich werde Dich nie vergessen und ich werde Dir auch mal schreiben. Es ist ' ne schwere Trennung!"

" Na, schon gut, schon gut!" faste die Oberin, die Thränen sind überflüssig. Ihr Geld haben Sie, mun sagen Sie Ihrer Schwester adieu und machen Sie, daß Sie fort­kommen."

Seien Sie doch nicht so herzlos," sagte Jenny, Sie jetzt auf einmal in Rührung zerfloß. Haben Sie denn gar kein Gefühl, wissen Sie nicht, was es heißt,' ner Schwester adieu sagen, vielleicht für immer?"

Wenn Ihre Schwester als Amme gehen will, ist es sehr,

Jenny warf sich in Esthers Arme und weinte bitterlich. Esther, ich hab' Dich so lieb; Du bist so gut zu mir ge­